Lies das folgende Kapitel aus dem Roman »Spukhafte Fernwirkung« und nimm es als Ausgangspunkt für deinen eigenen Text. Durch Klick auf den Button hat du viermal die Möglichkeit einen neuen Textausschnitt anzufordern.
In Jaroslavs Wohnung riecht es in letzter Zeit nach Parfüm, wenn er nach Hause kommt, er selbst benutzt keins, es muss also woanders herkommen. Er muss aber zugeben, dass er das Parfüm sehr gerne riecht; am ersten Abend dachte er noch, es komme von der Nachbarin, die gegenüber wohnt, dass der Wind ihren Duft von Balkon zu Balkon und dann in seine Wohnung geweht hat, er sah förmlich den Weg, den das Parfüm genommen hatte, über die Geranien, die kleine Palme, den Tisch und dann durch die geöffnete Balkontür, da bin ich. Nur dass die Nachbarin, wie sich herausstellt, seit ein paar Tagen schon im Krankenhaus ist. Jaroslav schnuppert an seiner Kleidung, manchmal fängt die Kleidung ja auch fremde Gerüche ein und konserviert sie, eigentlich auch irgendwie schön, denkt er, aber ganz wohl ist ihm dabei nicht. Nach einer Woche aber, als er abends nach Hause kommt, strömt ihm der Geruch gleich entgegen wie ein kleiner Hund, der den ganzen Tag allein war. Es muss jemand in Jaroslavs Wohnung gewesen sein. Auf dem Sofa ist ein seltsamer Fleck, der gestern noch nicht da war. Jemand hat die Salami im Kühlschrank aufgegessen. Die Verpackung liegt noch auf dem Küchentisch. Jaroslav hört, wie der Wasserhahn im Bad tropft. Es ist das einzige Geräusch in der Wohnung.
Frühstück auf der Terrasse, frische Luft, Ruhe, Kühe, Pferde, Rehe, Vögel, Spaziergänge. Siri freut sich seit Wochen auf den Urlaub. In den Wochen vor dem Urlaub schaut sie sich fast täglich die Fotos von ihrer Unterkunft an, es ist ein Hotel mitten in der Natur. Nur Natur und Hotel und Hotelterrasse. Sie hat Halbpension gebucht, tagsüber will sie unterwegs sein, die Gegend erforschen, ein bisschen Sport treiben. Und lesen. Sie hat sich einen Stapel Bücher gekauft, zwei Krimis, ein Ratgeberbuch und einen Roman von Kristine Bilkau, in dem es um die 1960er Jahre geht. Siri wünscht sich manchmal zurück in diese Zeit, die sie selbst gar nicht erlebt hat, das Leben damals kommt ihr viel beschaulicher vor als heute. Im Rückblick sieht natürlich alles immer kompakter aus, das ist Siri schon klar. Für Frauen war es nicht immer angenehm, aber diese Überforderung wie heute, die gab es nicht. Schon was den Straßenverkehr angeht. Siri wünscht sich ein Leben, das sie quasi im Rückblick erleben kann. Wer wünscht sich das nicht? Als sie mit der Reisegruppe ankommt, sieht es genau so, wirklich ganz genau so aus wie in den Prospekten. Eigentlich sogar noch schöner, weil die frische Luft und das Vögelgezwitscher, das hat sie auf den Bildern nicht sehen können.
1985
Epagomene
Von den sieben Büchern, die Siri nach dem Ende ihrer Schullaufbahn der Bibliothek des Marie-Curie-Gymnasiums schenkt, handeln sechs von Weltrekorden und eins von Sonnensystemen, Lichtgeschwindigkeiten und warum die Zeit nur in eine einzige Richtung vergehen kann. Solche Sachen. Das Buch ist kindgerecht geschrieben, wird aber dennoch nur zweimal ausgeliehen, einmal von einer Schülerin der 10b namens Gülsen und einmal von Wanja aus der 9c, dessen Lieblingsfach Erdkunde ist. Beide lesen das Buch in einer astronomischen Geschwindigkeit durch und werden erst spät, etwa im Alter von Mitte 30, lernen, dass die überwiegende Mehrheit ihrer Mitmenschen keine Ahnung von astrophysikalischen Zusammenhängen hat. Weder Gülsen noch Wanja werden jemals den Wunsch verspüren, die Ahnungslosen aufzuklären. Sie brauchen doch nur das Buch zu lesen, denken sie, unabhängig voneinander, denn die beiden haben sich zwar jahrelang auf dem Schulhof gesehen, aber keinerlei Berührungspunkte. Gülsens Lieblingskapitel ist das über die Epagomene, und die Tatsache, dass bereits die Ägypter mit Schalttagen operierten, bestärkt sie in der Überzeugung, dass sicherlich jeder Mensch schon darüber nachgedacht hat, wie man das Problem Zeit mit dem Problem Nacht in Einklang bringt. Wanjas Lieblingskapitel ist das über die schwarzen Löcher, in denen die Zeit
verschwindet. Einmal versucht er seinem Banknachbar Jens den Unterschied zwischen einem Wurmloch und einem Schwarzen Loch zu erklären; das Gespräch endet damit, dass Wanja Jens’ Federmäppchen aus dem Fenster wirft. Danach sind sie keine Freunde mehr. Weil das Buch so selten ausgeliehen wird, sortiert es der Schulbibliothekar aus und spendet es der Bibliothek einer Jugendpsychiatrie.
Noch nie hat Esma etwas anderes empfunden als Leere. Er empfindet sogar absolute Leere. Aber das ist nichts Schlimmes, da er diese Leere ohne besonderen Anlass empfindet. Nur wenn man absolute Leere als Ausweg empfände, wäre Leere schlecht, davon ist Esma überzeugt. Wenn Esma sagt, dass er nichts als absolute Leere empfindet, sieht er, wie sich diese von ihm empfundene Leere in den Augen seiner Freunde widerspiegelt. Das fasziniert ihn. Wobei er sich fragt, wie es möglich ist, absolute Leere zu empfinden und von der Spiegelung der Leere fasziniert zu sein. Schließen sich Leere, Spiegelung und Faszination nicht aus? Offenbar liegt hier ein Fühlfehler vor.