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Lies das folgende Kapitel aus dem Roman »Spukhafte Fernwirkung« und nimm es als Ausgangspunkt für deinen eigenen Text. Durch Klick auf den Button hat du viermal die Möglichkeit einen neuen Textausschnitt anzufordern.


132 / 91 mmHg

Es ist gar nicht so einfach, den Namen des Keims auswendig zu lernen, von dem ihr Herr Brinkhoff erzählt hat. Bis Staphylo schafft Siri es problemlos, kokken kriegt sie auch noch hin (seit Mittwoch), aber irgendwie will das toxin nicht an den kokken hängenbleiben. Es ist wegen der vielen Os, denkt Siri. Die stoßen sich gegenseitig ab. Als Kind hatte sie das beste Kurzzeitgedächt- nis der Schule. Einmal im Jahr gab es einen großen Wettbewerb, der sich über mehrere Wochen hinzog. Zuerst traten alle Kinder einer Klasse einzeln gegeneinander an. Die Lehrerin servierte auf einem Tablett zwanzig Gegenstände. Nach einer halben Minute mussten sich die Kinder umdrehen und alle Gegenstände auf- zählen, an die sie sich erinnern konnten: Uhr, Blatt, Nagelfeile, Hut, Bild, Legofigur, Nuss, Münze, CD, Schnur, Pinsel, Tasse, Batterie, Schuh, Buch, Stein, Schlüssel, Apfel, Schere, Kabel. Die Beste der Klasse (Siri) trat gegen die Beste der Parallelklasse an, die Siegerin (Siri) gegen die Siegerin der Klasse über ihrer mit demselben Buchstaben (b). Und so weiter. In allen Jahren, in denen Siri am Marie-Curie-Gymnasium war, gab es immer
nur eine Siegerin (Siri), die für ihre jeweilige Klasse den Pokal gewann. Sie bekam für ihre Leistung jedes Jahr ein Sachbuch, aber Siri erinnert sich nicht daran, eins dieser Bücher jemals gelesen zu haben. Es ging meistens um Weltrekorde.

14:23 Uhr
Wurstbrot

Der Mann hat einen Arm um den Mülleimer geschlungen, als wolle er ihn umarmen wie einen alten Kumpel, er liegt reglos mit geschlossenen Augen, beziehungsweise er liegt gar nicht, sondern hängt vielmehr, weil der Abstand zwischen Mülleimer und Boden zu groß ist für die Proportionen dieses Mannes. Cornelia sieht, wie der Mann halb verrenkt in der Luft hängt, und denkt, das muss doch wehtun, der klemmt sich die Blutzufuhr ab, so wie der Arm da gequetscht wird, weil zwei entgegengesetzte Kräfte an ihm wirken, die Masse des Mülleimers zieht nach oben und das Gewicht des Mannes drückt nach unten; und auch an Cornelia wirkt jetzt eine Kraft, die bewirkt, dass sie sich für ihre nutzlose Neugierde schämt. Sie versucht, kein weiteres Mal hinzuschauen, denn das weiß Cornelia auch, dass sie dem Mann eigentlich helfen müsste, sich aus dieser unwürdigen Position zu befreien, aber sie weiß nicht, wie sie das anstellen soll. Auch die anderen Wartenden wissen es nicht, auch sie werfen verstohlene Blicke, auch sie fragen sich, weil sie nicht wissen, was sie sonst denken sollen, ob die Blutzirkulation nicht abgeschnitten wird, wenn man den Arm so verdreht um einen Mülleimer geschlungen hat, während der restliche Körper über dem Boden hängt. Cornelia sieht, wie eine Frau mit rosa Haaren den Mann mustert, deshalb wagt auch sie einen zweiten Blick. Der Stoff der Hose zwischen den Beinen des Mannes färbt sich dunkel, als würde man Tinte in ein Aquarium gießen.

Zwei Servicekräfte der Verkehrsbetriebe haben den Mann entdeckt und wecken ihn, der Mann schlägt die Augen auf und hat sofort die traurigsten Augen der Welt, alle Umstehenden sehen in diese Augen und möchten sofort weinen, aber sie weinen nicht. Dem Mann läuft etwas aus der Nase, es ist kein Blut, vielleicht lösen sich seine Gedanken auf, denkt Cornelia, vielleicht die Gedanken, die er bräuchte, um irgendwie aus dieser Situation herauszukommen. Oder die Gedanken verabschieden sich, weil es einfach keinen Weg mehr gibt. Eine Frau hat ihr Wurstbrot in den Mund gesteckt und vergisst, was sie damit machen wollte; mit dem Brot zwischen den Zähnen starrt sie den Mann an, der aufgestanden ist und in den nahenden Bus einsteigen möchte. Die Servicekräfte winken bedauernd ab, eine Fahrt in diesem Zustand ist nicht möglich, brauchen Sie Hilfe, sollen wir einen Arzt holen, aber der Mann weiß nicht, was Arzt ist, er deutet auf den Bus, er möchte mit diesem Bus fahren. Alle Fahrgäste steigen ein, der Mann nicht, er kann erstens sich kaum bewegen, weil er zu schwach auf den Beinen ist, zweitens halten ihn die Servicekräfte fest. Cornelia hat einen Moment lang gewartet, bis sie eingestiegen ist, sie wollte sich vergewissern, ob die Servicekräfte ok mit dem Mann umgehen, zumindest solange, bis der Bus kommt. Die Frau mit den rosa Haaren putzt sich die Nase.

14:28 Uhr
Glenfarclas 105

Frederic geht zum gefühlt hundertsten Mal am Kaschmirladen vorbei, er hat ausnahmsweise Lust, sich etwas zu kaufen, eine Krawatte zum Beispiel, aber er unterdrückt den Kaufwunsch, denn Krawatten wird es sowieso nicht mehr lange geben, es ist eine aussterbende Textilgattung, in seiner Masterarbeit hat Frederic genau das berechnet, den Lorentz-Attraktor von Krawatten, im Einzelnen wäre es zu schwierig, das zu kolportieren, aber die Krawatte stirbt aus, hat er heute noch zu seinen Mitarbeitern gesagt, er sagt das Wort kolportieren überhaupt sehr gerne, warum, weiß er nicht, es wärmt seinen Rücken wie ein Glenfarclas 105. Er geht durch das Einkaufszentrum, ohne etwas zu kaufen, er geht den Weg, den er immer geht, erst eine Schleife durch Flur A, C und D im Erdgeschoss, dann mit der Rolltreppe in den ersten Stock, von dort aus biegt er in Flur E und geht eine Schleife durch E, F und B, und diese Schleife verhält sich rechtwinklig zur ersten Schleife und am Ende geht er noch eine dritte Schleife, nämlich am Eiscafé Diana vorbei, durchs Parkhaus und von dort im Treppenhaus A wieder zurück in sein Büro. Er weiß, dass seine Mitarbeiter denken, er sei zwanghaft, aber auf diesen Gängen hat er immer die besten Ideen, warum sollte er etwas dagegen tun. Solange er seine Bahnen geht, ist er in Sicherheit.


Wenn Channa Syed keine bezahlten Online-Kommentare für Visuals of London schreibt, versucht sie sich – unbezahlt – auf ihren Bachelor vorzubereiten. Sie findet es ein bisschen unfair, dass im Gegenzug der Bachelor sich nicht auf sie vorbereitet, warum muss alles immer so eingleisig ablaufen. Seit der Frühen Neuzeit bricht das hierarchische Gesellschaftsmodell zusammen, angeblich, nur ist das noch nicht in Channa Syeds Leben angekommen, warum eigentlich nicht. Und wieso eigentlich Frühe Neuzeit? Channa findet es der Neuzeit gegenüber unfair, sie bereits jetzt, wo sie noch nicht einmal zu Ende ist, in Frühe, Jüngere und Neueste Neuzeit einzuteilen. Was wenn die Neuzeit noch ewig dauert – was durchaus wahrscheinlich ist, denn welche Zeit soll der Neuzeit bitte noch folgen? Es ist schon siebzehn Uhr, und Channa hat erst zwei Seiten Fachliteratur gelesen, und noch keinen einzigen Satz geschrieben, abgesehen von den beiden Sätzen auf der Produktseite von Visuals of London. Waschen muss sie auch noch. Abgabeschluss ist in vier Wochen. Einerseits ist die Zeit ewig, zumindest die Neuzeit, andererseits rast sie.

Was interessiert dich an dieser Szene? Eine der Figuren? Der Ort? Ein bestimmtes Wort? Es kann auch sein, dass du ein Gefühl ausdrücken möchtest, eine Stimmung, die dich bewegt. Oder etwas, das du beobachtet hast und dich vielleicht schon länger beschäftigt.

Und noch etwas: Mach dir keine Sorgen um Grammatik und Rechtschreibung, etwaige Fehler werden von der 4. Perspektive korrigiert.

BEREIT?

Wo spielt deine Szene? Wähle einen Ort oder erfinde einen neuen. Du kannst auch Orte aus dem vorgeschlagenen Text nehmen.

Wer ist die Figur in deinem Text? Wähle eine Figur oder erfinde eine neue. Du kannst auch Figur(en) aus dem vorgeschlagenen Text nehmen.

Was mag deine Figur, was mag sie nicht? Wähle Vorlieben und Abneigungen aus oder denke dir selbst etwas aus, das zu deiner Figur passt. Du kannst dich auch vom vorgeschlagenen Text inspirieren lassen.

Was beschäftigt deine Figur, was ist ihr Problem? Wähle ein Problem aus der Liste aus oder erfinde ein neues.

Und nun nur noch zu dir: