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Lies das folgende Kapitel aus dem Roman »Spukhafte Fernwirkung« und nimm es als Ausgangspunkt für deinen eigenen Text. Durch Klick auf den Button hat du viermal die Möglichkeit einen neuen Textausschnitt anzufordern.

14:23 Uhr
Wurstbrot

Der Mann hat einen Arm um den Mülleimer geschlungen, als wolle er ihn umarmen wie einen alten Kumpel, er liegt reglos mit geschlossenen Augen, beziehungsweise er liegt gar nicht, sondern hängt vielmehr, weil der Abstand zwischen Mülleimer und Boden zu groß ist für die Proportionen dieses Mannes. Cornelia sieht, wie der Mann halb verrenkt in der Luft hängt, und denkt, das muss doch wehtun, der klemmt sich die Blutzufuhr ab, so wie der Arm da gequetscht wird, weil zwei entgegengesetzte Kräfte an ihm wirken, die Masse des Mülleimers zieht nach oben und das Gewicht des Mannes drückt nach unten; und auch an Cornelia wirkt jetzt eine Kraft, die bewirkt, dass sie sich für ihre nutzlose Neugierde schämt. Sie versucht, kein weiteres Mal hinzuschauen, denn das weiß Cornelia auch, dass sie dem Mann eigentlich helfen müsste, sich aus dieser unwürdigen Position zu befreien, aber sie weiß nicht, wie sie das anstellen soll. Auch die anderen Wartenden wissen es nicht, auch sie werfen verstohlene Blicke, auch sie fragen sich, weil sie nicht wissen, was sie sonst denken sollen, ob die Blutzirkulation nicht abgeschnitten wird, wenn man den Arm so verdreht um einen Mülleimer geschlungen hat, während der restliche Körper über dem Boden hängt. Cornelia sieht, wie eine Frau mit rosa Haaren den Mann mustert, deshalb wagt auch sie einen zweiten Blick. Der Stoff der Hose zwischen den Beinen des Mannes färbt sich dunkel, als würde man Tinte in ein Aquarium gießen.

Zwei Servicekräfte der Verkehrsbetriebe haben den Mann entdeckt und wecken ihn, der Mann schlägt die Augen auf und hat sofort die traurigsten Augen der Welt, alle Umstehenden sehen in diese Augen und möchten sofort weinen, aber sie weinen nicht. Dem Mann läuft etwas aus der Nase, es ist kein Blut, vielleicht lösen sich seine Gedanken auf, denkt Cornelia, vielleicht die Gedanken, die er bräuchte, um irgendwie aus dieser Situation herauszukommen. Oder die Gedanken verabschieden sich, weil es einfach keinen Weg mehr gibt. Eine Frau hat ihr Wurstbrot in den Mund gesteckt und vergisst, was sie damit machen wollte; mit dem Brot zwischen den Zähnen starrt sie den Mann an, der aufgestanden ist und in den nahenden Bus einsteigen möchte. Die Servicekräfte winken bedauernd ab, eine Fahrt in diesem Zustand ist nicht möglich, brauchen Sie Hilfe, sollen wir einen Arzt holen, aber der Mann weiß nicht, was Arzt ist, er deutet auf den Bus, er möchte mit diesem Bus fahren. Alle Fahrgäste steigen ein, der Mann nicht, er kann erstens sich kaum bewegen, weil er zu schwach auf den Beinen ist, zweitens halten ihn die Servicekräfte fest. Cornelia hat einen Moment lang gewartet, bis sie eingestiegen ist, sie wollte sich vergewissern, ob die Servicekräfte ok mit dem Mann umgehen, zumindest solange, bis der Bus kommt. Die Frau mit den rosa Haaren putzt sich die Nase.


Der Bus hält direkt vor der Tür, hat Aylin erzählt, als Tahire sie zum letzten Mal gesehen hat. Das ist so krass da, es gibt drei Stockwerke, im oberen ist es immer leer, da sind die Handys, Elektro und Steine. Was für Steine, hat Tahire gefragt, aber Aylin hat die Schultern gezuckt, keine Ahnung, irgendwelche Steine halt. Und unten ist es immer voll, da sind die Sachen, die jeder braucht, Lebensmittel, Süßkram und Sonderangebote, da kaufen die Leute so viel Sonderangebote, wie sie tragen können, aber die taugen nichts und nächste Woche müssen sie wieder neue Sonderangebote kaufen.
Und in der Mitte?, hat Tahire gefragt und gelacht, Aylin ist immer so kritisch, überkritisch und genau, eine Streberin, haben sie in der Schule immer gesagt. Tahire mochte Aylin vom ersten Tag an, gerade das Streberhafte mag sie.
In der Mitte kannst du Kaffee aus Kapseln trinken, das ist jetzt total in, Kaffee mit Erdbeergeschmack oder Cola oder Vanille. Es gibt sogar Kaffee mit Whiskeygeschmack, ist das nicht krank? Das Geschäft mit den Whiskeykapseln hat Tahire nicht gefunden, aber das mit den Steinen, das stimmt. Im dritten Stock ist tote Hose.

1990
Liebeskummer

Maggie schreibt zwei Briefe, den ersten zart, den zweiten zornig. Karlo antwortet nicht. Es ist der erste große Liebeskummer in Margits Leben, und es wird der große Liebeskummer in Margits Leben bleiben, er dauert ein halbes Jahr und sie erholt sich nie so ganz von ihm. Sie kann den Schmerz nicht vergessen, der sich in ihr festgebissen hat und der sich bei jedem Versuch, sich von ihm zu befreien, nur noch tiefer in ihr Herzfleisch eingräbt. Nie wieder wird sie den Zweifel an sich selbst vergessen, der unweigerlich die Frage nach dem Sinn des Lebens nach sich zieht, die Frage nach der Daseinsberechtigung. Es muss ein Sinn des Lebens her, um dieser Frage etwas entgegenzusetzen. Es muss etwas Größeres als der Schmerz her, etwas, das größer ist als Margit und ihre Existenz.

09:03 Uhr
Konfi-Angst

Jeden Tag um neun beginnt die Themenkonferenz. Irma setzt sich ganz hinten hin. Der Konferenzraum ist der stickigste Raum im Haus, aber auch der einzige, der zur Verfügung steht, alle anderen Konferenzräume sind seit Jahresbeginn weitervermietet, an einen Caterer, ein Start-Up und eine Fernbuszentrale.

Was steht heute an, fragt Valentina. Warum werde, denkt Irma, ich bloß diese, und schaut aus dem Fenster, Konfi-Angst nicht los. Sie schaut auf das Einkaufszentrum gegenüber und auf die Birke, die ganz alleine in einer Einrahmung auf dem gepflasterten Platz steht. Arbeitsverweigerung zum Beispiel ist, denkt Irma, möglich – Konfiverweigerung dagegen! Das gibt es noch nicht einmal als Wort. Hoffentlich merkt niemand, dass Irma zu nichts nutze ist außer zu Anwesenheit. Gleich spricht mich jemand an, Susana zum Beispiel, vor Susana hat sie am meisten Angst; aber Susana ist heute gar nicht da, und erschrocken, fast gewaltsam dreht Irma ihren Kopf wieder zurück zur Konfi, weg vom Fenster, weg von der Birke, weg vom Gedanken, und da ist die Themenkonferenz schon um und sie hat wieder kein einziges Wort gesagt.

Zumindest keins, das gehört worden ist. Manchmal sagt Irma schon etwas, zum Beispiel, wenn eh alle durcheinanderreden, dann sagt sie auch etwas, oft etwas von dem, was sie am Morgen gedacht hat, meistens irgendeine Idee, die sie gleich nach dem Aufwachen hatte, aber das geht natürlich unter, manchmal geht das auf eine Weise unter, dass alle verwirrt auf Irma blicken, weil ihr Satz mit ihrer Idee noch nicht zu Ende gesprochen war, während die Sätze der anderen schon verklungen sind. Könnten wir doch, wär doch wichtig, hören die anderen dann noch und schauen, und Irma könnte jetzt, an dieser Stelle, den ganzen Satz mit der ganzen Idee wiederholen, aber sie zieht die Schultern ein und schämt sich, für die eingezogenen Schultern. Aber nicht nur deswegen, sondern auch ganz allgemein. Die anderen kennen das irgendwie von sich selbst, wissen aber auch nichts Genaues darüber, sie gehen jetzt erst einmal frühstücken und Irma geht auch frühstücken.

Was interessiert dich an dieser Szene? Eine der Figuren? Der Ort? Ein bestimmtes Wort? Es kann auch sein, dass du ein Gefühl ausdrücken möchtest, eine Stimmung, die dich bewegt. Oder etwas, das du beobachtet hast und dich vielleicht schon länger beschäftigt.

Und noch etwas: Mach dir keine Sorgen um Grammatik und Rechtschreibung, etwaige Fehler werden von der 4. Perspektive korrigiert.

BEREIT?

Wo spielt deine Szene? Wähle einen Ort oder erfinde einen neuen. Du kannst auch Orte aus dem vorgeschlagenen Text nehmen.

Wer ist die Figur in deinem Text? Wähle eine Figur oder erfinde eine neue. Du kannst auch Figur(en) aus dem vorgeschlagenen Text nehmen.

Was mag deine Figur, was mag sie nicht? Wähle Vorlieben und Abneigungen aus oder denke dir selbst etwas aus, das zu deiner Figur passt. Du kannst dich auch vom vorgeschlagenen Text inspirieren lassen.

Was beschäftigt deine Figur, was ist ihr Problem? Wähle ein Problem aus der Liste aus oder erfinde ein neues.

Und nun nur noch zu dir: