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Lies
mit!

Autor:in: Jo

“Noch einen durchziehen und dann schwimmen gehen? Hmm, was denkst du Suse?”, schlug Rudi lachend vor.
Susanne schwebte noch auf der letzten Höhe, die das Pulver von Jona ihr beschert hatte. Suse kannte es schon von Rudi. Er war als erster runtergekommen von seinem Trip und wollte sofort neues Zeug nachlegen. Suse schaute ihn müde an und scannte dann den Raum. Mo und Jessica lagen lachend auf der Luftmatratze zwischen Fernseher und Küchenzeile.
Sie berappelte sich und lief langsam, leicht taumelnd, auf Rudi zu, der lässig in die Tür der Hütte gelehnt stand. Er schmunzelte. Suse verdrehte die Augen und tapste an ihm vorbei in den kleinen Garten, der großen Kleingartenanlage von Blankensee, in der die verwaiste Laube stand. Rudi hatte ihnen erzählt, es sei der alte Kleingarten seines Onkels gewesen, der wegen zu hoher Schuldenlast nach Minnesota abgehauen war. Suse zweifelte an dieser Geschichte. Vermutlich hatte Rudi den leerstehenden Garten einfach entdeckt und die Laube aufgebrochen, worauf das stark beschädigte Schloss der labilen Holztür hinwies. Seit letztem Sommer verbrachten sie fast jeden warmen Tag dort. Manchmal schliefen sie und Rudi in der kleinen Laube, wenn abends der Weg ins Wohnheim zu lang und zu beschwerlich schien. Immer dann rauchten sie noch einen zusammen und legten sich auf die Matratze, zwischen Fernseher und Küchenzeile. Morgens fuhr Suse alleine zur Vorlesung. Rudi machte, was auch immer Rudi machte.
Suse setzte sich auf die Bank am Gartenzaun. Die Sonne schien auf ihre blasse Haut, sie schloss die Augen.
Sie kniff die Augen stärker zusammen, als sich dieses dumpfe Ziehen in ihrem Unterleib wieder meldete. Es war nicht ihre Regel. Es gab sie nicht mehr. Keine Regel, keine Regeln. Schon zu lange. Suse versuchte es zu verdrängen, schon zu lange. Morgens übergab sie sich heimlich auf der Toilette, und das nicht, weil sie anorektisch war. Die sauren Gurken von Knaxx aß sie am liebsten, seit neustem mit Nudossi. Sie schob es, immer wenn einer ihrer Freunde es mitbekam, auf den Fressflash, den sie vom Kiffen bekam. Noch sah man es ihr nicht an. Es musste von Rudi sein.
Suse stand auf und lief zurück in Richtung Laube. Rudi stand an dem winzigen Küchenblock und kochte dort gerade Cabonara. Jetzt zog auch Suses Magen. In seinem Mund klemmte ein glühender Joint, es roch nach Gras.

Originaltext

10:38 Uhr
Frenchpress

Zum Glück kann Marius heute früher Schluss machen, er hat einen halben Tag Urlaub genommen, weil seine Mutter zu Besuch ist. Obwohl seine Mutter nichts Unvernünftiges anstellt, ist er irgendwie misstrauisch ihr gegenüber. Er kann gar nicht sagen, was es ist, aber sie wirkt auf ihn irgendwie unberechenbar, das war schon immer so. Seine Mutter ist nicht wie andere Mütter, und Marius hat sich daran gewöhnt, er hatte 23 Jahre lang Zeit, sich daran zu gewöhnen. Sie übernachtet auf einer Luftmatratze in seiner Küche, die Luftmatratze hat sie selbst mitgebracht. Am Morgen hat sie noch geschlafen, Marius hat eine Kanne Kaffee in der Frenchpress zubereitet, nach dem Duschen hat er sich eine Tasse eingeschenkt und ist wieder in sein Schlafzimmer gegangen. Seine Mutter ist nicht wach geworden, das kommt ihm noch immer etwas komisch vor. Sie hätte zumindest kurz die Augen öffnen und guten Morgen, ich bin noch müde, sagen können. Aber nichts. Sie tat einfach so, als schliefe sie. Oder sie schlief wirklich. Bevor er ging, hat Marius den restlichen Kaffee in eine Warmhaltekanne gefüllt, die er extra für ihren Besuch gekauft hat.

Autor:in: anonym

Nach einigen Minuten verliert die Frau ihren Hund aus den Augen.
Sie bleibt stehen und lässt ihren Blick schweifen. Gegenüber von ihr befindet sich eine kleine Bäckerei. Die Frau schaut sich noch einmal um, in der Hoffnung, den Hund doch noch zu finden, und entscheidet sich dann, die Bäckerei zu betreten. Sie öffnet die Tür und eine kleine Glocke erklingt.
Außer der Person hinter der Theke, befindet sich niemand sonst in dem kleinen Raum. Die Frau geht mit schnellen Schritten auf den Mann zu.
„Entschuldigung, haben Sie möglicherweise einen kleinen Hund vorbeilaufen sehen?”, fragt sie.
Der Mann stellt die Tasse ab, die er in seiner linken Hand hielt und schüttelt den Kopf.
„Nein, tut mir leid”.
Die Frau nickt und verlässt die Bäckerei. Ihr Blick ist auf den Boden gerichtet, bis sie die Hundeleine sieht. Die Augen der Frau finden die gelben Augen ihres Hundes. Sie greift nach der Leine, entschließt sich aber dann, ihren Hund in den Armen zu tragen. Durch das Fenster der Bäckerei erkennt sie den Mann – immer noch hinter der Theke. Er schaut hoch und zeigt einen Daumen nach oben, als er den Hund in ihren Armen sieht.
Die Frau lächelt und begibt sich nochmals in die Richtung der Bäckerei.

Originaltext

14:10 Uhr
Zeisingplatz

Edithe sieht eine junge Frau mit einem kleinen Hund auf dem Arm Richtung Einkaufszentrum gehen. Der Hund hat gelbe Augen, es geht etwas Vergebliches von ihm aus. Seine Ohren sind nach vorne ausgerichtet und gespitzt, sie sehen aus wie die Umkehrprismen eines Periskops. An der Ampel vor dem Zeisingplatz springt er plötzlich aus den Armen der Frau und läuft bellend davon. Sie ruft etwas und rennt hinterher.

Autor:in: Jana Mau

Patricia ist völlig abgelenkt und bemerkt nicht, wie die Zeit vergeht. Als sie abends nach Hause kommt, ist sie kaputt und geht direkt schlafen.
Erschreckt wacht sie auf. Sie ist vom Apfelbaum gefallen… war das in Nordkorea?
Muss wohl mit dem Apfelquark zu tuen haben. Naja, egal.
Am nächsten Tag, als sie die vielen Stockwerke des Gebäudes, in dem sie arbeitet, hochfährt, ereilt sie die Nachricht: Die Firma, in der sie arbeitet, wurde verkauft, und zwar an einen gewissen Ahri Shiwon. Aber wer ist das eigentlich? Sie betritt das Büro und findet eine Einladung zur Weihnachtsfeier von Ahri Shiwon auf ihrem Tisch. Ihr Kollegen sprechen schon ganz aufgeregt über diese Feier, also beschließt Patricia auch hin zu gehen.

Originaltext

12:45 Uhr
Erdloch

Patricia aus der IT holt sich die letzte Portion Apfelquark und fragt sich, ob es irgendeinen Menschen am anderen Ende des Universums gibt, der den Quark, den sie im Begriff ist zu essen, gerade hergestellt hat. Sie nennt ihre Komplementär-Person Ahri Shiwon, wie sie schon immer ihre Alter Egos Ahri Shiwon genannt hat, sie hat keine Ahnung, warum. Das andere Ende des Universums stellt Patricia sich vor, wie sie sich Nordkorea vorstellt. Nordkorea zählt weltweit zu den zwanzig Ländern mit der größten Produktion von Äpfeln. Ohne Apfelbäume würde der nordkoreanische Boden eines Tages wegrutschen und ein riesiges schwarzes Loch würde das ganze Land mit einem einzigen Bissen verschlucken.

Autor:in: anonym

Es war ein windiger, grauer und trostloser Tag, als Joachim mit seinem Fahrrad zum Tierbedarf fuhr. Als er den linken Arm hob, um abzubiegen, zögerte er kurz. Die Angst, ausgerechnet heute der jungen Frau aus der dritten Etage seines Mehrfamilienhauses zu begegnen, saß ihm im Nacken. Noch schlimmer war die Vorstellung, auf das Thema angesprochen zu werden, das ihn seit Wochen beschäftigte. Trotzdem lenkte Joachim sein Fahrrad mit einem entschlossenen Schwenker nach links auf die Einfahrt des Tierbedarfs. Er schloss es nicht ab. So konnte er im Notfall schnell verschwinden. Eigentlich verließ er seine vier Wände nur ungern. Wenn überhaupt, dann nur für diesen Laden. Die Scham, die er mit sich herumtrug, lag schwer in seinem Hals wie ein Kloß. Noch bevor er die Eingangstür erreichte und die große Glocke über dem Eingang seine Ankunft verkünden würde, blieb er stehen und blickte zur orangefarbenen Markise hinauf.
Dort saß eine Taube. Aufgeplustert trotz des Windes sortierte sie sorgfältig ihre Federn. Joachim blieb einen Moment stehen und zwinkerte ihr zu. Die Taube legte den Kopf schief, als hätte sie verstanden. Erst dann öffnete Joachim die Tür und verschwand in den verwinkelten Gängen des Ladens. Er nahm drei große Pakete aus dem Regal. Das würde fürs Erste reichen. Zu seiner Erleichterung schien die junge Frau heute nicht zu arbeiten.
Mit vorsichtigen Schritten ging er zur Kasse. Während er die Pakete auf das Förderband legte, blieb sein Blick an einer Suchanzeige hängen. Eine vermisste Katze. Irgendwo hatte er dieses Tier schon einmal gesehen. Vielleicht unten im Hof. Vielleicht sogar direkt vor seinem Fenster.
Hey Paula, übernimmst du mal eben?“ Joachim kannte keine Paula. Doch die Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Das Förderband setzte sich in Bewegung. Er war dran.
„Na schau mal einer an“, sagte eine bekannte Stimme. „Der Clown der Straße.“
Joachims Magen zog sich zusammen. Oh nein.
„Ey, Alter“, fuhr die junge Frau fort und grinste breit. „Du fütterst immer noch diese hässlichen Viecher? Das ist doch nicht dein Ernst. Hat’s dir nicht gereicht, dass das Ordnungsamt schon bei dir war?“
Joachim spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. Sein Albtraum war Wirklichkeit geworden. Für einen Moment sagte er nichts. Er bezahlte schweigend, nahm seine Tüten entgegen und verließ den Laden.
Draußen pfiff der Wind unter der Markise hindurch. Die Taube von vorhin saß noch immer dort. Joachim blieb stehen, griff in eine der Tüten und streute eine kleine Handvoll Körner auf den Gehweg. Dann fuhr er davon.
Die junge Frau trat wenig später aus dem Laden, das Handy in der Hand und das Grinsen noch immer im Gesicht. Sie bemerkte die Tauben erst, als es zu spät war.
Ein ganzer Schwarm stürzte sich aus allen Richtungen auf die frisch ausgestreuten Körner. Flügel rauschten, Federn wirbelten durch die Luft, und mitten hindurch musste sie ihren Weg bahnen.
Eine Taube streifte ihren Kopf. Die nächste landete auf ihrer Schulter. Und die dritte hinterließ ihr, aus luftiger Höhe und mit bemerkenswerter Zielgenauigkeit, ein weißes Andenken auf ihrer schwarzen Jacke.Joachim war bereits am Ende der Straße angekommen.
Zum ersten Mal an diesem Tag musste er lächeln, long live the tauben.

Originaltext


102 / 53 mmHg

Er liegt jetzt meistens einfach nur da. Einfach nur daliegen ist eine Kunst. Es funktioniert am besten, wenn man etwas beobachtet, das sich außerhalb abspielt. Außerhalb des Krankenhauses, außerhalb seiner selbst. Viele schauen fern, weil fern und außerhalb verwandt sind. Aber, findet Joachim, es ist eben nicht dasselbe. Fern interes- siert ihn nicht, fern ist zeitlich zu weit weg. Außerhalb interessiert ihn. Heute hat er zum Beispiel sehr lange auf ein Haus geschaut, das gegenüber seinem Fenster liegt. Das Haus hat einen Anbau mit Dachterrasse und der Wind hat die Markise kräftig durchge- rüttelt. Manchmal hat sich der orange-beige Stoff aufgebläht, als habe die Markise Bauchweh. Joachim empfand Mitgefühl, das war schön. Später hat sie sich beruhigt und ist selbstvergessen im Wind geflattert. Auch Joachim hat sich beruhigt. Vielleicht ist er in seinem nächsten Leben eine Markise.

Autor:in: Ketty Faber

Melissa war schon mit 16 im Jugendgefängnis, man könnte denken das hätte sie zu einem besseren Menschen gemacht, doch heute sitzt sie wieder an der gleichen Stelle. Gleicher Duft, gleiche Geräusche, andere Zelle. Sie muss sich die Zelle mit Paula teilen, Paula macht ihr Angst. Aus irgendeinem Grund ist Paula von Wasser besessen. Sie sitzt 5 Jahre wegen Diebstahl, Körperverletzung und Sachbeschädigung. Paula hat 2023 ein Wasserspender gesprengt und das Wasser mit Geschmack geklaut, dabei wurden zwei Menschen leicht verletzt. Seitdem leidet sie unter Dehydrierung im Knast, deshalb zwingt sie Melissa täglich, ihr ihre Wasserration abzugeben. Das führt dazu, dass Melissa ebenfalls schwer an Dehydration leidet. Melissa hat schon mehrfach versucht, Paulas Wassersucht zu stillen und hofft jedes Mal, dass ihr Wasser Paula beruhigt, aber Paula kann nicht schlafen, wenn sie nichts getrunken hat und sitzt dann jedes Mal still vor Melissas Bett und beobachtet sie. Melissa ist kurz vorm Durchdrehen, sie überlegt sich einen Plan, um auszubrechen. Leider ist Melissa nicht so clever wie sie dachte. Sie baut sich aus Löffel und Gabel ein Grabwerkzeug und fängt an, unter ihrem Bett zu buddeln, jedoch bedenkt sie nicht, dass sie in einer anderen Zelle landen würde, direkt unter ihr.
Als Paula herausfindet, dass Melissa ohne sie fliehen will, wird sie so wütend, dass sie Melissa mit dem Kopf über ins Klo steckt, daraufhin ertrinkt Melissa erbärmlich an ihrer eigenen Pisse. So endet also Melissas Geschichte, Paula hingegen wird in die Einzelzelle verlegt und man versucht ihre Wassersucht unter Kontrolle zu bringen, bisher ohne Erfolg.

Originaltext

11:25 Uhr
Hyperaktiv

Ich könnte einen, denkt Irma, Anti-Entwicklungsroman schreiben über eine fiktive Figur, die aus sagen wir Österreich stammt, sie plant einen Amoklauf, mutiert dann aber aufgrund einer spektakulären äußeren Wende zum Gegenteil ihrer selbst. Was ist das Gegenteil von, denkt Irma, Amokläuferin? Am Anfang ist sie hyperaktiv, stört und zerstört jegliches System, aber dann denken die Dinge sich selbst zu Ende, und die Amokfigur wird immer mehr an den Rand des Geschehens gedrängt und zerfällt schließlich wie ein kraftlos gewordenes Hadron. Was sie aber in Gang gesetzt hat, ist nicht, denkt Irma, mehr kontrollierbar. Aber wie sie Emma und Erwin Schuster einbauen soll, weiß sie auch nicht.

Autor:in: paula

Ein weiterer Tag in der Zelle ging vorüber. Es war abends und ich saß mit Gudrun in der räudigsten 2er-Zelle EU-West, als plötzlich mein Handy klingelte, das ich mit hineingeschmuggelt hatte.
“Mach die Scheiße aus!”, rief mir Gudrun zu, sie war ja nicht so gut drauf.
Naja, ihr Problem.
“Halts Maul, meine tote Mutter ruft an!”, motzte ich zurück, die alte Gudrun guckte nicht überrascht, die war noch dümmer als ich.

“Grüß dich Mama, was läuft bei dir?”, spreche ich glücklich in den Hörer, als plötzlich Gudrun auf mich zurennt, mir das Handy aus der Hand reißt und einfach darauf pinkelt, was eine.
“Baaaaah du Eklige!!!!! Dafür wirst du büßen!”, also spring ich auf sie und schreie, aber leider kamen da schon die Gefängniswärter mit Beruhigungspritzen, die Penner.

Dann war ich knock out. Naja, passiert. Wenigstens habe ich jetzt eine Einzelzelle.

Originaltext

2016
Wellen

Zum Nachtisch gibt es Zabaione, aber nicht jeder mag Zabaione, deshalb hat Leni, die Tochter des Hauses, Teilchen aus der Bäckerei besorgt. Sie kann heute Abend nicht dabei sein, leider, sagt Gudrun Sollinger, und sie sagt es so beiläufig, dass Frederic, der auf diese Dinge achtet, weil man immer mehr erfährt, wenn man auf solche Dinge achtet, sofort denkt: aha aha. Gudrun Sollinger sagt nicht, warum Leni nicht dabei sein kann, denn dann hätte sie ja auch erklären müssen, warum sie überhaupt dabei sein sollte, Frederic hat keine Ahnung. Mögen Sie lieber Teilchen oder Zabaione, fragt Andreas Sollinger, der aufgestanden ist und das benutzte Geschirr auf ein Tablett stellt, und Frederic überlegt, was für seine Zähne wohl besser ist, denn er möchte auf keinen Fall never von Andreas Sollinger in der Zahnklinik behandelt werden, warum weiß er auch nicht, der Mann ist nicht unsympathisch, vielleicht deshalb. Vielleicht möchte man lieber von unsympathischen Zahnärzten behandelt werden. Was sind es denn für Teilchen, fragt Frederic, und Gudrun Sollinger sagt, es sind Donauwellen. Und Andreas Sollinger lacht, während er das Tablett anhebt, und weil er lachen muss, stellt er das Tablett wieder auf den Tisch und schaut zuerst seine Frau und dann Frederic an: Teilchen sind Teilchen, und Wellen sind Wellen. Frederic lächelt ein unbestimmtes Lächeln, er will es sich weder mit Gudrun noch mit Andreas Sollinger verscherzen. Manchmal können Teilchen auch Wellen sein, sagt Gudrun und lächelt synchron zu Frederics unbestimmtem Lächeln ebenfalls ein unbestimmtes Lächeln, das in krassem Gegensatz zu Andreas Sollingers sehr bestimmtem Lächeln steht.

Autor:in: Joe al Bannana

„Wer auch immer seine beckackte, Wurzelzahn behandelte schlechte, stinkefuß Wiener Wurst in meinem Spind liegen gelassen hat, wird in der Wut meiner Backpfeife baden.”
Boar shit Leute, schien ein schlechter Tag zu sein, um Bananna Joe zu besuchen. Vielleicht kommen wir lieber morgen wieder?
„Pah bleibt da Kiddos, wir werden jetzt diese ranzige Wurst dem Hans Wurst an Kopf werfen, der scheinbar nicht weiß, was Bananna Joe für ein Bad Bunny ist.”
Naja, Kultur ist vielleicht auch ein weitergreifender Begriff, als man so denkt, lernt einfach irgendwas, ihr Lieben. Banane Joe watschelte mit seinen Flip Flops davon, in Richtung Umkleiden, dabei machte er bei jedem Schritt ein quatschiges Geräusch. So ein bisschen wie ein nasser Schwamm, das sah vor allem dadurch lustig aus, dass die Wiener Wurst, die er fest umklammerte mit seinen Knubbelarmen, mitschwang. Fast wie ein viel zu langer Finger, nur dass sie heftiger wackelte.
„Kommt ihr jetzt oder seid ihr lahmer als meine Oma Miffi im Treibsand damals?” rief er uns kratzend entgegen. Er war ein sehr Lustiger, der Joe, seine Badehose war viel zu groß, weshalb er sie, bis unter die Brust hochgezogen hatte, aber der dicke Gurkenbauch schwabbte darunter so sehr, dass er wie ein aufgeplusteter Seesack in der untergegangenen Titanic aussah. Ein fetziger Anblick. Nur das Würstchen, das jetzt schon richtig gequetscht aussah, in seiner geballten Hand, war irgendwie missmatching. Deshalb war es um so besser, dass er jetzt lauthals durchs ganze Bad schrie, um diesen wackeldackeligen Zahnputzeimer zu finden, der diese Widerlichkeit in in seinem Spind hinterlassen hatte. “KNÖTTERICH UND ZIEGENKACK WER HAT DAS HIER AUSGEFRESSEN, DIESE HANS WURST WERDE ICH NIE VERGESSEN. KOMM HERFOR UND ZEIGE DICH DU OLLES KNADRIGES PUPSGESICHT!” Dabei fuchtelte er wie ein Fahnenmast im Sturm mit der Wurst in der Luft.

Originaltext

2018
Erster Teich

Gleich nach ihrem Einzug beginnen die neuen Nachbarn den Garten umzugraben. Mittlerweile hat sich auch ein Mann zu der Mutter mit dem Kind gesellt, ein Mann, der offenbar Zahnarzt ist, denn er kam mit einem Auto, auf dem der Name einer Zahnarztpraxis stand. Jill hat den Zeitpunkt verpasst, seit dem Zahnärzte auf ihren Zahnarztautos Werbung für ihre Praxen machen dürfen. Kaum ist jedenfalls der letzte Vorhang aufgehängt, wird im Garten ein kleiner Teich angelegt. Jill steht fast den ganzen Tag in der Nähe des Fensters und beobachtet die Bauarbeiten. Sie fragt sich, warum Christian und sie nie auf die Idee gekommen sind, einen Teich zu bauen. So ein Teich ist wirklich etwas Besonderes. Und noch etwas ist passiert: Aus dem einzelnen Kind sind plötzlich zwei Kinder geworden. Unfassbar. Wo kommt das bitte her, so plötzlich? Am Abend steht die neue Familie um den Teich und prostet sich mit O-Saft zu. Alle sehen sehr stolz aus. Es ist wahrscheinlich ihr erster Teich.

Autor:in: Gina

„Hey Mum, ich bin jetzt im Cafe angekommen und sehe Aislinn, ich melde mich später wieder bei dir“.

„Na, was geht?“, frage ich Aislinn. Sie hakt sich sofort in meinen Arm ein, zieht mich nach draußen und ruft ihrem Chef zu, dass sie eine rauchen geht.
Ich frage sie, was das denn für eine Begrüßung war, während sie sich sofort eine Kippe anmacht und einen Zug nimmt. Sie sieht völlig gestresst aus, aber kein Wunder, sie arbeitet seit paar Monaten ununterbrochen, um endlich von Zuhause ausziehen zu können. Doch was sie sich hier mit ihrem Chef antut – die ganzen ekelhaften Geschichten, die sie mir jeden Tag erzählt, sind kaum noch auszuhalten.

„Was ist passiert?“, frage ich Aislinn erneut.
Sie fängt an zu grinsen und ich weiß, es gibt eine neue Geschichte.

„Aislinn, er ist Vater geworden, er hat eine Frau und ein Kind zuhause. Er nutzt dich nur aus“, antworte ich ihr.
Doch sie hört mir nicht zu, wenn es um Männer geht, die sie gut findet. Doch das geht langsam wirklich zu weit.

Gestern erst hat sie mir erzählt, dass ihr Chef hinter ihr vorbei ging und sie an ihrem Hintern angefasst hat. EINFACH AN IHREM ARSCH!!
Das ist so ekelhaft von einem Mitte dreißigjährigen Typen angefasst zu werden und sie wird erst Ende des Monats 18.
Keine Ahnung, was er bis dahin noch alles machen wird oder besser gesagt ab dann. Bahhh, diese Vorstellungen will ich direkt wieder aus meinem Gedächnis löschen. Sie wird mich hassen, wenn ich zur Frau von seinem Chef gehen würde und ihr von den ganzen Geschichten erzählen würde, aber langsam habe ich keine anderen Ideen mehr, ihre Augen zu öffnen, damit das Ganze endlich ein Ende hat.

Originaltext

2011
Bäckereikette

Aislinn und Flynn arbeiten oft zusammen. Sie stehen hinter der Theke und verkaufen Brötchen, Croissants, Puddingteilchen, Eiweißbrot und Kaffee to go. Die Kunden sind nett, man beißt nicht in die Hand, die einen füttert. Aislinn schaut Flynn oft von der Seite an, wenn er Brötchen in die Tüte zählt und die Kunden anlächelt. Er sieht so professionell und sympathisch aus. Wie seine Frau ihn wohl ansieht, fragt sie sich. Die beiden haben gerade ein Baby bekommen, das einen komischen Namen hat. Wie eine Seife. War bestimmt ihre Idee, denkt Aislinn. Flynn weiß, wie seine Frau ihn ansieht, und er weiß auch, wie Aislinn ihn ansieht. Beiden schaut er gerne auf den Hintern.

Autor:in: DJ Arschhaar

Ahri Shiwon ist Atomphysikerin und Schülerin. Sie ist ihre Professur an erster Stelle, Tochter an zweiter. Die letzte Haltestelle. Ahri Shiwon fährt an, knuspriger Sonntag bis zur Endstation. Das ist bewusste Selbsterziehung, Wiederbelebung aller Sinne, der einzige Weg, Disziplin definitionsgerecht herzustellen. Und wieder herzustellen, nach Trunk und Sprech, gemeinem, ihrem hedonistischen Genuss, ihrer manuellen Selbstsabotage vom Vorabend, dem Alkoholkonsum.
Und Endstation.
Ahri Shiwon hat sich eingerafft, Alkohol ist die letzte Droge, die sie nehmen wird, bekennt sie sich. Die letzte, die sie nehmen wird, egal wohin, nur nimmt sie keinen Ausstieg. Nur ganz am Ende der Linie des ÖPNV, in dem sie sich im Moment befindet. Zur selben Zeit ein Geschäft für Tierbedarf, in dem sie sich befindet. Geduldig und ungeniert befindet sie sich auf der Strecke im ÖPNV, während sie bei Endstation, im Geschäft für Tierbedarf, einer offensichtlichen Hamsterbesitzerin, ziemlich gemein, finde ich als Autor*in, ein Tütchen Mehlwürmer wegnimmt und diese sich reinpfeffert, im Markt direkt. Auf der Strecke baut sich also Disziplin, Selbstbeherrschung, Aufmerksamkeitsspanne auf. Ahri Shiwon befindet sich in einem Zustand von Trance, dem Übergang, im ÖPNV, dem Trunk und dem Tierfuttermarkt. Es ist ein langer Sonntag, es wird ein langer Sonntag und Ahri Shiwon hat sich gefunden.

Originaltext

1985
Epagomene

Von den sieben Büchern, die Siri nach dem Ende ihrer Schullaufbahn der Bibliothek des Marie-Curie-Gymnasiums schenkt, handeln sechs von Weltrekorden und eins von Sonnensystemen, Lichtgeschwindigkeiten und warum die Zeit nur in eine einzige Richtung vergehen kann. Solche Sachen. Das Buch ist kindgerecht geschrieben, wird aber dennoch nur zweimal ausgeliehen, einmal von einer Schülerin der 10b namens Gülsen und einmal von Wanja aus der 9c, dessen Lieblingsfach Erdkunde ist. Beide lesen das Buch in einer astronomischen Geschwindigkeit durch und werden erst spät, etwa im Alter von Mitte 30, lernen, dass die überwiegende Mehrheit ihrer Mitmenschen keine Ahnung von astrophysikalischen Zusammenhängen hat. Weder Gülsen noch Wanja werden jemals den Wunsch verspüren, die Ahnungslosen aufzuklären. Sie brauchen doch nur das Buch zu lesen, denken
sie, unabhängig voneinander, denn die beiden haben sich zwar jahrelang auf dem Schulhof gesehen, aber keinerlei Berührungspunkte.
Gülsens Lieblingskapitel ist das über die Epagomene, und die Tatsache, dass bereits die Ägypter mit Schalttagen operierten, bestärkt sie in der Überzeugung, dass sicherlich jeder Mensch schon darüber nachgedacht hat, wie man das Problem Zeit mit dem Problem Nacht in Einklang bringt. Wanjas Lieblingskapitel ist das über die schwarzen Löcher, in denen die Zeit verschwindet. Einmal versucht er seinem Banknachbar Jens den Unterschied zwischen einem Wurmloch und einem Schwarzen Loch zu erklären; das Gespräch endet damit, dass Wanja Jens’ Federmäppchen aus dem Fenster wirft. Danach sind sie keine Freunde mehr. Weil das Buch so selten ausgeliehen wird, sortiert
es der Schulbibliothekar aus und spendet es der Bibliothek einer Jugendpsychiatrie.

Autor:in: Frettchen

Ruby ist einsam und hat starke Schmerzen. Der kleine gelbe Hund sitzt im Gefängnis, da sie bei einem Verbrechen dabei war. Natürlich ist niemand zu Schaden gekommen, doch seither weint sie täglich. Sie hatte sich von anderen Freunden überzeugen lassen an fremde Bäume zu pinkeln, um zu protestieren. Doch das ging im wahrsten Sinne in die Hose.

Seither sitzt sie im Gefängnis. Beim Vorfall wurde sie geschnappt und ihr Bein verletzt. Sie hofft, das die Schmerzen bald weggehen werden, sonst bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihr Bein amputieren zu lassen.

Wer wird ihr helfen?

Originaltext

2021
4,92 Quadratmeter

Silvana hat einen 2,63 Meter mal 1,87 Meter großen Lorentz-Attraktor gehäkelt, der im Zentrum der Ausstellung steht, die anderen Exponate sind nach einer zufälligen und gleichzeitig genau kalkulierten Anordnung im Raum aufgestellt und werden stündlich verändert. Wer genau hinsieht, kann auf dem 4,92 Quadratmeter großen Lorentz-Attraktor Buchstaben erkennen, und diese Buchstaben ergeben einen Sinn, zumindest einen semantischen, wenn auch kaum jemand ahnt, was dieser Sinn bedeutet.
Wie befreit man sich von der Schwerkraft? Anderen Böses tun! Die Schwerkraft ist das Gegenteil von Licht.
Wie können wir uns von der Schwerkraft befreien? Die Leere in sich berühren. Die Schwerkraft des Geistes lässt uns nach oben fallen.
Im Ausstellungskatalog heißt es, Simone Weil sei im Alter von 34 Jahren an Magersucht und Tuberkulose gestorben. Medizinisch gesehen ist das Unsinn, man kann nicht an beidem sterben, eins von beidem muss die Todesursache sein, sagt Rudi, der Mann von Valentina, und Cornelia sagt nichts. Sie ist jetzt eine gefragte Kuratorin.

Autor:in: -

Murat hatte sich angewöhnt, jede Nacht dieselbe Runde zu laufen. Vom Haupteingang bis zur Rolltreppe, vorbei am Juwelier, dann durch den langen Gang mit den kleinen Geschäften. Früher war das langweilig gewesen. Heute war es anstrengend.
Seit dem Amoklauf hörte er Geräusche, die gar nicht da waren. Das Knallen einer zufallenden Tür ließ ihn zusammenzucken. Wenn Jugendliche laut lachten, drehte er sich sofort um.
Die meisten Geschäfte waren noch dunkel, als er an diesem Morgen an Elit Damenmoden vorbeikam. Vor der Tür lag die getigerte Katze.
„Na bist du wieder da?“ murmelte Murat.
Die Katze hob kurz den Kopf und blinzelte ihn an, als würde sie ihn kennen. Vielleicht kannte sie tatsächlich jeden hier. Sie war immer irgendwo unterwegs, tauchte in den Gängen auf, verschwand wieder und erschien am nächsten Tag, als wäre nichts geschehen.
Murat blieb stehen. Er bemerkte, dass er die Katze jeden Morgen suchte. Nicht bewusst. Seine Augen fanden sie einfach von selbst.
Von weitem hörte er Schritte.
Pelin kam. Die Katze sprang sofort auf, streckte sich und lief ihr entgegen. Murat sah, wie Pelins Gesicht weicher wurde. Für einen Augenblick wirkte sie nicht wie die Frau, die seit Monaten mit gesenktem Blick durch das Einkaufszentrum ging. Sie wirkte einfach nur müde und freundlich.
Die Katze warf sich auf den Rücken. Pelin lachte leise.
Murat hörte dieses Lachen und merkte überrascht, dass auch er lächelte.
Vielleicht, dachte er, heilten Menschen nicht auf einmal. Vielleicht geschah es in kleinen Schritten. Ein Morgen nach dem anderen. Ein Lachen. Eine Katze vor einer Ladentür.
Die Katze begann laut zu schnurren.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit klang das Einkaufszentrum für Murat nicht leer.

Originaltext

09:03 Uhr
Konfi-Angst

Jeden Tag um neun beginnt die Themenkonferenz. Irma setzt sich ganz hinten hin. Der Konferenzraum ist der stickigste Raum im Haus, aber auch der einzige, der zur Verfügung steht, alle anderen Konferenzräume sind seit Jahresbeginn weitervermietet, an einen Caterer, ein Start-Up und eine Fernbuszentrale.

Was steht heute an, fragt Valentina. Warum werde, denkt Irma, ich bloß diese, und schaut aus dem Fenster, Konfi-Angst nicht los. Sie schaut auf das Einkaufszentrum gegenüber und auf die Birke, die ganz alleine in einer Einrahmung auf dem gepflasterten Platz steht. Arbeitsverweigerung zum Beispiel ist, denkt Irma, möglich – Konfiverweigerung dagegen! Das gibt es noch nicht einmal als Wort. Hoffentlich merkt niemand, dass Irma zu nichts nutze ist außer zu Anwesenheit. Gleich spricht mich jemand an, Susana zum Beispiel, vor Susana hat sie am meisten Angst; aber Susana ist heute gar nicht da, und erschrocken, fast gewaltsam dreht Irma ihren Kopf wieder zurück zur Konfi, weg vom Fenster, weg von der Birke, weg vom Gedanken, und da ist die Themenkonferenz schon um und sie hat wieder kein einziges Wort gesagt.

Zumindest keins, das gehört worden ist. Manchmal sagt Irma schon etwas, zum Beispiel, wenn eh alle durcheinanderreden, dann sagt sie auch etwas, oft etwas von dem, was sie am Morgen gedacht hat, meistens irgendeine Idee, die sie gleich nach dem Aufwachen hatte, aber das geht natürlich unter, manchmal geht das auf eine Weise unter, dass alle verwirrt auf Irma blicken, weil ihr Satz mit ihrer Idee noch nicht zu Ende gesprochen war, während die Sätze der anderen schon verklungen sind. Könnten wir doch, wär doch wichtig, hören die anderen dann noch und schauen, und Irma könnte jetzt, an dieser Stelle, den ganzen Satz mit der ganzen Idee wiederholen, aber sie zieht die Schultern ein und schämt sich, für die eingezogenen Schultern. Aber nicht nur deswegen, sondern auch ganz allgemein. Die anderen kennen das irgendwie von sich selbst, wissen aber auch nichts Genaues darüber, sie gehen jetzt erst einmal frühstücken und Irma geht auch frühstücken.

Autor:in: Alexander

Der Schlüssel klemmt immer ein bisschen. Man muss die Tür heftig rütteln, um ihn vollkommen umdrehen zu können. Sie geht mit einem lauten Knacken auf und Melissa betritt den dunklen Raum. Der rote Teppichboden erzeugt mit jedem Schritt kleine Staubwolken und so bahnt sie sich ihren Weg zur Rezeption. Sie kneift Ihre müden Augen zusammen, als sie das Licht anschaltet. Draußen ist es noch dunkel und die ersten Gäste werden erst in zwei Stunden kommen. Sie setzt sich auf den kleinen Hocker und zündet sich eine Zigarette an. Draußen hört sie ab und zu ein Auto rauschen. Manchmal, wenn sie sich zu sehr langeweilt, schaltet sie das Radio an, doch heute genießt sie die Stille. Sie schließt kurz die Augen und denkt darüber nach, sich in der Videothek später einen Film auszuleihen. Oder holt sie sich vielleicht doch neue Musik für ihren Walkman? Ihre Gedanken werden unterbrochen, als die Glocke an der Eingangstür klingelt und ein großer, junger Mann den Raum betritt. Er sieht ein wenig seltsam aus und schaut sich verwirrt um. “T´schuldigung, Ich hab´ hier irgendwie keinen Empfang und habe mich verirrt. Kann Ich mal Ihr Handy ausleihen zum Telefonieren?” Er hält ein gläsernes, dünnes Rechteck in die Luft.

Originaltext

2018
Schachzug

Auf diesen Anruf hat Frederic schon so lange gewartet, doch alser aufgelegt hat, ist alles wie immer, er spürt eigentlich gar nichts,keine Freude, keine Genugtuung, keine Befriedigung, er spürtnur diese Professionalität, die ihm sagt, was er als nächstes zu tun habe, diese Professionalität, die wie ein implantiertes Computerprogramm genau analysiert, wie er den nächsten Schachzug vorbereiten muss. Dieses implantierte Computerprogramm namens
Professionalität hat ihm sogar vorausgesagt, dass es in diesem Monat passieren wird. Wenn der erste Hegdefondsmanager anruft, ist er durch. Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit. Und dann, denkt Frederic und streicht sich durchs Haar und streicht es zu einem Schweif zusammen und dreht es zu einer Spirale und lässt es wieder los. Und dann. Jetzt ist er doch ein bisschen aufgeregt. Was dann, weiß er noch nicht, aber das ist auch mal ein schönes Gefühl, etwas nicht zu wissen. Das ist nämlich etwas, was ein implantiertes Computerprogramm namens Professionalität nicht kann: etwas nicht wissen.

Autor:in: Reverarn

Es ist 18 Uhr, ich will gerade aus dem Labor gehen, da fällt es mir auf, der Cordyceps Pilz, an dem wir forschen, ist weg. Panisch werfe ich meine Jacke, die ich gerade eben noch vom Kleiderbügel genommen habe, weg. Und mache mich auf die Suche nach dem Pilz, wahrscheinlich haben mal wieder ein paar der Azubis den Pilz falsch gelagert. Trotz dieser Erklärung kann ich mich nicht beruhigen. Nach drei Stunden habe ich den Pilz immer noch nicht gefunden, meine Bauchschmerzen, welche wohl durch den Stress entstanden sind, bringen mich dazu, die Pilzsuche aufzugeben. Ich schreibe eine Notiz mit der Mitteilung, dass sich der Cordceps Pilz nicht an seinem normalen Lagerort befunden hat, und gehe nach Hause. Es fühlt sich an, als würde mein Hirn schmelzen, schon beim Abendessen geht es mir beschissen, die Pizza schmeckt, als würde ich schimmelnde Pilze essen.

Ich hatte an diesem Tag bereits sechsmal erbrochen, bevor ich mich schlafen legte. Ich fühlte mich wie eine Larve, welche schmilzt, mein Hirn schmolz, mein Körper wurde flüssig, mein Selbst entfernte sich langsam vom Körper, ich wachte auf. Es ist Morgen, ich schaue in den Spiegel und

Originaltext

09:20 Uhr
Zusage

Gleich nach der Konferenz hat Louise den Vertrag unterschrieben, es ist der erste Vertrag ihres Lebens, den sie unterschreibt, es fühlt sich komisch an, auf einmal hat sie eine Verbindung zu einem Gegenüber, das keine Person ist, sondern ein Gebilde, und sie weiß nichts über das Gebilde. Es wird vertreten von jemandem, den sie nicht kennt und der gar nicht weiß, dass es sie gibt, so wie die meisten Menschen nicht wissen, dass es Louise gibt, nur dass sie mit den meisten Menschen keinen Vertrag geschlossen hat. Den Praktikumsplatz hat Leni ihr besorgt, ich frag mal meine Mutter, hatte Leni gesagt, und einen Tag später: Wir geben dich als meine Cousine aus, die Sache geht klar. Noch nie zuvor in ihrem Leben war Louise eine Cousine, ihre Familie besteht aus Generationen von Einzelkindern. Cousins und Cousinen machen um diese Familie einen Bogen wie der Teufel ums Weihwasser. Es fühlte sich einen Tag lang an, als gehöre sie nun zur Familie, nur dass sie nicht mit Nachnamen Sollinger heißt, sondern anders, ist aber kein Problem, als Cousine kein Problem. Vieles ist kein Problem, wenn man Cousine ist. Und tatsächlich hatte sie schon bald ein Vorstellungsgespräch bei Valentina, die fahrig und unkonzentriert wirkte und überhaupt kein Interesse zu haben schien an Louise, aber am nächsten Tag kam die Zusage und heute ist es genau zwei Wochen her, dass sie im Team ist. Und seitdem hat sie jeden Morgen das Gefühl, dass sie gleich wieder entlassen wird, weil sie immer noch nicht den Vertrag unterschrieben hat. Sie hätte es Leni sagen können, aber irgendwie geht das auch nicht. Aber jetzt ist ja alles gut. Vertrag ist Vertrag. Louise ist Cousine.

Autor:in: ShaYan

Brutus war ein Freigeist. Er tat, was er wollte, wann auch immer er es wollte. Diese Eigenschaft, gepaart mit seinem Gespür für gute Geschäftsmöglichkeiten und seiner naturgegebenen Fähigkeit, Leuten Sachen zu verkaufen, die sie eigentlich gar nicht wollten, brachte ihn zur Spitze der Walle-Gruppe.
Doch ganz makellos war Brutus nicht. Brutte, wie ihn sein Opa nannte, hatte fürchterliche Angst vor engen Räumen, aber noch viel größere Angst hatte er vor Räumen, die keinen permanenten Ausgang hatten.

Am Montag, dem 01.06.2005, war er wie an jedem anderen Werktag auf den Weg in sein Büro auf der 19. Etage.

Die Aufzugtüren öffneten sich und Brutus schritt, ohne nachzudenken, hinein. Man würde vermuten, ein Mann mit seinen Phobien würde Aufzüge meiden, doch angesichts der 19 Stockwerke war der tägliche Kampf gegen die Angst ein Leichtes. Brutus betätigte den Knopf, beschriftet mit der grünen 19, und stellte sich, wie immer, in die Mitte der kleinen Aufzugkammer. Zumindest versuchte er es. Heute erwies sich das leider als ein wenig schwierig. Inmitten des Aufzugs ragte, wie aus dem Nichts, ein ausgewachsener Fliegenpilz aus dem Boden. Brutus war verdutzt. Dieser Pilz verstieß gegen jegliche Regeln der Natur. Seine bloße Existenz als Körper in diesen Raum veränderte seine Struktur und machte die Kammer unerkennbar. Brutus tat sein Bestes, diese Beleidigung gegen das Universum zu ignorieren, und das gelang ihm auch, bis er auf der 19. Etage angekommen und darauf wartete, dass sich die Türen öffnen. Doch er wartete vergeblich. Momente vergingen, dann Minuten und Stunden.
Brutus war sich sicher, der Pilz – den er Tommy getauft hatte, um seinem Widersacher eine Identität zu geben – steckte hinter der ganzen Sache.
Nach unzähligen Panikattacken und einigen Ohnmachtsanfällen konnte Brutus nicht mehr richtig denken. Nach 16 Stunden, 38 Minuten und 41 Sekunden, aß er den Pilz.

Originaltext

14:27 Uhr
Lacky-X

Die Buchhandlung ist fast leer. Im vorderen Teil liegen Zeitschriften, Ratgeber und Mangas aus, in der Mitte neben den Schulbüchern gibt es eine mit rotem Leder bezogene Sitzecke, in der man Hörbücher hören und ausgemusterte CDs für 2 Euro kaufen kann. Dort sitzt eine Kundin und liest ein Buch über Verschränkung, Zufall und Überlagerung. Bei den Klassikern halten sich zwei weitere Personen auf. Die Kundin auf der Sitzecke hebt plötzlich den Kopf und schaut irritiert. Als müsste sie sich versichern, in welcher Zeit sie sich befindet – in der innerhalb oder außerhalb ihres Gehirns. Keiner kann ihre Frage beantworten, die beiden anderen sind still versunken in ihre Bücher, von denen sie nicht wissen, ob sie sie kaufen werden. Die Bücher müssen eine Entscheidung treffen.

Autor:in: jose

In ihrem Zimmer 44 im 4. Stock schaut sie von der Küche durch das riesige Wohnzimmerfenster in die Ferne; ein Meer an graubraunen Hausfassaden. Sie verliert sich in den Wolkenformationen. Mal rund, mal diffus, mal eckig, aber ständig formwechselnd. Es riecht nach frisch gebrühten, leicht verbrannten Kaffee. Eine statische Leere schwebt im Zimmer 44. Der Kopf ganz nebelig vom nächtlichen Traum. Pilzköpfe sprießen aus ihren Holzdielen und Myzelien ranken die Wände hoch und bilden ein feines weißes, fast transparentes Netz. Die Pilze wuchern im Takt ihres Herzschlags immer weiter. Bald werden sie das Bett erreichen. Das Wurzelgeflecht will nach ihr greifen. Sie mitnehmen. Mit ihr eins werden; verschmelzen. Sie nippt von ihrem Kaffee. Der Himmel klärt auf.

Originaltext


145 / 94 mmHg

Die Angst ist nicht zurückgekehrt. Seit Denise Zimmer 45 im vierten Stock bezogen hat, kann sie sich gar nicht mehr erinnern, wovor sie eigentlich Angst gehabt hat. Auch die Lichtheiler haben sie bisher nicht besucht. Denise stellt zu ihrer Verwunderung fest, dass sie die Lichtheiler nicht vermisst. Obwohl sie noch vor ein paar Tagen für sie durch die Hölle gegangen wäre. Aber das hätten die Lichtheiler gar nicht von ihr verlangt. Wie auf einem fremden Stern ist es hier in Zimmer 45 im vierten Stock und wenn Denise aus dem Fenster sieht, kann sie in einiger Entfer- nung die Lichtpakete sehen, die sie aus dem All an sie schicken. Denise hätte nie gedacht, dass alles so einfach ist, und erst jetzt versteht sie, dass die Lichtheiler genau das versucht haben, ihr klarzumachen. Dass alles einfach ist. Mit diesem Gedanken schläft Denise jeden Abend ein und mit diesem Gedanken wacht Denise jeden Morgen auf. Und mit dem Geruch von Kaffee und nach Gesundheit duftendem Krankenhausbett.

Autor:in: susanne

Klettern, höher, weiter, schneller, klettern. Die großen Fruchte des Baumes stoppen meinen Aufstieg. Ich versuche mir den Weg frei zu ernten, doch als ich den größten aller Äpfel aus dem Weg geräumt habe, passiert es wieder… ich falle kopfüber vom Apfelbaum, 1 Meter, 2 Meter ,3, 4 ,5, 6, 7. Kurz bevor ich den Boden berühren kann, springen nicht nur die Äpfel vom Boden, sondern auch die in meinen Augen auf.
Heute, Gestern, Vorgestern, Vorvorgestern immer und immer wieder dieser blöde Traum.
Das wäre ja alles kein Problem, langsam habe ich mich ja schon dran gewöhnt, wäre da nicht die Realität, die mich einholt.
Bis jetzt hat sich jeder Traum von mir bewahrheitet, genau 48 Stunden nach Zeitpunkt des Träumens. Aber erzählen kann ich davon keinem, die denken doch, ich bin auf irgendeinem Pilzrausch.
Ich glaube, ich rufe gleich mal Mama im Himmel an.

Originaltext

1996
Kürzel

Ein Jahr nach der Beerdigung findet Luis den Zettel. Er erkennt sofort Judiths Handschrift. Der Zettel liegt in einer Schublade, als habe sie ihn erst vor einer Stunde geschrieben, nur dass sie keine Buchstaben geschrieben hat, sondern Stenographiekürzel, die sie immer dann benutzt hat, wenn sie in Eile war. Vielleicht war sie in Eile und hat ihm eine letzte Botschaft hinterlassen.

Autor:in: Kleine Pilz

Es ist noch dunkel. Langsam kämpft sie sich nach oben durch etwas, was sie nicht kennt. Als sie oben angekommen ist, steht neben ihr etwas Kleines und Rundes. Sie hat es noch nie gesehen.
„Wer bist du?“, fragt sie.
Natürlich bekommt sie keine Antwort. Der kleine Pilz schweigt.
Trotzdem ist sie froh. Jetzt ist sie nicht mehr allein. Gemeinsam stehen sie in der feuchten Erde.

Originaltext


Sie weiß nicht, wer sie ist. Sie wird es nie erfahren. Es ist Nacht, sie hat Hunger, vor ein paar Tagen ist sie aufgewacht aus einer langen Dunkelheit, warm war es und still. Seit sie wach ist, hat sie Angst, vor den Lichtstrahlen, die in ihr Versteck dringen, vor dem Poltern, vor der Unruhe. Außerdem ist es irgendwie feucht. Sie hasst Feuchtigkeit, ohne zu wissen, was Feuchtigkeit ist. Sie will weg hier. Doch die Angst vor der Ungewissheit ist stärker. Sie gewöhnt sich an das Zittern, und als nach ein paar Tagen noch immer nichts passiert ist, hört sie auf zu zittern. Und dann kommt der Hunger. Hunger ist schlimmer als Angst, Feuchtigkeit und Licht. Als es wieder dunkel wird, läuft sie los.

Autor:in: The Three Bicurious

Der kleine gelbe Hund watschelte die Straße entlang.
Dachte sich: “Was dat denn für ne komische Sau. Hockt da und glotzt mich an. Wo sind wir denn hier? Im Zoo?”

Zoo. In Zoos waren sie zuhauf. Kängurus. Diese hüpfenden Reh-Koalas.
Seit Wochen verfolgte ihn dieses boxende Höllen-Kaninchen. Eine verdammte Sauerei war das.
Ein lautes Geräusch riss den zitronenfarbenen Köter aus seinen paranoiden Gedanken. Bestimmt ein Fell-Dino. Der Hund rannte los und stolperte über einen convieniently placed Pilz gemusterten Regenschirm. Und landete vor den Füßen von der untypischen generell unglücklich gewachsenen Visage einer weiblichen Person auf der anderen Straßenseite.

Elegant erhebt er sein Haupt und blickt auf die Haifischapplikationen ihrer Tasche.
“Nee wat fies,” denkt er sich. “Hässliche Tasche auch.”

Originaltext

14:29 Uhr
Bank

In der Mittagspause geht Mathilda gerne ins Einkaufszentrum, nur ausgerechnet heute hat sie ihren Geldbeutel in der anderen Tasche vergessen, in der schwarzen, während sie heute morgen Lust auf die weiße Tasche gehabt hat, die mit den Haiapplikationen, die hat sie sich letztes Jahr gekauft, das war noch das Geld vom Erbe. Es war im Grunde die letzte Investition, dann war alles futsch, naja was solls. Sie streicht über die Haifischapplikation und setzt sich auf eine Bank und schaut in den Himmel und findet, dass es heute sehr leise ist, als hätte irgendwer die Welt angehalten. Weder scheint die Sonne noch regnet es. Noch nicht einmal die Krähen sind zu hören. Und wenig Spaziergänger, eigentlich gar keine. Mathilda schaut sich um. Niemand. Nur auf der anderen Seite, kurz vor dem Waldstück, läuft ganz allein ein kleiner Hund, er sieht aus, als würde er über irgendetwas nachdenken.

Autor:in: Yuki

Schrobelkopf folgte einfach nur diesen Linien, diesen immerzu geraden Linien, wie eine Straße – aber keine Straße. Die Linien waren wenig kreidig aber auch nicht mir der nassen Farbe gezogen worden, und Schrobelkopf bekam Angst, dass er sich diese Linien, diese immerzu geraden Linien nur einbildete.
“qui – quo – Quitte, quittelalali, qui – quo – Quitte, quittelalalo” summte er leicht stockend, durch den Pilzwald strauchelnd, vor sich hin. Er sang dieses – wohlbemerkt selbsterdachte -Lied immer in den Momenten, in denen es schlimm wurde oder war. Gerade wars schlimm, aufgrund der Linien, denen er folgte. Nach einer Weile des Linien-folgenden-Laufens, schlich sich ganz leicht, ganz leicht ein Geruch in seine riesengroße Schrobel-Nase und Schrobelkopf wusste, jetzt wird es erst richtig schlimm, weil der Geruch war ekelerregend. Es roch nach Schafstall. Und Schrobelkopf wollte – aber konnte nicht – abbrechen, umkehren, stehenbleiben. Er lief weiter und es roch immer, immer schlimmer und er sah mit seinen schlechten Schrobel-Augen auch ein Gehäuse. Ein Brettergestell, ein stallähnliches Gebilde – und die Linien führten direkt, wirklich direkt, dort hinein. Schrobelkopf konnte nur noch hoffen, dass sie dort nicht endeten.

Originaltext


Dass zwei Geraden parallel zueinander sind, bedeutet nichts anderes, als dass sie in derselben Ebene liegen und keine ge- meinsamen Punkte haben, es bedeutet nicht, dass sie überall den gleichen Abstand haben.

Autor:in: Rührei

In einer Baumstammhöhle versteckt sich unter dem Dickicht eine kleine Ameise. Die kleine Ameise gelingt über den von Moos bedeckten Baumstamm auf die feuchte Erde hinab.
Ein kleiner Windstoß lässt die Blätter und die Baumkrone leicht wehen, während gleich mehrere Ameisen aus ihrem Bau schlüpfen.
Sie schaut nach oben, in den von Sternen bedeckten Himmel und macht sich im schimmernden Mondschein auf den Weg auf eine Reise.

Originaltext

2018
Maisonette

Seit sie arbeitslos ist, arbeitet Jill drei Tage die Woche ehrenamtlich, sie liest in einem Seniorenstift die Zeitung oder ein Buch vor. Sie ist Lesepatin und die Alten heißen Patenkinder, obwohl sie viel älter sind, Jill fragt sich, ob aus Ironie oder Zärtlichkeit. Wenn sie nicht vorliest, langweilt sie sich ein bisschen und wartet, bis Christian nach Hause kommt. Er kommt oft erst nachts, wahrscheinlich hat er eine Geliebte. Jill weiß nicht genau, ob sie das wirklich stört, und solange sie es nicht weiß, kann sie ihn nicht damit konfrontieren. Letzten Monat ist eine neue Familie eingezogen in eines der Zweifamilienhäuser gegenüber. Die neue Familie wohnt unten, im Erdgeschoss, mit Zugang zum Garten; die Familie besteht aus einer Frau, die meistens raucht, und ihrem Sohn, und oben drüber wohnt noch immer der Mann, der im Rollstuhl sitzt, mit seinem Hund. Er wohnte dort schon, als Jill und Christian gegenüber eingezogen sind, er verlässt nie das Haus, zumindest hat Jill noch nie gesehen, dass er es verlassen hätte. Vielleicht gibt es keinen Aufzug im Haus, denkt Jill. Abends ist auch eine Frau da, sie führt den Hund spazieren. Seit die Familie unten eingezogen ist, verläuft eine unsichtbare Stromleitung mitten durch das Haus, Jill kann sie natürlich auch nicht sehen, sie weiß nicht genau, was das Problem ist, aber sie spürt, dass etwas im Gange ist, es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Leitung reißt und der Strom sich entlädt. Wann immer sie auf dem Balkon ihrer Maisonettewohnung sitzt und den neuen und den alten Nachbarn beim Leben zuschaut, spürt sie das aufziehende Gewitter. Es ist ein bisschen wie Serie schauen. Nur einerseits interessanter, weil echt, andererseits weniger spannend, denn das wahre Leben zieht sich.

Autor:in: Yannic

Chuma ist auf der Durchreise von einem wichtigen Job. Er ist Unternehmer, Anfang 40 und kann sich nicht mehr richtig daran erinnern, wann er zuletzt mal eine Woche am Stück Zuhause war. Diese ständige Unruhe und Hektik gehen nicht spurlos an Chuma vorbei. Schon in seinem Studium vor rund 20 Jahren war er ständig unter Strom. Uni, Arbeit, Freunde, Uni, Arbeit, Freunde, Praktikum, Abschluss und schlussendlich das Berufsleben. Doch da war er noch jung genug, um das alles irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Ab und zu haben auch externe Substanzen als Stressrelief geholfen. Damals hat man sie Zauberpilze oder auch Magic Mushrooms genannt – in der heutigen Jugendsprache ist eher der Begriff “shrooms” geläufig. Chuma kann sich noch genau an einem Trip mit seinen besten Freunden erinnern. Es ist mittlerweile schon rund 15 Jahre her, aber es fühlt sich an, als wäre es gestern erst gewesen. Teil dieses Trips war dieses Känguru. Ein Känguru wie man es aus den Känguru-Chroniken kennt. Knapp 1,90m groß, flauschig wie ein Kaninchen und kann sprechen wie ein Mensch. Er macht Rast, weil ihm fast die Augen zufallen. Kurz anhalten, frische Luft schnappen und pinkeln gehen. Chuma steht am Grünstreifen und hat plötzlich eine Stimme von rechts. Die Stimme kommt ihm bekannt vor. “Warte mal kurz. War das nicht… bitte was?”. Er ist verwirrt. Rechts und links war niemand zu sehen. “Das war doch dieses Känguru. Aber hä? Ich bin doch nüchtern?!”. Chuma geht zurück zum Auto. Mit einem komischen Gefühl setzt er sich zurück in sein Auto. Er macht den Motor an, legt den gang ein und plötzlich steht das Känguru auf der Fahrbahn. Chuma bremst abrupt. Kneift die Augen zu, macht sie wieder auf und nichts dort. “Bin ich verrückt?”

Originaltext

13:12 Uhr
Truth und Beauty

Weil Susana gleich wieder zurück in die Redaktion muss, verzichten sie auf den Nachtisch. Susana hat ihre Serviette voll mit seltsamen Hieroglyphen gemalt und sagt, du Karlo, ich überlege zu kündigen und nochmal zu studieren, Kunst oder so. Wie findest du das? Karlo findet das gut. Kunst, warum nicht. Du bist schuld, sagt Susana und lächelt, wenn du nicht immer mit mir ins Museum gegangen wärst. Karlo wäre zwar lieber ins Naturkundemuseum gegangen oder ins Museum für Quantenphysik und hätte Susana erklärt, was ein Upquark und ein Downquark ist, was Anti-Farben sind oder die wahre Bedeutung von Truth und Beauty. Aber das sagt er nicht. Susana war damals zu klein und wollte lieber ein Eis. Sie hat ihm null zugehört, wenn er damit anfing. Nur bei den Antifarben horchte sie kurz auf. Vielleicht hat Karlo es auch nicht richtig erklärt. Truth und Beauty könnten schließlich auch Pferdenamen sein. Wie soll man etwas erklären, was man selbst nicht verstanden hat?

Autor:in: Esra

Als Vera ihre Pflanzen gießt, fällt ihr plötzlich die Gießkanne aus der Hand. Der dumpfe Klang im Innenhof trifft sie wie eine Erinnerung. Genau diesen Moment hat sie schon einmal geträumt: den schweren Parfümgeruch in der Luft, das offene Licht bei Jaroslav gegenüber und das Gefühl, dass gleich eine Tür zufallen wird. Sie greift nach ihrem Schlüsselbund. Wieder nicht da. Im selben Augenblick fällt über ihr eine Tür ins Schloss.

Originaltext


In Jaroslavs Wohnung riecht es in letzter Zeit nach Parfüm, wenn er nach Hause kommt, er selbst benutzt keins, es muss also woanders herkommen. Er muss aber zugeben, dass er das Parfüm sehr gerne riecht; am ersten Abend dachte er noch, es komme von der Nachbarin, die gegenüber wohnt, dass der Wind ihren Duft von Balkon zu Balkon und dann in seine Wohnung geweht hat, er sah förmlich den Weg, den das Parfüm genommen hatte, über die Geranien, die kleine Palme, den Tisch und dann durch die geöffnete Balkontür, da bin ich. Nur dass die Nachbarin, wie sich herausstellt, seit ein paar Tagen schon im Krankenhaus ist. Jaroslav schnuppert an seiner Kleidung, manchmal fängt die Kleidung ja auch fremde Gerüche ein und konserviert sie, eigentlich auch irgendwie schön, denkt er, aber ganz wohl ist ihm dabei nicht. Nach einer Woche aber, als er abends nach Hause kommt, strömt ihm der Geruch gleich entgegen wie ein kleiner Hund, der den ganzen Tag allein war. Es muss jemand in Jaroslavs Wohnung gewesen sein. Auf dem Sofa ist ein seltsamer Fleck, der gestern noch nicht da war. Jemand hat die Salami im Kühlschrank aufgegessen. Die Verpackung liegt noch auf dem Küchentisch. Jaroslav hört, wie der Wasserhahn im Bad tropft. Es ist das einzige Geräusch in der Wohnung.

Autor:in: Justus

Der zierliche kleine Hund scheint seinem Jagdtrieb verfallen zu sein, nun flitzt er mit rücksichtsloser Zuversicht die Straße hinunter, ganz im Gegensatz zu seinem Frauchen. Ihre Rufe scheinen keine Wirkung zu zeigen, doch leider haben die hohen Absätze bereits nach ein paar panischen Schritten ihre Wirkung gezeigt. Edith´s gemütlicher Feierabend hätte ganz gediegen stattfinden können, ohne spontane “Sidequest” oder Hündchen-Suchaktion jeglicher Art. Aber jetzt, wo die Frau nach 50 Metern schon zu Boden liegt und weinend nach ihrem Hündchen schreit, kann Edith nicht anders, als ihr zu helfen. Sie eilt über die Straße, um der gestürzten Frau wieder auf die Beine zu helfen, und sobald sie die Hand der Frau hält, beruhigt sich diese auch ganz plötzlich. Vermutlich wegen dem nun bereits verstummten Bellen ihres verlorenen Hündchens. Zu schade drum, dass die Ruhe nur einige nachdenkliche Sekunden gehalten hat, denn als die Frau die Abwesenheit ihres geliebten Haustieres realisiert, bricht die Panik wieder in ihr aus. Nun kann Edith als erste Aufgabe ihrer “Sidequest” erstmal die Frau wieder besänftigen bzw. diese irgendwie stoppen, denn sie läuft derzeitig, blind vor Angst und Sorge, in die entgegengesetzte Richtung ihres geliebten Hündchens.

Originaltext

14:10 Uhr
Zeisingplatz

Edithe sieht eine junge Frau mit einem kleinen Hund auf dem Arm Richtung Einkaufszentrum gehen. Der Hund hat gelbe Augen, es geht etwas Vergebliches von ihm aus. Seine Ohren sind nach vorne ausgerichtet und gespitzt, sie sehen aus wie die Umkehrprismen eines Periskops. An der Ampel vor dem Zeisingplatz springt er plötzlich aus den Armen der Frau und läuft bellend davon. Sie ruft etwas und rennt hinterher.

Autor:in: DJ Arschhaar

Im moralischen Zwiespalt überlässt sie den gesamten Viererplatz im Zug dem übergewichtigen Herrn.

Originaltext

09:03 Uhr
Konfi-Angst

Jeden Tag um neun beginnt die Themenkonferenz. Irma setzt sich ganz hinten hin. Der Konferenzraum ist der stickigste Raum im Haus, aber auch der einzige, der zur Verfügung steht, alle anderen Konferenzräume sind seit Jahresbeginn weitervermietet, an einen Caterer, ein Start-Up und eine Fernbuszentrale.

Was steht heute an, fragt Valentina. Warum werde, denkt Irma, ich bloß diese, und schaut aus dem Fenster, Konfi-Angst nicht los. Sie schaut auf das Einkaufszentrum gegenüber und auf die Birke, die ganz alleine in einer Einrahmung auf dem gepflasterten Platz steht. Arbeitsverweigerung zum Beispiel ist, denkt Irma, möglich – Konfiverweigerung dagegen! Das gibt es noch nicht einmal als Wort. Hoffentlich merkt niemand, dass Irma zu nichts nutze ist außer zu Anwesenheit. Gleich spricht mich jemand an, Susana zum Beispiel, vor Susana hat sie am meisten Angst; aber Susana ist heute gar nicht da, und erschrocken, fast gewaltsam dreht Irma ihren Kopf wieder zurück zur Konfi, weg vom Fenster, weg von der Birke, weg vom Gedanken, und da ist die Themenkonferenz schon um und sie hat wieder kein einziges Wort gesagt.

Zumindest keins, das gehört worden ist. Manchmal sagt Irma schon etwas, zum Beispiel, wenn eh alle durcheinanderreden, dann sagt sie auch etwas, oft etwas von dem, was sie am Morgen gedacht hat, meistens irgendeine Idee, die sie gleich nach dem Aufwachen hatte, aber das geht natürlich unter, manchmal geht das auf eine Weise unter, dass alle verwirrt auf Irma blicken, weil ihr Satz mit ihrer Idee noch nicht zu Ende gesprochen war, während die Sätze der anderen schon verklungen sind. Könnten wir doch, wär doch wichtig, hören die anderen dann noch und schauen, und Irma könnte jetzt, an dieser Stelle, den ganzen Satz mit der ganzen Idee wiederholen, aber sie zieht die Schultern ein und schämt sich, für die eingezogenen Schultern. Aber nicht nur deswegen, sondern auch ganz allgemein. Die anderen kennen das irgendwie von sich selbst, wissen aber auch nichts Genaues darüber, sie gehen jetzt erst einmal frühstücken und Irma geht auch frühstücken.

Autor:in: Annette

Leni betritt nach der Konfi niedergeschlagen den Aufzug. Sie fühlt sich, wie immer nach den Konferenzen wieder klitzeklein und nutzlos. Die Aufzugstür schließt sich und Leni hört ein leises Winseln. Komisch, kam das Winseln es aus ihr heraus? Da sieht sie, dass sie nicht alleine im Aufzug ist. Ein kleiner gelber Hund sitzt ängstlich in der Ecke des Aufzugs und schaut sie mit großen schwarzen Augen an.
„Wo kommst du denn her, Kleiner?“ Leni geht behutsam auf den kleinen Hund zu, bückt sich zu ihm hinunter und fängt an ihn zu streicheln. Der kleine Hund drückt sich sanft gegen ihre Hand. Er riecht gut, sein Fell ist warm und weich. Leni und der Hund entspannen sich … möge die Fahrt mit dem Aufzug kein Ende nehmen ….

Originaltext

09:03 Uhr
Konfi-Angst

Jeden Tag um neun beginnt die Themenkonferenz. Irma setzt sich ganz hinten hin. Der Konferenzraum ist der stickigste Raum im Haus, aber auch der einzige, der zur Verfügung steht, alle anderen Konferenzräume sind seit Jahresbeginn weitervermietet, an einen Caterer, ein Start-Up und eine Fernbuszentrale.

Was steht heute an, fragt Valentina. Warum werde, denkt Irma, ich bloß diese, und schaut aus dem Fenster, Konfi-Angst nicht los. Sie schaut auf das Einkaufszentrum gegenüber und auf die Birke, die ganz alleine in einer Einrahmung auf dem gepflasterten Platz steht. Arbeitsverweigerung zum Beispiel ist, denkt Irma, möglich – Konfiverweigerung dagegen! Das gibt es noch nicht einmal als Wort. Hoffentlich merkt niemand, dass Irma zu nichts nutze ist außer zu Anwesenheit. Gleich spricht mich jemand an, Susana zum Beispiel, vor Susana hat sie am meisten Angst; aber Susana ist heute gar nicht da, und erschrocken, fast gewaltsam dreht Irma ihren Kopf wieder zurück zur Konfi, weg vom Fenster, weg von der Birke, weg vom Gedanken, und da ist die Themenkonferenz schon um und sie hat wieder kein einziges Wort gesagt.

Zumindest keins, das gehört worden ist. Manchmal sagt Irma schon etwas, zum Beispiel, wenn eh alle durcheinanderreden, dann sagt sie auch etwas, oft etwas von dem, was sie am Morgen gedacht hat, meistens irgendeine Idee, die sie gleich nach dem Aufwachen hatte, aber das geht natürlich unter, manchmal geht das auf eine Weise unter, dass alle verwirrt auf Irma blicken, weil ihr Satz mit ihrer Idee noch nicht zu Ende gesprochen war, während die Sätze der anderen schon verklungen sind. Könnten wir doch, wär doch wichtig, hören die anderen dann noch und schauen, und Irma könnte jetzt, an dieser Stelle, den ganzen Satz mit der ganzen Idee wiederholen, aber sie zieht die Schultern ein und schämt sich, für die eingezogenen Schultern. Aber nicht nur deswegen, sondern auch ganz allgemein. Die anderen kennen das irgendwie von sich selbst, wissen aber auch nichts Genaues darüber, sie gehen jetzt erst einmal frühstücken und Irma geht auch frühstücken.

Autor:in: LucasNau

Morten MacMoneyrich joggt die Straße entlang, die Sonne scheint und die Raben kreisen und quaken am Himmel. Eine Horde ungebändigter Kleinkinder übermannt Morten beim Überqueren einer Straße. Kurz vor dem Schreianfall stürzt der 45-Jährige, kinderlose CEO und sieht sein Leben vor innerem Auge hinziehen. Die Kinder sind verwirrt und kreisen wie die Raben weiter um den Herrn. Der Ausgang ist ungewiss.

Originaltext

10:01 Uhr
Satelliten

Das Start-up läuft so gut, dass Frederic schon darüber nachdenkt, weitere Räume anzumieten, jeden Morgen dreht er seine Runde durch den vierten Stock und schaut in die Gänge und grüßt alle gut gelaunt, alle sollen so fröhlich sein wie er. Es muss kein großer Raum sein und er muss auch nicht direkt neben dem angemieteten 6-Zi-Büro liegen, wozu gibts das Internet und die Kantine und außerdem haben Menschen Beine, wenn sie von A nach B möchten, oder einen Rollstuhl, einen Scooter oder ein Rollerboard, auf denen Menschen sich wie Satelliten durch das Gebäude bewegen, Frederic liebt Satelliten, sie sind eigenständig und doch Teil des Ganzen, die Satelliten haben sein Start-Up groß gemacht und werden es noch größer machen, es war die beste Idee überhaupt, überhaupt hat Frederic die besten Ideen, gut dass er eine Förderung für sein Start-Up bekommen hat, die gute Idee allein reicht nämlich nicht aus. Man braucht auch Mittel, um sie umzusetzen. Und man muss expandieren, so früh wie möglich und so zukunftssicher wie möglich, das sagt ja schon der Name Start-up. Guten Morgen, sagt Frederic und schüttelt seine langen Haare, die ihm frisch gewaschen auf den Rücken fallen, guten Morgen allerseits, und die Satellitenkonferenz kann beginnen.

Autor:in: Johanna

Sie setzte sich hin und dachte sich „was für ein Driss mit diesen dämlichen Trauungstraurigkeiten“. Da kam schon der Bus.

Originaltext

[1b . 0,5t = 0,5 bt]
Kaufpreis

Evi hat sich ein Brautkleid gekauft. Es ist weiß, hat eine Schleppe und Applikationen. Als die Verkäuferin sie auf die Applikationen hinweist, denkt Evi an Aprikosen und dass sie mit jemandem schlafen möchte. Sie kauft das Kleid und lässt es gleich an und setzt sich auf eine Bank am Busbahnhof. Der Bus hatte einen Unfall und kommt erst in einer halben Stunde. Eine Frau zieht einen Rollkoffer hinter sich her und wirft Evi einen Blick zu, der etwas in ihrem Zwischengehirn durcheinanderbringt. Ihr ist kalt und sie hat Hunger, sie bringt das Kleid zurück und bekommt den vollen Kaufpreis erstattet.

Autor:in: anonym

Wie alt sie wohl ist, die Susana von der Digitalausgabe, dachte Nadine, als sie aufgelegt hatte. Nicht mehr ganz jung, denn sie hatte nicht das Über-interessierte, was die Neuen oft hatten, dieses Nachbohren und Abhaken aller W-Fragen. Susana stellte höchstens zwei Fragen, bedankte sich für die Infos und legte auf. Angenehm. Andererseits , dass sie mich nie mit Namen anspricht, obwohl das doch das Erste ist, was sie einem in den Umschulungen beibringen, Kunden und Geschäftspartner immer mit Namen ansprechen, egal ob du oder Sie, persönliche Ansprache ist extrem wichtig, schafft Vertrauen, Verbindung und Verbindlichkeit, wie Frau Rosenberger das ausgedrückt hatte; Nadine hatte damals nicht viel mitbekommen in diesen langen Nachmittagsstunden in dem überhitzten Büroraum mit 20 anderen; sie war einfach froh, nach dem “Vorfall”, der genau betrachtet eine Katastrophe war, ein Plätzchen gefunden zu haben. Aber vielleicht stand Susana über solchem Kram. Eigentlich war es völlig egal, wie Susana zu den Dingen stand. Und auch wie Nadine zu den Dingen stand, drüber oder drunter, war letztlich egal.

Originaltext

10:24 Uhr
Ohrläppchen

Auch Susana denkt an ihre Mutter, während sie mit der PR-Beauftragten der Polizei über die Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg spricht. Wie sie da sitzt und mit der Polizei telefoniert und über Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg spricht, wenn ihre Mutter sie so sehen könnte. Susana nimmt ihr rechtes Ohrläppchen zwischen Zeigefinger und Daumen. Mit der linken hält sie den Telefonhörer, sie ist Linkshänderin. Ihre Mutter war ebenfalls Linkshänderin. Sie war eine so wundervolle Mutter und ein wundervoller Mensch und gleichzeitig war sie wie eine Schwester, und bis heute hat Susana nicht begreifen können, dass es nicht alle Menschen so gut mit anderen meinen wie ihre Mutter und auch sie selbst mit anderen; und das stimmt wirklich, es gibt diese Menschen, die es gut meinen mit anderen, und wenn alle so wären, dann würden es alle gut miteinander meinen und die Welt wäre eine andere. Dann würde kein Mensch Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg brauchen. Die PR-Beauftragte der Polizei sagt, sobald wir mehr über die Hintermänner wissen, rufe ich dich an, Susana. Jedes Mal wenn Susana mit ihr telefoniert, nimmt sie sich vor, endlich nachzuschauen, wie die PR-Beauftragte mit Vornamen heißt. Nadine? Oder Melanie? Oder vielleicht doch Jennifer? Aber kaum hat sie aufgelegt, vergisst sie es wieder.

Autor:in: anonym

Ihre Beine trugen sie eine ganze Weile, bis sie diesen Spiegelsaal erreichte. Panisch schnappte sie nach Luft. Nicht das noch, bitte nicht das. Schnell die Augen mit den Händen bedecken.
Zwischen ihren Fingern hindurch spingste sie nach einem Ausgang. Und immer wieder trafen ihr Blicke mitten hinein in die eigenen verhassten Augen, die ihr aus den reflektierenden Wänden entgegenstarrten. Sie saß fest in ihrer persönlichen Hölle. Ganz ruhig bleiben jetzt.
Ihre Finger tasteten sich an ihrem Oberkörper hinab zu der rechten Tasche ihrer Jeans. Die war leer. Verdammt, nicht auch noch das.
Ständig verlor sie alles; ihre Schlüssel, ihr Portemonnaie, oft sogar ihre ganze Tasche. Warum nur war sie so?
Ihr Handy war ihr immer Heiligtum gewesen. Ihr Schatz. Der einzige Weg, um mit ihrer verstorbenen Mutter zu telefonieren. Genau das hätte sie jetzt gerettet.

Originaltext


Sie weiß nicht, wer sie ist. Sie wird es nie erfahren. Es ist Nacht, sie hat Hunger, vor ein paar Tagen ist sie aufgewacht aus einer langen Dunkelheit, warm war es und still. Seit sie wach ist, hat sie Angst, vor den Lichtstrahlen, die in ihr Versteck dringen, vor dem Poltern, vor der Unruhe. Außerdem ist es irgendwie feucht. Sie hasst Feuchtigkeit, ohne zu wissen, was Feuchtigkeit ist. Sie will weg hier. Doch die Angst vor der Ungewissheit ist stärker. Sie gewöhnt sich an das Zittern, und als nach ein paar Tagen noch immer nichts passiert ist, hört sie auf zu zittern. Und dann kommt der Hunger. Hunger ist schlimmer als Angst, Feuchtigkeit und Licht. Als es wieder dunkel wird, läuft sie los.

Autor:in: Laskowski Sandra

Louise wünscht sich schon lange ein neues Handy, bekommt aber nie eins. Sie ist neidisch auf ihre Freunde, die ständig mit den neuesten Modellen glänzen. Kaum jemand schreibt ihr noch, weil der Akku ihres alten Samsung so oft leer ist und sie manchmal erst Stunden, ja manchmal Tage später antwortet. Sie tristet ein Offlinedasein. Da hilft nur Karriere machen und Geld verdienen, damit sie sich ein neues Handy kaufen kann und wieder beliebter ist.

Originaltext

10:28 Uhr
Keine Nachricht

Kann es sein, dass Louises Handy kaputt ist? Es ist schon ziemlich alt, drei Jahre mindestens. Mama kauft ihr nie etwas Neues, kein Geld, sagt sie. Louises Freundinnen bekommen, seit sie zwölf sind, alle paar Monate das neueste Modell, zum Geburtstag, zu Weihnachen oder einfach so. Leni zum Beispiel hat sogar zwei Telefone, eins für die Familie, eins für alles andere. Louise schaut auf ihr Handy und hasst es. Keine Nachricht von Leni. Sie muss dringend Karriere machen.

Autor:in: dilay

So geht das Leben der beiden weiter und verläuft in einer Routine, die sich unauffällig in den Alltag eingeschlichen hat. Manchmal, wenn sie an der Kasse sitzt oder neue Waren einräumt, während die Katze einfach nur still zusieht, fragt sie sich, ob Sokak kizi überhaupt begreift, wie wichtig sie für Pelin geworden ist. In stillen Momenten denkt Pelin darüber nach, ob die Katze etwas von dem Amoklauf mitbekommen hat und wo sie zu der Zeit gewesen ist. Lieber zerbricht sie sich an solchen, letztendlich belanglosen Fragen, den Kopf, statt daran zu denken, was sie selbst an diesem einen Tag gemacht hat. Es lenkt sie ab.

Mit der Zeit hat sich Pelin an die fast tägliche Routine der beiden gewöhnt und sie lieben und schätzen gelernt. Sie hätte nie gedacht, dass sie jemals mit Freude Katzenhaare vom Boden wegsaugt oder Kunden, die sich deswegen beschweren, lässig abweist. Die unerwartete Bindung zu Sokak kizi ist ein wichtiger Teil ihrer Welt geworden und sie kann sich kaum vorstellen, wie es wäre, wenn die Katze plötzlich nicht mehr da wäre und eine Leere hinterließe. Pelin weiß, dass das Leben weitergeht und man es nicht pausieren kann; wieso sie nicht für immer in ihrem Bett liegen und schlafen kann, aber es ist trotz des Miauens ihres kleinen Tigers, der mittlerweile wie Gesang in ihren Ohren klingt, so schwer.

Und es wird noch schwerer, denn eines Tages ist Sokak kizi spurlos verschwunden.

Originaltext

[√ 2 + 2]
Sokak kızı

Noch bevor sie die Tür ihres Ladens aufschließt, streichelt Pelin die getigerte Katze, die es sich dort gemütlich gemacht hat. Sie streichelt sie ausgiebig, sie lassen sich Zeit, die beiden. Aber, ehrlich gesagt, mag Pelin überhaupt keine Katzen, und schon gar nicht die Streunerinnen, die es immer wieder mal ins Einkaufszentrum schaffen und in den Fluren herumschleichen. Bis vor ein paar Monaten hat Pelin sie ohne Umstände verscheucht. Sie hatte keine Lust auf Katzenhaare, die sich in ihrem Laden ausbreiten und sich in den feinen Nasenhärchen allergischer Kundinnen verfangen, die dann woanders einkaufen.

Seit dem Amoklauf hat sich manches verändert. Die Freundschaft mit der Katze ist das einzig Positive. Als Pelin sich endlich wieder ins Einkaufszentrum traut, wobei traut das falsche Wort ist, eigentlich wäre sie lieber zuhause geblieben, eigentlich wäre sie am liebsten für immer zuhause geblieben, liegt da die Katze, direkt vor der Ladentüre. Sie kennt Pelins Abneigung gegen Katzen offenbar nicht, denn sie öffnet nur kurz die Augen, verändert die Position ihrer Pfoten und schläft weiter. Alles in Ordnung, Pelin, sagt die Katze. Keine Gefahr weit und breit. Pelin bückt sich zu ihr hinunter, und noch bevor ihre Hand das Fell berührt hat, fängt die Katze an zu schnurren. Seitdem sind sie Freundinnen. Pelin nennt sie sokak kızı, Straßenmädchen. Sokak kızı liegt jeden Morgen vor Elit Damenmoden und wenn sie Pelins Schritte hört, dreht sie sich auf den Rücken und wirft den Motor an.

Autor:in: anonym

Linus, der Fotograf, sitzt in einer Ecke der Cafeteria, seine Kamera immer griffbereit, als ob er jeden Moment ein flüchtiges Bild einfangen könnte. Er hat einen etwas ruhelosen Blick, der oft auf das Sideboard mit dem Blumengesteck wandert, als suche er nach einem Ankerpunkt inmitten seiner inneren Unruhe. Niemand in der Cafeteria weiß, dass Linus spielsüchtig ist, außer vielleicht Ruth Berendtz, die scheinbar alles über die Menschen hier weiß, ohne dass sie viel fragen muss.
Heute ist Linus Blick besonders leer, und Siri, die ihn oft beobachtet, bemerkt die Dunkelheit in seinen Augen. Sie hat Linus einmal gefragt, warum er immer so rastlos wirkt. Er hatte nur kurz gelächelt, aber das Lächeln erreichte nie seine Augen. „Es sind die Geister der Vergangenheit“, hatte er gesagt, „und die Schatten der Zukunft.“ Siri hatte nicht weiter nachgehakt. Sie wusste, dass jeder hier im Krankenhaus seine eigenen Dämonen hatte.
Ruth Berendtz, die wie jeden Tag am Haupteingang steht und sich eine Zigarette anzündet, wirft Linus einen prüfenden Blick zu. Sie hat eine Art, die Menschen zu durchschauen, als könne sie in ihre Seelen blicken. Heute entschließt sie sich, zu ihm zu gehen. Mit einem melancholischen Lächeln setzt sie sich zu ihm an den Tisch. „Na, Linus, was treibt dich heute um?“ fragt sie mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme.
Linus zuckt mit den Schultern und dreht die Kamera in seinen Händen. „Ich denke an das Spiel letzte Nacht“, murmelt er. Ruth hebt eine Augenbraue. „Hast du wieder verloren?“ Linus nickt stumm. „Es wird immer schwerer, da rauszukommen“, fügt er leise hinzu.
Ruth nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette und bläst den Rauch langsam aus. „Weißt du, Linus“, sagt sie nachdenklich, „manchmal muss man die Vergangenheit hinter sich lassen, um die Zukunft zu finden.“ Linus lacht trocken. „Leichter gesagt als getan, Ruth. Die Schulden, die Schuldgefühle, sie verfolgen mich.“
In diesem Moment tritt Siri an ihren Tisch, ihre Augen voller Mitgefühl. „Linus, willst du darüber reden?“ fragt sie sanft. Linus schüttelt den Kopf, aber Ruth legt eine Hand auf seinen Arm. „Manchmal hilft es, zu reden, Linus. Du musst das nicht allein durchstehen.“ Linus blickt in ihre Augen, sieht das Verständnis und die Stärke darin.
„Vielleicht“, sagt er zögernd, „vielleicht kann ich einen Weg finden. Aber es ist schwer.“ Ruth nickt. „Wir sind hier, um dir zu helfen, Linus. Du bist nicht allein.“ Siri setzt sich zu ihnen, und gemeinsam sitzen sie dort, das alte Mahagoni-Sideboard mit dem Blumengesteck im Hintergrund, als stumme Zeugen ihrer stillen Gemeinschaft.
Die Stunden vergehen, und während die Sonne langsam hinter den Bäumen versinkt, fühlt sich Linus ein wenig leichter. Es ist ein kleiner Schritt, aber es ist ein Anfang. Und manchmal, denkt er, ist das alles, was man braucht, um weiterzumachen.

Originaltext


128 / 86 mmHg

Siri sitzt immer am selben Platz in der Cafeteria, direkt vor dem Blumengesteck, das auf dem Raumteiler steht, ein Sideboard aus glänzendem Mahagoni; es sieht aus, als stamme es noch aus dem Jahre 1923. Da ist das Krankenhaus eröffnet worden, das steht auf der Tafel am Eingang, aber Siri hat die Tafel gar nicht selbst gelesen. Sie weiß es von Ruth Berendtz, die den ganzen Tag im Pelzmantel am Haupteingang steht, direkt neben dem Aschen- becher. Würde das Krankenhaus schließen, könnte man das als Erstes daran erkennen, dass Ruth Berendtz nicht davorstünde, um sich eine anzuzünden.
Alle lieben Ruth, die Patientinnen und die Schwestern und vielleicht auch die Ärztinnen und Ärzte, sie hat eine melancholisch-tiefe Stimme, wie es sich für eine Raucherin gehört, aber wenn sie lacht, streut ihr Lachen Perlen wie bei einem jungen Mädchen. Neulich hat Ruth Berendtz erzählt, dass sie als Kind heimlich zu den Männern gegangen ist. Welche Männer, fragt Siri. Na, die da hingen, direkt da vorne, wo jetzt die U-Bahn- Station ist. Siri weiß nicht, was sie sagen soll. Es war, sagt Ruth, kein schöner Anblick. Aber als Kind habe es ihr eigentlich nichts ausgemacht. Und später, sagt Ruth Berendtz, nach dem Krieg, als es ihr wieder eingefallen ist, als ihr wieder einfiel, wie sie da als Kind immer hingegangen ist, um die hängen zu sehen. Da ist es ihr plötzlich ganz anders geworden. Ruth Berendtz zieht an ihrer Zigarette und Siri sieht die Männer da hängen. Und würde jetzt am liebsten auch rauchen. Aber sie raucht nicht mehr.

Autor:in: Aybike Cekic

Ein Bekannter ist in der Bäckerei und sagt: „Hallo“. Deniz sagt auch „Hallo“, kauft ein Brot und drei Simit und zuhause erzählt er Yasmin von der Begegnung. „War doch gar nicht so schlimm“, findet Yasmin. Aber sie hat leider keine Ahnung.

Originaltext

10:01 Uhr
Satelliten

Das Start-up läuft so gut, dass Frederic schon darüber nachdenkt, weitere Räume anzumieten, jeden Morgen dreht er seine Runde durch den vierten Stock und schaut in die Gänge und grüßt alle gut gelaunt, alle sollen so fröhlich sein wie er. Es muss kein großer Raum sein und er muss auch nicht direkt neben dem angemieteten 6-Zi-Büro liegen, wozu gibts das Internet und die Kantine und außerdem haben Menschen Beine, wenn sie von A nach B möchten, oder einen Rollstuhl, einen Scooter oder ein Rollerboard, auf denen Menschen sich wie Satelliten durch das Gebäude bewegen, Frederic liebt Satelliten, sie sind eigenständig und doch Teil des Ganzen, die Satelliten haben sein Start-Up groß gemacht und werden es noch größer machen, es war die beste Idee überhaupt, überhaupt hat Frederic die besten Ideen, gut dass er eine Förderung für sein Start-Up bekommen hat, die gute Idee allein reicht nämlich nicht aus. Man braucht auch Mittel, um sie umzusetzen. Und man muss expandieren, so früh wie möglich und so zukunftssicher wie möglich, das sagt ja schon der Name Start-up. Guten Morgen, sagt Frederic und schüttelt seine langen Haare, die ihm frisch gewaschen auf den Rücken fallen, guten Morgen allerseits, und die Satellitenkonferenz kann beginnen.

Autor:in: Meryem

Verdammt, denkt Yasmin, ob Magrit es seltsam fand, dass ich das zerbrechliche Aussehen der Patientin mochte? Magrit weiss natürlich nichts von Yasmins verstörender Vorliebe. Würde sie das wissen, wäre Yasmin sofort arbeitslos. Oder im Knast. Oder beides.

Originaltext


129 / 84 mmHg

Die Patientin auf Nummer 17 ist irgendwie besonders, sagt Yasmin, und Margit sagt, wieso. Ich weiß nicht, sagt Yasmin. Ich mag sie und ich mag, wie sie aussieht, so zerbrechlich irgend- wie. Zerbrechlich, echt? Wie Schneewittchen? Schneewittchen, sagt Yasmin, die Schneewittchen nicht kennt, eher nicht wie Schneewittchen.

Autor:in: Van

Die Kellnerin hat ihre Hosen voll mit Trinkgeld. Sie ist auf dem Weg ins Einkaufszentrum, um sich neue Klamotten zu kaufen. Die jetzigen, so sagte man ihr, seien „unvorteilhaft“, keine Ahnung, sie schaut nämlich nicht in den Spiegel. Sie kauft 5 Hosen, 2 Röcke, 6 T-Shirts und einen Hut. An der Kasse nimmt sie aus ihren Taschen das Trinkgeld und lässt es von der Kassiererin zählen. 20 Euro. Sie kauft nur den Hut. Der Hut ist rosa. Ob er ihr wohl steht? Es ist ihr egal.

Originaltext

[1b . 0,5t = 0,5 bt]
Kaufpreis

Evi hat sich ein Brautkleid gekauft. Es ist weiß, hat eine Schleppe und Applikationen. Als die Verkäuferin sie auf die Applikationen hinweist, denkt Evi an Aprikosen und dass sie mit jemandem schlafen möchte. Sie kauft das Kleid und lässt es gleich an und setzt sich auf eine Bank am Busbahnhof. Der Bus hatte einen Unfall und kommt erst in einer halben Stunde. Eine Frau zieht einen Rollkoffer hinter sich her und wirft Evi einen Blick zu, der etwas in ihrem Zwischengehirn durcheinanderbringt. Ihr ist kalt und sie hat Hunger, sie bringt das Kleid zurück und bekommt den vollen Kaufpreis erstattet.

Autor:in: Nafisa

Sie muss ihrem kleinen Hund folgen. Flackernde, gelbe Straßenlichter leiten den Hund fort, weg von ihr. Erneut ruft sie hinterher. Doch er reagiert nicht und folgt den Lichtern, die, wie es scheint, ihm den Weg weisen. Sie vermutet, dass der Hund nicht wie sie die gelben Straßenlichter sieht, sondern einer tiefgründigen Verbindung folgt.
Die andere Straßenseite ist erreicht und sie befinden sich in einem erleuchteten, mystischen Park, in dem andere gelbe Tiere spielen. Sie versteht, die Lichter sind mehr als nur ein Wegweiser, sie sind der Schlüssel zur Zugehörigkeit.

Originaltext

14:10 Uhr
Zeisingplatz

Edithe sieht eine junge Frau mit einem kleinen Hund auf dem Arm Richtung Einkaufszentrum gehen. Der Hund hat gelbe Augen, es geht etwas Vergebliches von ihm aus. Seine Ohren sind nach vorne ausgerichtet und gespitzt, sie sehen aus wie die Umkehrprismen eines Periskops. An der Ampel vor dem Zeisingplatz springt er plötzlich aus den Armen der Frau und läuft bellend davon. Sie ruft etwas und rennt hinterher.

Autor:in: Elena Kl

Dass sie etwas Gekauftes zurückbringt, ist noch nie vorgekommen. Sie schaut auf die Geldscheine in ihrer Hand. So viel Geld. So viel, was sie sich davon hätte kaufen könnte. Jeder Betrag musste immer sofort ausgegeben werden, um ihre Sucht zu befriedigen.
Aber diesmal war etwas passiert. Der Blick der Frau war so eindringlich gewesen. Sie hatte direkt in ihre Seele geschaut und sie verstanden. Als hätte ihr Anblick auch bei der Frau etwas ausgelöst. Irgendeine Verbindung, die sie nicht verstand. Irgendwas hatte sich geändert. Sie fühlte sich lächerlich, als wäre ihr ganzen Leben ein Witz.
Wie in Trance steigt sie in den Bus ein und setzt sich an ihren Lieblingsplatz ganz hinten. Dort hat sie alles gut im Blick und kann jedes Geschehnis beobachten, ohne groß aufzufallen. Das kann sie Stunden lang machen. Bis sie an der Endstation ankommt und der Busfahrer sie höflich bittet auszusteigen. Er kennt sie schon und nickt ihr immer stumm zu. Als hätte er längst akzeptiert, dass sie einen Knacks hat.
Diesmal schaute sie aber nur aus dem Fenster. Die Straßen schienen zu verwischen, da sich in ihren Augen langsam Tränen bildeten. Die nasse Welle schob sich vor ihre Linse, brach aber nicht aus. So viel Contenance hatte sie noch. Das Geld in ihrer Hand knüllte sie fest zu einem Ballen zusammen. Wieso war sie, wie sie war? Sie fühlte sich so machtlos…
Plötzlich sah sie ein großes schickes Gebäude, auf dem in roten Lettern „Bank Ihres Vertrauens“ zu lesen war. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und drückte den Knopf. Der Busfahrer beobachtete sie beim Wegfahren von der Haltestelle. Vielleicht hatte er ja Angst um sie.
Entschlossen ging sie in die Bank und eröffnete ein neues Sparkonto. Sie bekam von der Angestellten Kaffee und Kekse. Balsam für die Seele und ganz genau das, was sie in diesem Moment brauchte. Es zauberte ein Lächeln in ihr Gesicht.
Als sie zufrieden zu Hause ankam, guckte die Klinikbeauftragte sie verwundet an. „Du strahlst aber! Was hast du denn heute Tolles erlebt?“ Sie selbst erwiderte nur stolz: „Ach Margot, ich hab mich heute einen Schritt in die richtige Richtung bewegt und meiner Sucht den Kampf angesagt! Bald kann ich hier raus und mein neues Leben beginnen!“

Originaltext

[1b . 0,5t = 0,5 bt]
Kaufpreis

Evi hat sich ein Brautkleid gekauft. Es ist weiß, hat eine Schleppe und Applikationen. Als die Verkäuferin sie auf die Applikationen hinweist, denkt Evi an Aprikosen und dass sie mit jemandem schlafen möchte. Sie kauft das Kleid und lässt es gleich an und setzt sich auf eine Bank am Busbahnhof. Der Bus hatte einen Unfall und kommt erst in einer halben Stunde. Eine Frau zieht einen Rollkoffer hinter sich her und wirft Evi einen Blick zu, der etwas in ihrem Zwischengehirn durcheinanderbringt. Ihr ist kalt und sie hat Hunger, sie bringt das Kleid zurück und bekommt den vollen Kaufpreis erstattet.

Autor:in: Lea Kessler

Alles ist so steril. Die Wände, die Bettwäsche, die Vorhänge, alles ist weiß. Lediglich das klapprige Holzbett, in das seine Vorgänger sich durch markante Ritzungen von Initialen verewigt haben, bricht es. Es quietscht bei jeder Windung, unterbricht Chumas Gedanken, die er immer wieder von neu abspulen muss. 78 Schritte sind es vom Zimmer der Pfleger bis zu seiner Zimmertür, 82 Erbsen gab es heute zum versalzenen Kartoffelbrei, davon sind ihm 2 vom Teller gekullert, die er folglich nicht gegessen hat, macht noch 80 Erbsen. Zieht man die 78 Schritte von den 80 Erbsen ab, bleibt die Zahl 2 übrig. Chuma grübelt, starrt schwarze Löcher in die weiße Decke. Er kratzt sich mit den akkurat gekürzten Fingernägeln an der Stirn. Was will das Universum ihm damit sagen? Immer wieder murmelt er die Zahl vor sich hin: 2…2…2….80 minus 78… macht 2.
So verbringt er Stunden in dem klapprigen Holzbett mit der weißen Bettwäsche. Die Decke ist längst durchlöchert. Eigentlich hat er Grübelverbot. Anordnung von seiner Therapeutin Frau Gottlob und außerdem hatte er Gertrud versprochen, mit ihr Memory im Garten zu spielen. Aber das hat sie vermutlich eh wieder vergessen. Gertrud ist seine beste und älteste Freundin hier, und Gertrud ist dement. Und weil Chuma es hasst zu verlieren, spielen sie immer Memory, pünktlich nach der Mittagsruhe. Chuma freut sich über den Sieg und Gertrud freut sich, dass Chuma sich freut. Sie mag es, wenn er lacht. Dann wuschelt sie ihm immer mit ihren faltigen Händen durch die nach hinten gegelten Haare. Tief im Inneren beneidet er Gertrud. Wie schön muss das Leben sein, wenn man alle nervigen Gedanken sofort wieder vergisst? Wenn die Zahlen nach ein paar Minuten einfach ins Nimmerland weiter ziehen. Manchmal beobachtet er sie heimlich. Die Leere, die in ihrem Kopf zu sein scheint, spiegelt sich in ihren trüben Augen, dennoch lächelt sie 90 Prozent des Tages. Und dann ist Churma kurz ein bisschen neidisch. Er wünscht sich ihre Leere. Vielleicht kann sie ihm etwas davon abgeben….

Originaltext

14:30 Uhr
50.000 Kalorien

Die Kantine schließt und die übriggebliebenen Nachspeisen landen im Müll. Ein Müllcontainer beinhaltet geschätzt 50.000 Kalorien. Diese 50.000 Kalorien fehlen der Welt, auch wenn man das nicht eins zu eins so rechnen kann, aber andererseits kann man es doch so rechnen.

Autor:in: Lea Kessler

MEINE FIGUR HEISST CHUMA UND BEFINDET SICH SEIT ZEHN TAGEN IN EINER PSYCHIATRIE AUFGRUND EINER ZWANGSSTÖRUNG. ER HAT EIN PROBLEM MIT ZAHLEN. ALLES AUS SEINEM LEBEN, SEINEM ALLTAG ÜBERSETZT ER IN ZAHLEN. SO DENKT ER BEISPIELSWEISE DARÜBER NACH, OB ES EIN UNGUTES ZEICHEN DES UNIVERSUMS IST, DASS ER HEUTE 50 TREPPENSTUFEN GEGANGEN IST, ABER 60 GRAMM HAFERFLOCKEN ZUM FRÜHSTÜCK GEGESSEN HAT. IN DER PSYCHIATRIE TRIFFT ER AUF EINE ALTE DAME, DIE DEMENZ HAT. ER BENEIDET SIE, WEIL ER SICH WÜNSCHT, ER WÜRDE WIE SIE EINFACH ALLES VERGESSEN. DANN HÄTTE ER NICHT MEHR DIE GANZEN ZAHLEN IM KOPF. AUSGERECHNET DIE ALTE FRAU HILFT IHM ZU HEILEN. ER LERNT VON IHR, WAS ES HEISST EINFACH LOSZULASSEN, UND SIE FINDET IN IHM DEN ENKEL, DEN SIE SICH IMMER GEWÜNSCHT HAT.

Originaltext

14:30 Uhr
50.000 Kalorien

Die Kantine schließt und die übriggebliebenen Nachspeisen landen im Müll. Ein Müllcontainer beinhaltet geschätzt 50.000 Kalorien. Diese 50.000 Kalorien fehlen der Welt, auch wenn man das nicht eins zu eins so rechnen kann, aber andererseits kann man es doch so rechnen.

Autor:in: Daniel

Die Figur ist unterwegs in der Altstadt. Mit Freunden umgeben in der Weinbar, und später geht es in den Techno Club. Am nächsten Tag kann sie sich nur noch schemenhaft an einen Schlafsaal erinnern. Da war so ein kleiner gelber Hund. Er häkelte seltsame Objekte.

Originaltext


Gegen den Raum

Man könne nicht gegen den Raum arbeiten, sagt die Künstlerin, als sie gefragt wird, wie sie mit dem Raum arbeitet, ich akzeptiere den Raum, wie er ist. Ich arbeite mit Wahrnehmung, im Allge- meinen beschäftigen mich Frequenzen. Der Kern eines Kristalls beginnt ad hoc zu wachsen, sagt die Künstlerin und einer der Besucher nickt, als habe sie etwas ausgesprochen, worauf er schon lange gewartet hat. Als habe er schon immer gewusst, dass irgend- wann dieser Satz fallen würde und dieser Satz etwas bestätigte, was er, der Besucher im viel zu warmen Pullover mit grünen geometrischen Formen, schon immer geahnt habe. Skulpturale Komplexitäten. Transparenz, die von Sensoren gemessen werden kann. Und um diese Transparenz geht es, um nichts anderes. Die Künstlerin hat eine ästhetische Entscheidung getroffen, auch das Publikum hat eine ästhetische Entscheidung getroffen.
Der Kurator ist froh darüber. Die Sensoren zur Messung von Transparenz wurden von der Firma Sollinger gespendet, sie sind eine Maßanfertigung für diese Ausstellung. Der Chefreporter ist anwesend, der über Kunst, Sport oder Benefizveranstal- tungen schreibt, und grundsätzlich über alles, bei dem die Firma Sollinger mit von der Partie ist. Er wird nicht bezahlt von den Sollingers, es ist einfach so, er ist irgendwie besessen von den Sollinger-Sensoren, so wie andere Menschen besessen von Lady Gaga oder Manchester United sind. Außerdem ist er entfernt verwandt mit dem Firmengründer, der schon über 90 Jahre alt ist. Allerdings wird der Journalist geschnitten von den Sollingers, er weiß nicht, warum, irgendetwas ist in der Vergangenheit vorgefallen, da war er noch zu klein, um etwas zu verstehen. Um diese Art von Transparenzen zu verstehen. Der Ausschluss einzelner, in der Regel entfernter Verwandter, ist Teil der Familientradition und Traditionen sind wichtig, denn die Firma beeinflusst die Familie und die Familie die Firma. Das Publikum applaudiert der Künstlerin und ihrem Kurator und später geht es durch die Ausstellung und trinkt Wasser aus schönen Glasflaschen, an denen blaue Etiketten kleben, sie passen zur Ausstellung, die mit akustischen Quanten brilliert, auch das Wasser brilliert, nichts wünscht sich das Publikum mehr als Brillanz.

Autor:in: Marie Labusga

13:11 Uhr.
Sekunden

Lara saß auf den kalten, grauen Fliesen des stillgelegten U-Bahnhofs und lauschte dem Tropfen des Wassers, das von der Decke heruntertropfte. Der Geruch von feuchtem Beton und Rost lag schwer in der Luft. In der Dunkelheit fühlte sie sich sicher, fernab vom Trubel der Stadt und den Menschenmassen, die sie mied. Seit Tagen schon war sie hier, lebte von einer Minute zur anderen, von einer Sekunde zur anderen. Jede Sekunde, in der sie sich nicht selbst spürte, war eine gute Sekunde. Das Licht ihres Handys flackerte, der Akku neigte sich dem Ende. Noch ein kurzer Blick auf die Uhrzeit – 13:11 Uhr. Sie zog ihre Jacke enger um sich, suchte nach Wärme in dieser kalten Umgebung. Der einzige Klang, der die Stille durchbrach, war das Echo ihrer eigenen Gedanken. Sie erinnerte sich an die Worte ihrer Mutter, die immer gesagt hatte, dass Lara ihren eigenen Weg finden würde. Doch jetzt, in diesem Moment, fühlte sie sich so verloren wie nie zuvor. Der U-Bahnhof war ihr Zufluchtsort geworden, ein Ort, an dem sie nicht gesehen wurde, an dem die Welt sie vergessen hatte. Ein leises Rascheln ließ sie aufhorchen. Vorsichtig hob sie den Kopf und sah eine Ratte, die neugierig über die Schienen huschte. Für einen Moment fühlte sie eine seltsame Verbundenheit zu dem kleinen Tier, beide auf der Suche nach etwas, das sie nicht benennen konnten. Lara seufzte und ließ ihren Kopf wieder sinken. Vielleicht würde sie eines Tages diesen Ort verlassen, einen neuen Anfang finden. Doch bis dahin war jede Sekunde, in der sie sich nicht selbst spürte, eine gute Sekunde.

Originaltext

13:11 Uhr
Sekunden

Der Mann, der am Busbahnhof zusammengebrochen ist, hat seinen Absturz schon lange hinter sich. Seitdem lebt er von einer Minute zur anderen, von einer Sekunde zur anderen. Jede Sekunde, die er sich selbst nicht spürt, ist eine gute Sekunde.

Autor:in: Eleni

Achilles sein Name. Wie auch immer man Zeit definiert, sein Liebeskummer fühlt sich ewig an. Zehn Jahre schon oder auch 3540 Tage (wenn wir von Mondphasen sprechen). Er kennt Patroklos, seit er sich selber kennt, und trotzdem hat er nie seine Gefühle los werden können. So ein stolzer Held. Der Aristos Achaion, der beste aller Griechen. Einen Mann lieben? Niemand würde es wagen, etwas dagegen zu sagen. Aber warum hält Achilles sich dann zurück? Es ist nicht so, als wäre das ein neues Konzept. Es gibt viele Könige, die auch männliche Sklaven mit in ihren Harem genommen haben. Doch Patroklos ist kein Slave … Achilles kann nicht einmal sagen, was er ist. Er weiß aber eins – er muss seine Gedanken endlich loswerden. Bald fängt der Krieg an. Davor hat er weniger Angst, er ist ja der stärkste unter den Soldaten. Bald fahren die Schiffe nach Troja los. Doch wo bleibt Patroklos? Ach, da ist er. Es ist Zeit!

Originaltext


Das Jahr muss 365 Tage haben, aber es hat, wenn es nach den Mondphasen und den Sonnenauf- und Sonnenuntergängen ginge, nur 354 Tage. Es geht aber nicht nach den Mondphasen und den Sonnenauf- und -untergängen. Es fehlt Zeit und die Zeit, die fehlt, wird hinzugefügt. Die fehlende Zeit ist tote Zeit. In manchen Zeitsystemen sind es zwölf tote Tage. In anderen fünf oder vier, liest der Junge. Meistens sind es zwölf. Zwölf Epagomene. Auch der Schalttag ist ein Epagomen. Im Revolutionskalender der Französischen Revolution nannte man die toten Tage Sansculottiden. Die Sansculottiden sind nach den Sansculottes benannt, das sind Menschen, die keine Kniebundhosen tragen können, weil sie keine Adeligen sind, deshalb sind sie Menschen ohne Kniebundhosen. Kniebundhosen sind culottes, ohne sind sie sans. Um die Kontrolle über die Mondphasen zu erlangen, haben die Revolutionäre den Jahren die zusätzlichen Tage angezogen, und plötzlich hatten die Jahre lange Hosen an, wo sie vorher ohne lange Hosen waren, wo sie vorher nur Kniebundhosen anhatten. Die Sterblichkeit der Sansculottes war hoch, vielleicht so hoch wie die der Sansculottiden. Einer wie du kommt hier nie wieder raus, denkt der Junge.

Autor:in: anonym

Den Hund interessierte es nicht, welchen Status der Mann hatte. Einzig und allein wusste er, dass er von nun an nicht mehr allein sein würde und dieser Mensch verlockend nach Abenteuer roch.

Originaltext

13:11 Uhr
Sekunden

Der Mann, der am Busbahnhof zusammengebrochen ist, hat seinen Absturz schon lange hinter sich. Seitdem lebt er von einer Minute zur anderen, von einer Sekunde zur anderen. Jede Sekunde, die er sich selbst nicht spürt, ist eine gute Sekunde.

Autor:in: Liam

Ahmed Güngör saß in der stillen Bibliothek, sein Sudoku-Heft vor sich und eine dampfende Tasse Kaffee in der Hand. Die Ruhe sollte ihm helfen, sich zu konzentrieren, aber seine Gedanken wanderten ständig. Immer wieder lenkten ihn die kleinsten Geräusche ab – das Rascheln von Papier, das leise Flüstern der anderen. Er seufzte und rieb sich die Schläfen, frustriert über seine eigene Unfähigkeit, sich auf seine Arbeit zu fokussieren. Der Perfektionist in ihm kämpfte mit der Realität seiner ständigen Ablenkungen.

Originaltext

2019
Die Zukunft

Es fällt Sandro echt schwer, es nicht allen zu erzählen, seinen Kumpels, den Kollegen und auch seinen Eltern, der Satz fühlt sich so gut an. Ich habe eine Freundin. Jetzt muss es nur noch mit der Festanstellung bei der Zeitung klappen, dann kann es losgehen mit dem Leben, dann kann es losgehen mit dem Andersleben als seine Eltern und als seine Geschwister. Aber das weiß Sandro auch, dass er bei Valentina ganz oben auf der Liste derer steht, die sie als Erste feuern wird, wenn Mr. Mchay ihr nur den kleinsten Wink gibt, und das Mitarbeitergespräch hatte genau das zum Inhalt, dass er sich etwas anderes suchen muss, über kurz oder lang, wie Valentina sich ausgedrückt hat. Dem Verlag geht es zwar gut, aber damit es ihm auch auf Dauer gut geht, werden wir einsparen müssen, Sandro, hat Valentina gesagt und ist mit dem Fuß gegen irgendein Ding gestoßen, das unter ihrem Schreibtisch war. Es hörte sich an wie etwas aus leichtem Holz, eine Salatschüssel zum Beispiel. Keine Salatschüssel, wie seine Mutter sie benutzt, vom Ein-Euro-Laden aus giftgrünem Plastik, sondern irgendwas aus Bambus oder aus Olivenholz. Und dann werden wir nur wenige Mitarbeiter übernehmen können, denn wie gesagt, alles soll automatisiert werden, der Transport von Agenturmeldungen und Print geht dann automatisch, da haben dann letztlich alle was davon.
Sandro verschränkt die Arme hinter dem Kopf und sagt, aber ein paar Mitarbeiter werdet ihr schon noch brauchen, alles kann ja nicht über die Agenturen gehen, oder? Ja, sagt Valentina und verschwindet kurz unter dem Schreibtisch. Er hört sie klappern, dann taucht sie wieder auf, öffnet die Schreibtischschublade und schließt sie wieder. Ja schon, aber ganz ehrlich, da würde ich mir nicht so große Hoffnungen machen, das sind nur ganz wenige Stellen, die dann ausgeschrieben werden. Wenn ich dir etwas raten darf, such dir eine Festanstellung bei einem kleinen Unternehmen, irgendein Start-up oder vielleicht einen Verein, irgendwas mit Sport könnte ich mir bei dir super vorstellen.
Du meinst Pressearbeit, sagt Sandro. Valentina sagt gar nichts, sie weiß, was jetzt kommt, da müssen sie beide durch.
Ich würde lieber bei der Umschau bleiben, sagt Sandro dann, leiser als üblich, und nimmt die Hände weg vom Kopf und legt sie vor sich in den Schoß und fühlt sich irgendwie erschöpft. Pressearbeit ist irgendwie nichts für mich.
Ist aber wahrscheinlich die Zukunft, sagt Valentina und steht auf. Sie zieht empathisch die Schultern hoch und nickt ihm zu. Eine Weile kannst du sicher noch als Freier Mitarbeiter bleiben.

Autor:in: Roki

Laura wachte im Schlafsaal auf und griff sofort nach ihrer Ovomaltine, nur um festzustellen, dass sie verschwunden war. Wieder einmal hatte sie etwas verloren, und dieses Mal war es ihr Lieblingsgetränk. Die anderen Mädchen schliefen noch, und Laura fühlte sich einsam in der Stille. Während sie durch den Raum schlich, hatte sie ein Déjà-vu – diese Szene hatte sie schon einmal geträumt. Sie spürte, wie die Realität und ihre Träume sich vermischten, was ihr eine seltsame Art von Trost bot, obwohl ihre Ovomaltine immer noch unauffindbar war.

Originaltext

13:38 Uhr
Utopie

Marius schreibt die Übergabe für die Nachmittagsschicht und fährt den Rechner runter, und als er vom Bildschirm hochschaut, sieht er, wie Irma zu ihm herüberschaut, und es wird ihm ganz warm und er muss sich konzentrieren, dass er nicht gleich total geil wird. Ich will aber, hat Irma an dem Morgen nach der Weihnachtsfeier gesagt, leben, richtig leben, auch wenn es Verkehrstote und Arbeitsunfälle gibt, ich will keine, sagte Irma, zweihundert Jahre lang im Bett liegen und mir alles vorstellen und außerdem, ich will nochmal, und legte sich auf Marius, ficken, und Marius dachte an Irmas Vater, der Bauarbeiter war und ihr Vorbild. Später wollte Marius weiter von seiner Utopie erzählen und setzte sich auf den Heizkörper in Irmas Schlafzimmer und bemerkte zu spät, wie sich die Hitze in seinen Hintern und Oberschenkel grub, er schrie und Irma versuchte ernst zu bleiben, als sie die roten Striemen an Marius’ Hintern sah, an seinem weißen behaarten Männerhintern, der gar nicht so recht zu ihm passt, zu seiner zierlichen Statur, dem bartlosen Gesicht und der zarten Haut auf Bauch, Brust, Schultern.

Marius denkt noch immer daran, mindestens einmal am Tag, eigentlich öfter, und die Verbrennung an seinem Hintern ist noch zu sehen als rosafarbener Strich, der wie eine Bügelfalte aussieht – eine Formulierung, die Irma gefallen würde, denkt Marius, aber es hat sich keine Gelegenheit mehr ergeben, ich kann ja, denkt Marius, in der Mittagspause nicht Guten Appetit, Irma, und übrigens, die Brandnarbe, du weißt schon, die sieht jetzt aus wie eine Bügelfalte sagen. Jetzt muss er aber wirklich los, er winkt Irma beim Rausgehen zu und sie verzieht den Mund zu einem kleinen Lächeln.

Autor:in: Emma Brown

Stenografie hatte Judith als junge Frau in ihrer Ausbildung gelernt. Luis kann die Kürzel nicht entziffern. Er steckt den Zettel in seine Hosentasche, wo Taschentücher und ein Kaugummi ihm weichen. Die Schublade knarzt, als er sie wieder schließt. Vielleicht weiß Eva ja etwas mit der Nachricht anzufangen, immerhin hat sie damals mit Judith zusammen die Ausbildung gemacht. Luis beschließt, nach der Arbeit bei ihr vorbeizuschauen. Der Zettel beschäftigt ihn den ganzen Tag. Er kann über nichts anderes nachdenken, auch nicht, als seine Krawatte im Kaffee hängt; und auch nicht, als er eine Mail zum siebten Mal lesen muss, weil er die vorherigen sechsmal mit den Gedanken beim Zettel war. Nach Feierabend fährt er auf direktem Weg zu Eva und klingelt ungeduldig an ihrer Tür. Sie öffnet, bittet ihn herein und noch bevor er sich die Schuhe ganz ausgezogen hat, kramt er schon nach dem Zettel in seiner Tasche. “Hier, den habe ich in Judiths Schublade gefunden. Kannst du lesen, was da steht?” Luis übergibt ihr den mittlerweile völlig zerknitterten Zettel und schaut sie erwartungsvoll an.
“heute Abend Veilchen umtopfen, wichtig”
Die Anspannung weicht aus Luis Schultern. Enttäuschung, aber auch glückliche Erinnerungen an Judith bahnen sich ihren Weg durch seinen Kopf. Er entschuldigt sich bei Eva, sagt, das nächste Mal werde er länger bleiben, heute sei kein guter Tag, und steigt wieder in sein Auto. Auf dem Heimweg holt er zwei Säcke Blumenerde.

Originaltext

1996
Kürzel

Ein Jahr nach der Beerdigung findet Luis den Zettel. Er erkennt sofort Judiths Handschrift. Der Zettel liegt in einer Schublade, als habe sie ihn erst vor einer Stunde geschrieben, nur dass sie keine Buchstaben geschrieben hat, sondern Stenographiekürzel, die sie immer dann benutzt hat, wenn sie in Eile war. Vielleicht war sie in Eile und hat ihm eine letzte Botschaft hinterlassen.

Autor:in: Yousra

Valentina betrat den Aufzug, drückte den Knopf für den sechsten Stock und lehnte sich an die kühle Metallwand. Sie seufzte und dachte über den letzten Monat nach, in dem sie sich fast täglich selbst daran erinnern musste, warum sie Louise eingestellt hatte. Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als Mr. Mchay mit einem energischen Schritt den Aufzug betrat. Er war, wie immer, in einen makellosen Anzug gekleidet und strahlte die selbstbewusste Aura eines Mannes aus, der sich sicher war, dass er jede Situation unter Kontrolle hatte.

„Guten Morgen, Valentina“, sagte er und drückte den Knopf für den achten Stock. „Wie läuft es mit unserer neuen Praktikantin?“

Valentina zwang sich zu einem Lächeln. „Gut, gut“, log sie, „sie arbeitet sich ein.“

Mr. Mchay nickte zustimmend. „Das freut mich zu hören. Louise ist eine ganz besondere junge Frau, das sage ich Ihnen.“

Valentina biss sich auf die Zunge, um keine sarkastische Bemerkung herausrutschen zu lassen. Sie fragte sich, wie Mr. Mchay wohl auf die Idee gekommen war, dass Louise so besonders sei. Er hatte die unangenehme Angewohnheit, Menschen nach oberflächlichen Eindrücken zu beurteilen, was Valentina mehr als einmal auf die Palme gebracht hatte.

„Apropos, Valentina,“ fuhr Mr. Mchay fort und warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr, „haben Sie daran gedacht, den Bericht für das Board Meeting am Freitag fertigzustellen?“

„Natürlich, Mr. Mchay“, antwortete sie und versuchte, ihre Genervtheit zu verbergen. „Der Bericht ist so gut wie fertig.“

„Perfekt. Ich wusste, dass ich mich auf Sie verlassen kann.“ Er zwinkerte ihr zu und Valentina spürte, wie sich ein Knoten in ihrem Magen bildete. Dieser Mann hatte eine Art, die sie zur Weißglut trieb, besonders weil er sich für weitaus klüger hielt, als er tatsächlich war. Wahrscheinlich dachte er, dass er mit seinen regelmäßigen Besuchen im Fitnessstudio auch seine geistige Fitness aufrechterhielt.

Als der Aufzug schließlich anhielt und die Türen sich öffneten, trat Mr. Mchay hinaus und wandte sich mit einem letzten Lächeln zu ihr um. „Ich sehe Sie später, Valentina. Und denken Sie daran, Louise ist eine Chance für uns alle. Manchmal muss man nur etwas tiefer graben, um das wahre Potenzial eines Menschen zu erkennen.“

Valentina nickte mechanisch und murmelte einen Abschiedsgruß. Als sich die Türen schlossen, ließ sie den Kopf gegen die kühle Wand sinken. Sie wusste, dass sie sich irgendwie mit Louise arrangieren musste, aber es fiel ihr schwer, den wahren Grund für Mr. Mchays Beharren auf die junge Frau zu erkennen. War es wirklich nur eine alte Schuld, die er begleichen wollte, oder steckte etwas anderes dahinter?

Sie stieg im sechsten Stock aus und ging in Richtung ihres Büros, während sie sich vorstellte, wie Mr. Mchay in seinem Fitnessstudio war, wahrscheinlich schwer atmend und überzeugt davon, dass er die Welt ein bisschen besser machte, indem er Gewichte hob und Bänder dehnte. Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht, dann verwarf sie den Gedanken und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu

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11:39 Uhr
Schilddrüsenüberfunktion

Valentina hat endlich den Praktikumsvertrag mit Louise unterschrieben. Sie schiebt es schon den ganzen Monat hinaus, nie im Leben hätte sie so jemanden freiwillig eingestellt, sie passt überhaupt nicht ins Team mit ihrer Trachtenfrisur und ihren Augen, die aussehen, als würden sie gleich aus der Fassung kullern, wahrscheinlich Schilddrüsenüberfunktion, und jedes Mal, wenn Valentina ihr auf dem Flur oder auf dem Klo oder sonstwo begegnet, möchte sie sie am liebsten schütteln und sagen, mein Gott, jetzt geh doch mal zum Arzt.

Aber erstens macht sie so etwas nicht und zweitens hat Mr. Mchay sie vorgeschlagen, und Mr. Mchay schlägt nur Leute vor, die er kennt oder die jemand kennen, die er selbst gut kennt, wenn nicht sogar sehr gut, wahrscheinlich ist sie irgendwie verwandt mit ihm, auch wenn Valentina sich das nicht vorstellen kann, weil diese Louise nicht wie jemand wirkt, der im Umfeld eines Mr. Mchays aufgewachsen ist. Wahrscheinlich ist Mr. Mchay mit Louises Großtante zur Schule gegangen, irgendwann in der Mitte des letzten Jahrtausends, oder er hat ihren Vater überfahren oder steht sonstwie in der Schuld ihrer Familie.

Autor:in: Keno Ringena

Emil versteckt sich gerade in der Sockenschublade. Nur haarscharf konnte er so dem Känguru entkommen. Das Känguru will ihn fressen, da ist er sich sicher. Seine Familie hat es schon erwischt.

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14:38 Uhr
Flur D

Als Clara Kalkofen den Schuss hört, der sie zu Fall bringt, ist sie nicht überrascht. Später wird sie sich genau das am öftesten fragen: Warum sie nicht überrascht war. Sie liegt auf dem harten Terraplanboden in Flur D im ersten Stock zwischen Body Shop und dm und stützt sich mit den Armen auf, um aufzustehen. Ihre Beine verweigern die Mithilfe. Einfach so. Bitte, sagt Clara. Sie sagt es nicht wehleidig, eher streng. Doch die Beine reagieren nicht. Einen Moment lang fragt Clara Kalkofen sich, ob sie überhaupt Beine hat. Sie schaut an sich selbst entlang, ein Gedanke geht ihr durch den Kopf, den sie nicht festhalten kann. Er spaziert durch sie hindurch wie ein Gespenst. Sie versucht sich daran zu erinnern, wie es war, als sie noch eine Verbindung zu den Beinen hatte. Sie starrt auf ihre Schuhe, es sind dunkelgrüne Lederstiefeletten, die sie vor zwei Monaten bei Salamander gekauft hat. Die Schuhe haben 89,90 Euro gekostet, sie waren heruntergesetzt, weil Salamander umbauen und vorher möglichst viele Produkte verkaufen wollte. Die Verkäuferin hatte ihr erklärt, dass Lagerware für das Unternehmen teurer sei als heruntergesetzte Artikel. Clara Kalkofen denkt über das Wort Lagerware nach und spürt ihre Beine nicht und weiß nicht, ob sie ihre Beine je gespürt hat.

Autor:in: Anna

Gefängnisszelle Nummer 10, Markus sitzt auf seinem abgenutzten Bett und schaut Morgenfernsehen auf Sat 1. Auf seinem Schoss liegt die Stopfvorrichtung, um seine nächste Zigarette zu drehen. Es ist die fünfte diesen Morgen. Markus braucht nicht viel, aber auf seine Zigaretten besteht er. Er ersetzt durch sie das Frühstück, das trockene Brot schmeckt ihm nicht und wird ihm nie schmecken. Außerdem füllt das Rauchen die Werbepausen, die er sonst nur mit Sitzen verbringen kann. Sitzen ist ja keine Tätigkeit, rauchen schon.
Er hat nicht viele Routinen am Tag; was ihm außer den Zigaretten am meisten Glück bereitet, ist der Gong der Kirche nebenan. Nicht nur ist es eine wilkommene Abwechslung zur herrschenden Stille im Gefängnissalltag. Wenn sie um 14 Uhr schlägt, weiß er, dass gleich sein Hofgang beginnt. Die einzige Zeit am Tag, in der er andere Menschen sieht und aus seinen sechs Quadratmetern rauskommt. Je länger er im Gefängnis sitzt, desto mehr wird ihm klar, dass seine bisherige Lebenszeit verschwendet war. Er denkt zurück, wütend und irgendwie auch ängstllich. Markus ist seit seiner Zeit bei den Hells Angels ruhiger geworden. Er vermisst sein Motorrad, aber er vermisst nicht die anderen, die Gruppe, die Gewalt, den Druck, dem er ausgesetzt war. Er will diese Zeit am liebsten vergessen und schaut nur ungern in den Spiegel. Was war er nur für ein Mensch! Die Tattoos, die er sich als Wappen auf Hals und Arme stechen ließ, sind zum Mahnmal seiner Geschichte geworden. Immer wenn er sie ansieht, merkt er, wie er sich schämt für die Zeit, als er besoffen auf Menschen einschlug und ihm das auch noch Spass gemacht hatte.

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2013
Notre-Dame

Gehen wir zur Nebelglocke, sagt Didus, und Wanja sagt ok, obwohl ihm die Nebelglocke egal ist. Aber der Großvater ist stolz auf die Glocke, die sogar schon mal in Notre-Dame geschlagen hat. Die Franzosen mussten sie uns wieder zurückgeben, sagt der Großvater stolz, als habe er höchstpersönlich mit Napoleon dem Dritten verhandelt. Dabei ist Didus noch keine 60 Jahre alt, und seit er denken kann, hängt die Glocke an ihrem Platz. Er kann sich sogar noch erinnern, wie die Glocke bei Nebel stundenlang geschlagen hat, um den Schiffen der Schwarzmeerflotte den Weg durch den Nebel zu weisen. Aber Wanja glaubt, dass der Großvater sich nur erinnern möchte, er muss noch sehr klein gewesen sein, als die Glocke stillgelegt wurde. Der Großvater aber besteht darauf. Wie hat sich das denn angehört, fragt Wanja zum Spaß. Die Babusya grinst und man kann die schöne Lücke zwischen den beiden Vorderzähnen sehen. Und der Großvater tönt so inbrünstig Donggggg donngggggg, dass sein Kehlkopf vibriert. Wanja kann sich nicht vorstellen, dass auch nur ein Schiff auf diese Weise die Orientierung wiedergewonnen hätte, aber egal, sie gehen jetzt trotzdem zur Glocke und die Babusya packt noch ein paar Blaubeerblinis ein. Der Großvater sperrt das Tor zum Freiluftmuseum auf und dann sitzen sie zwischen den beiden Mauern, direkt unter der Glocke, und hören dem Meer zu und den Möwen und Wanja hört außer den Möwen und den Wellen auch das Donnggggg donngggg des Großvaters, und es kommt ihm vor, als bewege sich die Glocke ganz leicht im Wind. Notre-Dame, sagt Wanja zur Großmutter, hat ihre eigene Glocke, die braucht unsere nicht.
Auf Wikipedia kann man die vier Notre-Dame-Glocken hören, Wanja spielt sie den Großeltern vor, aber Didus winkt ab. Viel zu modern. Nur die Glocke Emmanuel gefällt ihm; die ist aus dem Jahr 1685. Sie ertönt nur an Feiertagen, und wenn der Papst stirbt.

Autor:in: Hanna Bloch

Irgendwie gibt es ihr ein gutes Gefühl. Zu wissen, dass sie diese Kündigung immer dabei hat, und sollte es jemals zu einer so unangenehmen Situation kommen, dass sie hier nicht mehr arbeiten möchte, kann sie die Kündigung einfach raus holen. Na klar, ganz so einfach wird es dann sicherlich nicht sein. Schließlich müsste sie das Datum abändern und den richtigen Moment abpassen, um zu kündigen. Man überlege sich mal, der Chef hätte sich gestern von seiner Frau getrennt. Dann sollte man lieber noch ein bisschen warten mit der Kündigung. Naja, aber wenigstens ist es in Irmas Vorstellung ganz leicht. Es lässt sie die nervigsten, grauen Arbeitstage überstehen, denn sie weiß: Sie ist schließlich freiwillig hier. Es gibt ihr ein Gefühl von Kontrolle und Selbstbestimmtheit. Genau so wie ihr neues Hobby: Online-Bewertungen. Da lässt sie ihren Gefühlen gerne freien Lauf. Egal ob der Zahnarzt zu grob war bei der Wurzelbehandlung oder die Friseurin die Haare schief abgeschnitten hat. Online hagelt es dann negative Kommentare. Denn in der Realität traut sich die schüchterne Irma selten etwas dazu zu sagen. Aber das macht ihr nichts, denn sie hat ja glücklicherweise die Möglichkeit, sich online auszudrücken. Sollen die anderen Leute doch lesen, wie grob der Zahnarzt zu ihr war und dass sie das nächste Mal sicherlich zu einem anderen Frisör geht! Und nebenbei wird sie dann auch noch dieses unwohle Gefühl los, sich mal wieder nicht getraut zu haben. Toll dieses Internet.

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13.
Schon wieder!

Irma hat eine Kündigung geschrieben, aber sie hat diese Kün- digung noch nicht abgeschickt. Sie wird diese Kündigung auch nicht abschicken, ich werde diese, denkt sie, Kündigung in der Hinterhand behalten, wie eine Lebensversicherung. Sie weiß selbst nicht genau, inwiefern das Kündigungsschreiben so etwas wie eine Lebensversicherung sein könnte. Es ist ja eher das Gegen- teil. Ohne Job kein Leben. Andererseits: Ohne Selbstachtung auch kein Leben. Selbstachtung ist wichtiger als ein, denkt Irma, Job, oder? Andererseits, viele haben erst dann ein Problem mit der Selbstachtung, wenn sie keinen Job mehr haben. Keinen Job muss man sich erstmal leisten können. Irma weiß nicht, ob sie es sich leisten kann, keinen Job zu haben. Solange sie es nicht weiß und solange der Job ihre Selbstachtung nur angreift, aber nicht vernichtet, wird sie die Kündigung für sich behalten. Sie ist meine, denkt Irma, Lebensversicherung. Da, schon wieder! Schon wieder denkt sie, es sei dasselbe. Dann muss ja etwas dran sein. Irma liest das Kündigungsschreiben wieder und wieder, es gefällt ihr auch nach dem zwanzigsten Lesen, sie ist froh, dass sie es hat. Es ist wie eine, denkt sie, nicht schon wieder, denkt sie.

Autor:in: Anna

Dorothee steht mit ihrem 10 Jahre alten Wohnwagen auf dem Campingplatz „Treibgut“ in Dänemark, sie liebt den kalten Wind und sie liebt die absolute Ruhe. Einmal am Tag setzt sie sich ins Bistro des Campingplatzes und überlegt, welche Nachspeise sie sich heute zu Munde führt, minutenlang kann sie darüber grübeln. Sie nimmt den Käsekuchen, der jedoch wie immer etwas zu trocken ist für ihren Geschmack. Dorothee ist Stammgästin im Lokal und wird als Teil des Inventars gesehen, trotz ihrer schweigsamen Art wird sie akzeptiert. Sie liebt die Gewohnheit und sie liebt das Gewöhnliche. Die Nachspeise ist der einzige Luxus in Dorothees Tag. Es ist ihre Form von Selbstfürsorge. Auch hält Dorothee nichts von Massenkonsum und besitzt nur wenig Hab und Gut. Ab und zu aber hat Dorothee doch den Drang, etwas zu besitzen, etwas weitaus Größeres, als wir jetzt denken, etwas nahezu Grössenwahnsinniges. Vor fünf Jahren hat sie sich ohne Umschweife, aus heiterem Himmel, einen Jetski gekauft. Und das, obowhl sie kaum stehen kann ohne ihren Wegbegleiter, den Rollator. Sie dachte, dass ein Jetski eine geeignete Schwimmhilfe wäre, um damit die Robben zu besuchen, doch dann war der Jetski viel zu schwer und zu schnell für ihre zarten Arme. Dorothee war sehr trauriga, als sie sich das eingestehen musste. Der Jetski ist jetzt immer dabei, im Anhänger, der niemals geöffnet wird. Und heute, heute spürt sie es schon wieder. Kaum hat sie im Spiegel ihres Campers die letzten Käsekuchenkrummel abgewischt, schaut sie entschlossen in den Decathlon Katalog, den ihr im City Center ein gutaussehender junger Mann auf den Rollator gelegt hat. Dorothee sieht zwar nicht gerade sportlich aus, aber das kann der junge Prospektverteiler ja wohl bessser beurteilen. Sie klappt Seite 10 auf und schon fällt ihr Blick auf ein Mountainbike – es ist sogar im Angebot.

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14:30 Uhr
50.000 Kalorien

Die Kantine schließt und die übriggebliebenen Nachspeisen landen im Müll. Ein Müllcontainer beinhaltet geschätzt 50.000 Kalorien. Diese 50.000 Kalorien fehlen der Welt, auch wenn man das nicht eins zu eins so rechnen kann, aber andererseits kann man es doch so rechnen.

Autor:in: Lisei Luftvogel

Sie wacht am Po auf, am Fluss in Norditalien. Sie weiß es aber nicht, sie weiß nicht, wo sie ist, denn sie hat ihre Erinnerung verloren. Sie wacht auf einer langen Sandbank auf. Mücken haben sie gestochen, sie kratzt sich, weiß aber nicht, warum es sie so juckt. Sie muss hierhergekommen sein, weil sie Hunger hatte. Ihr Mund ist verschmiert, von den Maulbeeren, die in der Golena, dem überschwemmbaren Bereich des Pos, wachsen. Aber sie weiß weder, dass ihr Mund verschmiert ist, noch, dass sie Maulbeeren gegessen hat. Sie erinnert sich an nichts. Ihr ist auch nicht bewusst, dass sie nur ein verdrecktes T-Shirt und eine Unterhose trägt. Wie sie hierhin gekommen ist, weiß niemand. Es wird heiß, zu heiß. Sie steht auf und setzt sich in das Wäldchen in der Golena. Ein Fasan schreckt auf, sie erschreckt sich noch mehr. Rehe huschen an ihr vorbei und dann hört sie plötzlich einen lauten Knall. Männer in Militäruniform tauchen auf. Sie haben ein Reh angeschossen. Die Frau rennt zur Sandbank zurück, der Sand brennt unter ihren Füßen. Durch das Gebüsch beobachtet sie, wie die Jäger das tote Tier auf den Jeep laden und abfahren. Die Frau hat Angst, in das Wäldchen zurückzukehren, zugleich leidet sie unter der Hitze an der Sandbank und sie bekommt Durst.

Originaltext


Sie weiß nicht, wer sie ist. Sie wird es nie erfahren. Es ist Nacht, sie hat Hunger, vor ein paar Tagen ist sie aufgewacht aus einer langen Dunkelheit, warm war es und still. Seit sie wach ist, hat sie Angst, vor den Lichtstrahlen, die in ihr Versteck dringen, vor dem Poltern, vor der Unruhe. Außerdem ist es irgendwie feucht. Sie hasst Feuchtigkeit, ohne zu wissen, was Feuchtigkeit ist. Sie will weg hier. Doch die Angst vor der Ungewissheit ist stärker. Sie gewöhnt sich an das Zittern, und als nach ein paar Tagen noch immer nichts passiert ist, hört sie auf zu zittern. Und dann kommt der Hunger. Hunger ist schlimmer als Angst, Feuchtigkeit und Licht. Als es wieder dunkel wird, läuft sie los.

Autor:in: Linus

Linus macht Fotos von der dunklen Seite des Mondes. Beim Auswerten der Bilder stellt er erstaunt fest, dass ein heller Fleck zu sehen ist, der wie eine Stadt erscheint. Nun vergrößert er das Bild und kann eine Struktur erkennen. Voller Freude will er es seiner Freundin zeigen und verschwindet spurlos.
Niemand kann ihn finden.

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[√N . √N = N]
Treffpunkt

Noch nie hat sich jemand unter dem grünen Schild getroffen, auf dem vier weiße Männchen abgebildet sind und vier weiße Pfeile, die auf die Männchen zeigen. Zumindest hat Mathilda dort noch nie jemanden warten gesehen. Auch der Gutschein-Automat daneben wird nie genutzt. Schenken Sie Freude, kaufen Sie einen Gutschein, steht in goldenen Buchstaben auf dem Automaten. Doch nie will jemand Freude schenken und einen Gutschein kaufen.
Außer Mathilda, die, immer wenn sie daran vorbeigeht, Lust bekommt, Freude zu schenken, nur muss der Gutschein dann ja eingelöst werden und das ist kompliziert. Außerdem weiß sie nicht, wem sie die Freude schenken möchte. Ihrer Mutter sicher nicht und der Opa ist tot und ihre Freundinnen würden denken, sie sei nicht ganz dicht. Sie müsste sich selbst etwas kaufen, und zwar etwas, das genau so viel kostet, wie der Gutschein wert ist.
Doch die wenigsten Sachen, die man im Einkaufszentrum kaufen kann, sind genau 20 oder 50 Euro wert. Eigentlich nichts. Mathilda hat keine Lust, ein Minusgeschäft zu machen. Mit Geld spielt man nicht – außer am Spielautomaten, an denen der Opa immer gespielt hat, als Mathilda noch ein Kind war. Manchmal fuhr sie mit ihrer Mutter ins Einkaufszentrum, um den Opa vom Automaten wegzuholen. Der Automat klingelte in hellen und fröhlichen Tönen, und helle und fröhliche Farben blinkten überall auf dem Automaten, dennoch wirkte er irgendwie bedrohlich. Als spräche er eine Geheimsprache, die nur er und der Opa verstanden. Da war eine ungreifbare Verbindung zwischen den
beiden, die anderen verschlossen blieb, auch Mathilda und ihrer Mutter. Im Auto weinte der Opa, und Mathildas Mutter weinte auch. Mathilda verstand nichts und doch sehr viel.
Und eines Tages wurden sämtliche Spielautomaten im Einkaufszentrum abgebaut, denn es war ein neues Gesetz in Kraft getreten. Endlich, sagte Mathildas Mutter. Zwei Monate nach dem Gesetz starb Mathildas Großvater und Mathilda musste ein schwarzes Kleid auf der Beerdigung tragen und eine Strumpfhose, die kratzte, und weil es regnete, wurde die Strumpfhose nass. Nie wird Mathilda dieses Gefühl von Trostlosigkeit auf ihrer Haut vergessen.

Autor:in: Jane Wels

Paul war sich dessen bewusst, dass er auf einer geraden Linie ging. Er selbst hatte sie, mit roter Kreide, auf das Pflaster gemalt. Auf sie konnte er sich verlassen. Wenn er das Gleichgewicht verlor, konnte er immer wieder zu ihr zurückfinden. Sie war und blieb seine Konstante, auch wenn er hin und wieder an eine Parallele in dunklem Grün dachte. Doch bereits bei dem Gedanken an einen Wechsel in die parallele Welt schwindelte ihn. Eines Tages würde er sein Innenohr hinters Licht führen und den großen Schritt hinüber wagen. Dann könnte er Paula sein, die grüne Paula, die er immer schon hatte sein wollen. Den Schwindel würde er bei Paul lassen. Der konnte damit umgehen.

Originaltext


Dass zwei Geraden parallel zueinander sind, bedeutet nichts anderes, als dass sie in derselben Ebene liegen und keine ge- meinsamen Punkte haben, es bedeutet nicht, dass sie überall den gleichen Abstand haben.

Autor:in: Jane Wels

Linus schaute über die Stadt. Was sie bloß alle daran finden, von hier oben auf ihr eigenes kleines Leben zu schauen, dachte er sich. Die winzigen Häuser sahen aus wie seine Hundehütte. Linus seufzte. Am anderen Ende seiner Leine befand sich Madeleine. Ja, er war ganz glücklich mit ihr, aber helfen konnte er ihr wirklich nicht. Sie musste wirklich mal wieder runterkommen und mit beiden Beinen auf der Erde ihre Frau stehen.

Originaltext

14:29 Uhr
Flur C

Sie haben sich neue Schuhe gekauft, zum Joggen, Basketball, Fußball, sogar zum Volleyball, seit sie in der Schulmannschaft sind und Profischuhe brauchen, nicht den Quatsch vom Lidl. Sie waren bei Rossmann, um ihren Vorrat an Zahnpasta, Reisezahnpasta, Haargummis, Toilettenpapier, Make-Up-Entferner, Enthaarungsmittel und Babytücher aufzufüllen, sie waren beim Kaufhof, wo sie nichts kauften, sie wollten nur mal schauen, weil es Kaufhof vielleicht nicht mehr lange gibt. Tatsächlich sind sie nicht sicher, ob es Kaufhof überhaupt noch gibt, heißt der Laden jetzt eigentlich anders, seit dieser Fusion, Karhof vielleicht oder Kaufstadt? Kaufstadt gefällt ihnen am besten, es ist wie eine richtige Stadt, in der die Waren wohnen und die Menschen nur zu Besuch sind, komisch, dass ihnen das nicht früher aufgefallen ist. Es ist sogar eine Stadt mit einer eigenen Historie, wie Dubrovnik oder Fürth. Sie denken daran, wie es war, als Kaufhof noch Horten hieß oder Hertie und sie als Jugendliche manchmal stundenlang Aufzug gefahren sind, weil das der einzige Ort war, der sich bewegte, zumindest kam es ihnen so vor. Im ersten Stock stiegen die Frauen aus, im zweiten die Männer, im dritten die Eltern mit Kindern. Im vierten die Omis und Opis, um im Selbstbedienungsrestaurant essen zu gehen. Dort saßen sie dann, neben sich ihre Handtaschen und Herrentaschen und die Tüten aus den verschiedenen Stockwerken und dann der Blick über die Stadt vom vierten Stock aus: wunderschön!

Autor:in: huck

Lars erwachte mit starkem Kopfweh. Die Nacht zuvor hatte er stundenlang mit seinem neuen Gehirnscanner experimentiert, um mehr über außereuropäische Insekten zu erfahren. Doch die virtuellen Kreaturen, die die KI erschaffen hatte, wirkten trotz ihrer Intelligenz immer beunruhigender. Als Lars sich aufsetzte, schwirrten Erinnerungsfragmente durch seinen Kopf: riesige Ameisen mit messerscharfen Kiefern, die grenzenlose Bienenstaaten bauten. Und Libellen mit Metallschwingen, die am Himmel tanzten “wie in Stahlgewittern”, wie Ernst Jünger es einmal beschrieben hatte. Plötzlich wurde Lars klar, dass diese Visionen keine Träume gewesen waren. Der Scanner hatte sie direkt in sein Gehirn implantiert. Und doch schien eine geheimnisvolle Kraft dahinter zu stecken, die Technik und Natur zu verschmelzen suchte. Mit Schrecken bemerkte Lars, dass sich zwei silberne Fühler aus seiner Stirn zu schälen begannen. Die Transformation hatte begonnen. Bald würde auch er zu einer solchen Kreatur werden. In Panik riss er den Scanner von seinem Kopf. Doch es war zu spät. Die Bilder wirbelten jetzt noch heftiger. Lars rannte ins Badezimmer, wo er im Spiegel ein Insektengesicht erblickte. Er schrie verzweifelt auf, während die Verwandlung immer schneller fortschritt. Bald würde nichts mehr von dem Menschen übrigbleiben, der er einmal war. Gefangen zwischen Technik und Natur, wurde Lars zum Spielball fremder Mächte. Oder gab es doch eine Möglichkeit, sich zu befreien?

Originaltext

15:05 Uhr
Einkaufszentrum

Lars scannt sein Gehirn nach brauchbarem Material über außereuropäische Insekten, der Sensor findet ein paar vage Andeutungen über japanische Buschmoskitos und Malariafliegen, er geht ein paar Schritte weiter, während er sich ans Ohr fasst und etwas Feuchtes spürt, und noch bevor er das Blut sieht, weiß er, dass es Blut ist. Heiner B. plaudert mit der Auszubildenden, sie hat lange Beine und hohe Wangenknochen, genau sein Typ, früher, da hätte er, aber heute ist er mit einem Gespräch über ausgefallene Kochrezepte voll und ganz zufrieden, er macht ihr Komplimente für ihre kreativen Ideen und ihre Beratungskompetenz und überlegt, wie er das Gespräch in die Länge ziehen könnte, bevor er, von mehreren Kugeln durchlöchert, sofort stirbt. Die Auszubildende überlebt wie durch ein Wunder unverletzt. Sie heißt Mahira. Keiner möchte allein sterben. Innerhalb weniger Sekunden ist die
Gefahr real geworden, als sei sie aus den Büchern gekrochen und hätte sich autogen materialisiert; selbst dem Germanistikprofessor aus Aachen ist jetzt angst und bang und er schwitzt zwischen den Augenbrauen. Dicht gedrängt kauern sie hinter dem Sofa und hören sich gegenseitig atmen, als sich leise Schritte nähern. Die Physikstudentin sagt später aus, die Schritte hätten sich so federleicht angehört, wie die eines Kindes, das nichts Böses im Schilde führe. Das sei auch der Grund gewesen, warum sie es gewagt habe, hinter der Sitzecke hervorzulugen. Der Germanistikprofessor fühlt sich an die schweren Schritte seines Vaters erinnert, der ihn morgens immer geweckt hat, bevor er zur Arbeit in die Fabrik fuhr. Nur die Schützenkönigin wird keine Aussagen zu den Schritten machen. Ihr Herz klopft wild, ihre Lage war noch nie so ernst, und ihre einzige Hoffnung ist, dass es schnell gehen
wird. Irgendetwas passiert mit Nicos Körpertemperatur, aber er könnte nicht sagen, was. Keine Ahnung, was ihm zuerst klar wird, als er sie auf die Kabine zugehen sieht: dass er sie kennt oder dass das die Attentäterin sein muss. Ganz lässig wirkt sie, als wolle sie nur ein bisschen shoppen gehen. Ein bisschen Spaß haben. Sie sieht weder wütend noch kalt noch irgendwie fanatisch aus. Nur dass sie über der Jeansjacke einen Gurt mit der Maschinenpistole trägt und dass das kein Scherz und keine Verkleidung ist und sein Herzschlag einen Moment lang aussetzt. Ihr Name fällt ihm nicht
ein. Er kennt sie aber, gut kennt er sie, ziemlich gut. Letztes Jahr, ungefähr zur selben Zeit. Er erinnert sich an eine Narbe. Über dem Bauchnabel. Er versucht sich daran zu erinnern, wie sich die Narbe anfühlte. Oder der Nabel. Aber da ist nichts, kein Gefühl, keine Erinnerung. Er steht hinter dem Vorhang auf der Bank, sie kann ihn nicht sehen. Unmöglich kann sie ihn sehen. Durch die engen Maschen des Vorhangs verfolgt er, wie sie geradewegs
auf die Kabine zugeht. Kurz bevor er losspringen will, checkt er, dass sie nicht ihn, sondern ihr Spiegelbild sieht. Sie bleibt stehen, er hört sie atmen. Ihr Atem ist ihm nicht unsympathisch. Maria Hann hat selbstverständlich eine Standortüberwachung vom Handy ihrer Tochter eingerichtet. Inger ist nur 58 Meter von ihr entfernt. In einem Laden, der Visuals of London heißt. Keine Ahnung, was das sein soll. Aber Maria Hann, die gerade noch das Signal zum Abbruch der Aktion geben wollte, weil es einfach zu gefährlich ist, ihre Leute da reinzuschicken, gibt den Befehl: Alles durchkämmen, alle rausholen, die noch drinnen sind! Absurd, denkt Gülsen, aber wenn sie schon sterben muss, dann lieber durch die Hand einer Frau, am liebsten würde sie gar nicht getötet werden, aber auf keinen Fall von einem Mann, es ist eine Frau, denkt Gülsen, eine Frau, die einen Grund hat, während der Schweiß ihr in Strömen über den Nacken und entlang der Achseln rinnt, während die Muskeln in ihren Oberschenkeln sich dem Moment widersetzen, in dem sie zusammenbricht und ihr Herz aufhört zu zittern. Als sie die Schüsse hören, wissen sie nicht wohin. Auf keinen Fall in den Aufzug, denken sie, denn bei
Feuer und Katastrophen sind Aufzüge tabu, das weiß jedes Kind. Sie lassen den Einkaufskorb Einkaufskorb sein und den Einkauf Einkauf und schließen sich der rennenden Masse an. Nur raus hier, raus! An der Rolltreppe liegen zwei Personen mit verdrehten Körpern und verdrehten Augen, oh Gott, denken sie, und dass jetzt nicht die Zeit sei, oh Gott zu denken. Man darf sich jetzt nicht aufhalten lassen. Sie denken, während ihr Atem heiß in der Brust brennt, so sehen also Tote aus, ich habe einen gesehen, nein, zwei, immer ist irgendwann das erste Mal und das ist mein erstes Mal und hoffentlich nicht mein letztes. Irgendwas muss man ja denken, während man vor einem Unglück wegrennt, zum Glück wissen sie zunächst gar nicht, was genau das Unglück ist. Wichtig ist jetzt erst einmal nur, in Sicherheit zu sein, oft ist drinnen mehr Sicherheit als draußen, aber heute nicht, im Gegenteil! Sie hat auf ihn geschossen. Einfach so. Wenn sie ihn getroffen hätte, wäre er jetzt tot. Sie hat ihn nicht getroffen, sie hat nicht einmal
nachgesehen, ob sie ihn getroffen hat. Er hat sich auf den Boden geworfen und gewartet, ob sie zurückkommt, er ist aufgestanden und in die Richtung gelaufen, aus der er gekommen ist, er weiß nicht mehr, wo der Ausgang ist, er muss im Kreis gelaufen sein, denn er kommt zweimal an einem alten Mann vorbei, der auf dem Boden liegt und ihn aus bösen Augen ansieht, er hebt die Hand, als wolle er winken. Wanja widersteht der Versuchung,
dem Mann die Hand zu reichen, er ist sich sicher, dass dieser Mann nichts anderes als eine Fata Morgana ist, weil er, Wanja, irgendwie unter Schock stehen muss, er kommt zum zweiten Mal an einer Fensterscheibe vorbei, die ein Loch hat, um das Loch herum Spinnweben aus Glas, er läuft eine Rolltreppe hinunter, die außer Betrieb ist, er sieht das Schild Ausgang, darunter das Schild Toiletten, er hört Stimmen, die er nicht zuordnen kann,
er hört Geräusche, die er ebenfalls nicht zuordnen kann, er läuft Richtung Ausgang, er ist jetzt fest konzentriert auf das Schild Ausgang, er läuft auf den Ausgang zu, er weiß nicht, ob er es schaffen wird, aber am Ende ist es ganz einfach und als ihm jemand eine Decke umlegt, fängt er an zu weinen und er weiß nicht, wann er damit aufhören kann.

Autor:in: web2write

Der Huck und sein IK

Huck: … das lötzinn schmilzt, vater zieht an der zigarette, zieht seine schwer gängigen schubladen auf, holt alte büchsen hervor …immer wieder tritt er von der arbeit zurück, distanziert sich, presst die kalt gewordene kippe zwischen den lippen … wischt sich die hände am grauen kittel ab … der ist an etlichen stellen angebrannt, verschmiert und verölt. jetzt ist das lötzinn heiß genug: der kolben wird kurz in ein schmieriges dick-gelbliches fett in eine alten schuhcremdedose eingetaucht, es zischt und stinkt … fast, als ob etwas lebendiges verbrennt … der draht wird kurz und ruhig an das kleine metallstück gedrückt. die zeit steht still. jetzt nicht zittern. den druck verstärken mit einer klammer. … misstrauische blicke verfolgen die … prozedur. stirn runzelnd, fast ironisch – unsicher und zweifelnd, ob die verbindung geklappt hat.

Huck: Bitte wandle das folgende Zitat um in eine “thick description” von 1800 Zeichen

IK: der kleine raum ist vom geruch nach verbranntem fett durchdrungen, ein stechender, ranziger gestank. das matte licht der glühbirne bescheint vaters aufgerichtete gestalt: die fingernägel tief schwarz von fett und ölen. die zigarette im mund ist halb abgebrannt, asche hängt am kaum noch glimmenden ende der zigarette. immer wieder tritt er von der mit öltropfen, schwarzen flecken und tiefen kratzern beschmutzen werkbank zurück, nimmt einen tiefen zug aus der zigarette, starrt ins leere. das zischen des heißen lötzinns durchbricht die stille, ungeduldiges drängen. vater taucht den lötkolbens ins fett ein. daraufhin bricht das schmale metallstück unter dem druck des kolbens zusammen. mit fahrigem handgriff wird der mit einer klammer fixiert. vater verharrt regungslos, seine augen mustern scharf die neu geschaffene verbindung. Seine gerunzelte stirn verrät zweifel ob es geklappt hat. ein seufzen, tief aus dem bauch. dann wischt er die hände an seinem kittel ab, einer fleckigen arbeitskleidung, die viele verunglückte reparaturen überlebt hat. die prozedur beginnt von vorne, ebenso das zögern, der zweifel, ob dieses mal die verbindung halten wird …

Huck: Wandle das Zitat um bitte noch einmal in eine “thick description” von 1800 Zeichen – mit mehr Fokus aus die Handlungen mit den Händen und Fingern!

IK: … vaters hände sind grob und verkrampft, die fingernägel tiefschwarz vom lötzinn und fettig. die finger greifen gekrümmt um den runden lötkolben, das gewicht scheint ihm vertraut und doch verhasst. er taucht den kolben abweisend ins fett, das zischen auf dem heißen metall unterbricht die langsamkeit seiner bewegungen. die finger der anderen hand fassen vorsichtig den dünnen draht, schieben ihn unter dem schmalen metallstück hindurch. der daumen drückt das gebogene ende des drahts auf den kolben. ein moment des zögerns, die finger zittern kaum merklich. dann greift der zeigefinger kräftig nach der klemme, fährt über den handgriff in einer fließenden bewegung. die arbeit ist vollbracht, doch die hände verharren reglos. die finger der einen hand umgreifen rhythmisch den handgriff der klemme, während die andere hand den kolben noch immer umklammert. die zusammengekniffenen augen mustern scharf die neu geschaffene verbindung. unbehagen in den händen, die nicht wissen, wohin. die finger greifen nach der zigarette. rauch zieht durch sie hindurch, während der blick abwesend ins leere geht. die hände bereit, eine weitere arbeit in angriff zu nehmen …

Originaltext


Wenn Channa Syed keine bezahlten Online-Kommentare für Visuals of London schreibt, versucht sie sich – unbezahlt – auf ihren Bachelor vorzubereiten. Sie findet es ein bisschen unfair, dass im Gegenzug der Bachelor sich nicht auf sie vorbereitet, warum muss alles immer so eingleisig ablaufen. Seit der Frühen Neuzeit bricht das hierarchische Gesellschaftsmodell zusammen, angeblich, nur ist das noch nicht in Channa Syeds Leben angekommen, warum eigentlich nicht. Und wieso eigentlich Frühe Neuzeit? Channa findet es der Neuzeit gegenüber unfair, sie bereits jetzt, wo sie noch nicht einmal zu Ende ist, in Frühe, Jüngere und Neueste Neuzeit einzuteilen. Was wenn die Neuzeit noch ewig dauert – was durchaus wahrscheinlich ist, denn welche Zeit soll der Neuzeit bitte noch folgen? Es ist schon siebzehn Uhr, und Channa hat erst zwei Seiten Fachliteratur gelesen, und noch keinen einzigen Satz geschrieben, abgesehen von den beiden Sätzen auf der Produktseite von Visuals of London. Waschen muss sie auch noch. Abgabeschluss ist in vier Wochen. Einerseits ist die Zeit ewig, zumindest die Neuzeit, andererseits rast sie.

Autor:in: Jane Wels

Sie sitzt im Luftschutzbunker, den ihre Großeltern in den 70er Jahren im Untergeschoss ihres Bungalows gebaut haben und will mit ihrer toten Mutter telefonieren. Währenddessen hämmert das Känguru an die Metalltür. Sie fragt sich, ob das mal wieder einer ihrer Träume ist, der zurückgekommen ist.

Originaltext

14:23 Uhr
Wurstbrot

Der Mann hat einen Arm um den Mülleimer geschlungen, als wolle er ihn umarmen wie einen alten Kumpel, er liegt reglos mit geschlossenen Augen, beziehungsweise er liegt gar nicht, sondern hängt vielmehr, weil der Abstand zwischen Mülleimer und Boden zu groß ist für die Proportionen dieses Mannes. Cornelia sieht, wie der Mann halb verrenkt in der Luft hängt, und denkt, das muss doch wehtun, der klemmt sich die Blutzufuhr ab, so wie der Arm da gequetscht wird, weil zwei entgegengesetzte Kräfte an ihm wirken, die Masse des Mülleimers zieht nach oben und das Gewicht des Mannes drückt nach unten; und auch an Cornelia wirkt jetzt eine Kraft, die bewirkt, dass sie sich für ihre nutzlose Neugierde schämt. Sie versucht, kein weiteres Mal hinzuschauen, denn das weiß Cornelia auch, dass sie dem Mann eigentlich helfen müsste, sich aus dieser unwürdigen Position zu befreien, aber sie weiß nicht, wie sie das anstellen soll. Auch die anderen Wartenden wissen es nicht, auch sie werfen verstohlene Blicke, auch sie fragen sich, weil sie nicht wissen, was sie sonst denken sollen, ob die Blutzirkulation nicht abgeschnitten wird, wenn man den Arm so verdreht um einen Mülleimer geschlungen hat, während der restliche Körper über dem Boden hängt. Cornelia sieht, wie eine Frau mit rosa Haaren den Mann mustert, deshalb wagt auch sie einen zweiten Blick. Der Stoff der Hose zwischen den Beinen des Mannes färbt sich dunkel, als würde man Tinte in ein Aquarium gießen.

Zwei Servicekräfte der Verkehrsbetriebe haben den Mann entdeckt und wecken ihn, der Mann schlägt die Augen auf und hat sofort die traurigsten Augen der Welt, alle Umstehenden sehen in diese Augen und möchten sofort weinen, aber sie weinen nicht. Dem Mann läuft etwas aus der Nase, es ist kein Blut, vielleicht lösen sich seine Gedanken auf, denkt Cornelia, vielleicht die Gedanken, die er bräuchte, um irgendwie aus dieser Situation herauszukommen. Oder die Gedanken verabschieden sich, weil es einfach keinen Weg mehr gibt. Eine Frau hat ihr Wurstbrot in den Mund gesteckt und vergisst, was sie damit machen wollte; mit dem Brot zwischen den Zähnen starrt sie den Mann an, der aufgestanden ist und in den nahenden Bus einsteigen möchte. Die Servicekräfte winken bedauernd ab, eine Fahrt in diesem Zustand ist nicht möglich, brauchen Sie Hilfe, sollen wir einen Arzt holen, aber der Mann weiß nicht, was Arzt ist, er deutet auf den Bus, er möchte mit diesem Bus fahren. Alle Fahrgäste steigen ein, der Mann nicht, er kann erstens sich kaum bewegen, weil er zu schwach auf den Beinen ist, zweitens halten ihn die Servicekräfte fest. Cornelia hat einen Moment lang gewartet, bis sie eingestiegen ist, sie wollte sich vergewissern, ob die Servicekräfte ok mit dem Mann umgehen, zumindest solange, bis der Bus kommt. Die Frau mit den rosa Haaren putzt sich die Nase.

Autor:in: Ulrike R.

Warum? Diese Frage hatte Grete sich schon lange nicht mehr gestellt. Sie gehörte zu den Menschen, die vieles für gegeben hielten. Nichts zu machen, ist halt so. Ihr Bruder Hans nannte sie, als er noch lebte, oft eine fatalistische Kuh. Was Hans nicht wusste: Grete rettete sich die ganzen letzten Jahre mit Tagträumen durch ihr Leben. Träumen! Träumen!, befahl sie sich. Aber es gelang ihr nicht. Stattdessen liefen links und rechts neben ihrem Kopf verschiedene Filmstreifen ab, die Löcher der Ränder deutlicher zu sehen als die Stationen ihres Lebens, ihrer Lieben, Niederlagen, Niederlagen, keine Triumphe.
Aber hatte sie sich nicht immer unsichtbar machen können? Kein Teilnehmen, sondern ein Abtauchen ins Unmögliche? Unsichtbar für andere – so wie beim Schwarzfahren, als die Kontrolleure an ihr vorbei gingen, während um sie herum alle ihre Fahrkarten zeigen mussten.
Nur sie nicht … nur sie nicht!

Originaltext

15:05 Uhr
Einkaufszentrum

Lars scannt sein Gehirn nach brauchbarem Material über außereuropäische Insekten, der Sensor findet ein paar vage Andeutungen über japanische Buschmoskitos und Malariafliegen, er geht ein paar Schritte weiter, während er sich ans Ohr fasst und etwas Feuchtes spürt, und noch bevor er das Blut sieht, weiß er, dass es Blut ist. Heiner B. plaudert mit der Auszubildenden, sie hat lange Beine und hohe Wangenknochen, genau sein Typ, früher, da hätte er, aber heute ist er mit einem Gespräch über ausgefallene Kochrezepte voll und ganz zufrieden, er macht ihr Komplimente für ihre kreativen Ideen und ihre Beratungskompetenz und überlegt, wie er das Gespräch in die Länge ziehen könnte, bevor er, von mehreren Kugeln durchlöchert, sofort stirbt. Die Auszubildende überlebt wie durch ein Wunder unverletzt. Sie heißt Mahira. Keiner möchte allein sterben. Innerhalb weniger Sekunden ist die
Gefahr real geworden, als sei sie aus den Büchern gekrochen und hätte sich autogen materialisiert; selbst dem Germanistikprofessor aus Aachen ist jetzt angst und bang und er schwitzt zwischen den Augenbrauen. Dicht gedrängt kauern sie hinter dem Sofa und hören sich gegenseitig atmen, als sich leise Schritte nähern. Die Physikstudentin sagt später aus, die Schritte hätten sich so federleicht angehört, wie die eines Kindes, das nichts Böses im Schilde führe. Das sei auch der Grund gewesen, warum sie es gewagt habe, hinter der Sitzecke hervorzulugen. Der Germanistikprofessor fühlt sich an die schweren Schritte seines Vaters erinnert, der ihn morgens immer geweckt hat, bevor er zur Arbeit in die Fabrik fuhr. Nur die Schützenkönigin wird keine Aussagen zu den Schritten machen. Ihr Herz klopft wild, ihre Lage war noch nie so ernst, und ihre einzige Hoffnung ist, dass es schnell gehen
wird. Irgendetwas passiert mit Nicos Körpertemperatur, aber er könnte nicht sagen, was. Keine Ahnung, was ihm zuerst klar wird, als er sie auf die Kabine zugehen sieht: dass er sie kennt oder dass das die Attentäterin sein muss. Ganz lässig wirkt sie, als wolle sie nur ein bisschen shoppen gehen. Ein bisschen Spaß haben. Sie sieht weder wütend noch kalt noch irgendwie fanatisch aus. Nur dass sie über der Jeansjacke einen Gurt mit der Maschinenpistole trägt und dass das kein Scherz und keine Verkleidung ist und sein Herzschlag einen Moment lang aussetzt. Ihr Name fällt ihm nicht
ein. Er kennt sie aber, gut kennt er sie, ziemlich gut. Letztes Jahr, ungefähr zur selben Zeit. Er erinnert sich an eine Narbe. Über dem Bauchnabel. Er versucht sich daran zu erinnern, wie sich die Narbe anfühlte. Oder der Nabel. Aber da ist nichts, kein Gefühl, keine Erinnerung. Er steht hinter dem Vorhang auf der Bank, sie kann ihn nicht sehen. Unmöglich kann sie ihn sehen. Durch die engen Maschen des Vorhangs verfolgt er, wie sie geradewegs
auf die Kabine zugeht. Kurz bevor er losspringen will, checkt er, dass sie nicht ihn, sondern ihr Spiegelbild sieht. Sie bleibt stehen, er hört sie atmen. Ihr Atem ist ihm nicht unsympathisch. Maria Hann hat selbstverständlich eine Standortüberwachung vom Handy ihrer Tochter eingerichtet. Inger ist nur 58 Meter von ihr entfernt. In einem Laden, der Visuals of London heißt. Keine Ahnung, was das sein soll. Aber Maria Hann, die gerade noch das Signal zum Abbruch der Aktion geben wollte, weil es einfach zu gefährlich ist, ihre Leute da reinzuschicken, gibt den Befehl: Alles durchkämmen, alle rausholen, die noch drinnen sind! Absurd, denkt Gülsen, aber wenn sie schon sterben muss, dann lieber durch die Hand einer Frau, am liebsten würde sie gar nicht getötet werden, aber auf keinen Fall von einem Mann, es ist eine Frau, denkt Gülsen, eine Frau, die einen Grund hat, während der Schweiß ihr in Strömen über den Nacken und entlang der Achseln rinnt, während die Muskeln in ihren Oberschenkeln sich dem Moment widersetzen, in dem sie zusammenbricht und ihr Herz aufhört zu zittern. Als sie die Schüsse hören, wissen sie nicht wohin. Auf keinen Fall in den Aufzug, denken sie, denn bei
Feuer und Katastrophen sind Aufzüge tabu, das weiß jedes Kind. Sie lassen den Einkaufskorb Einkaufskorb sein und den Einkauf Einkauf und schließen sich der rennenden Masse an. Nur raus hier, raus! An der Rolltreppe liegen zwei Personen mit verdrehten Körpern und verdrehten Augen, oh Gott, denken sie, und dass jetzt nicht die Zeit sei, oh Gott zu denken. Man darf sich jetzt nicht aufhalten lassen. Sie denken, während ihr Atem heiß in der Brust brennt, so sehen also Tote aus, ich habe einen gesehen, nein, zwei, immer ist irgendwann das erste Mal und das ist mein erstes Mal und hoffentlich nicht mein letztes. Irgendwas muss man ja denken, während man vor einem Unglück wegrennt, zum Glück wissen sie zunächst gar nicht, was genau das Unglück ist. Wichtig ist jetzt erst einmal nur, in Sicherheit zu sein, oft ist drinnen mehr Sicherheit als draußen, aber heute nicht, im Gegenteil! Sie hat auf ihn geschossen. Einfach so. Wenn sie ihn getroffen hätte, wäre er jetzt tot. Sie hat ihn nicht getroffen, sie hat nicht einmal
nachgesehen, ob sie ihn getroffen hat. Er hat sich auf den Boden geworfen und gewartet, ob sie zurückkommt, er ist aufgestanden und in die Richtung gelaufen, aus der er gekommen ist, er weiß nicht mehr, wo der Ausgang ist, er muss im Kreis gelaufen sein, denn er kommt zweimal an einem alten Mann vorbei, der auf dem Boden liegt und ihn aus bösen Augen ansieht, er hebt die Hand, als wolle er winken. Wanja widersteht der Versuchung,
dem Mann die Hand zu reichen, er ist sich sicher, dass dieser Mann nichts anderes als eine Fata Morgana ist, weil er, Wanja, irgendwie unter Schock stehen muss, er kommt zum zweiten Mal an einer Fensterscheibe vorbei, die ein Loch hat, um das Loch herum Spinnweben aus Glas, er läuft eine Rolltreppe hinunter, die außer Betrieb ist, er sieht das Schild Ausgang, darunter das Schild Toiletten, er hört Stimmen, die er nicht zuordnen kann,
er hört Geräusche, die er ebenfalls nicht zuordnen kann, er läuft Richtung Ausgang, er ist jetzt fest konzentriert auf das Schild Ausgang, er läuft auf den Ausgang zu, er weiß nicht, ob er es schaffen wird, aber am Ende ist es ganz einfach und als ihm jemand eine Decke umlegt, fängt er an zu weinen und er weiß nicht, wann er damit aufhören kann.

Autor:in: Luise Martha

Beim Betreten der Bäckerei bemerkt Olga ihn sofort. Sie hat ihn gestern erst gesehen, sie ist ihm vorgestern begegnet und je länger sie nachdenkt, desto stärker wächst in ihr eine Ahnung, ihm seit Tagen begegnet, womöglich von ihm verfolgt worden zu sein. Als Olga eintritt, wendet er leicht den Kopf und schaut sie unverwandt an. Ja, genauso hat er gestern auch geschaut – durchdringend und fragend zugleich. Ein gelber Hund! Wann hat Olga jemals einen Hund dieser Farbe gesehen? Kein altersbedingt vergilbtes Fell, sondern reines helles Gelb. Selbst die Krallen haben diese Farbe, so, als sei er in einen Farbtopf gefallen.
“Was darf’s denn sein?”
Olga zuckt zusammen, der gelbe Hund hat sie für einen Moment ihre Umgebung völlig vergessen lassen. Sie tritt ein paar Schritte zur Seite, weg von dieser vereinnahmenden Kreatur.
“Ein Croissant, bitte”, sagt Olga.

Originaltext

2019
Regeln

Olga weiß jetzt, wo Hagen Bert arbeitet. Das ist schon mal gut. Allein es zu wissen, macht sie so, sie weiß nicht wie, es erinnert sie vage an ein Gefühl, vor langer Zeit, als sie jung war und auf dem Weg, eine gute Schauspielerin zu werden. Karriere zu machen. Olga war nämlich die Erste in Deutschland, die das Blumenmächen Kot Pun gespielt hat. Und bis heute die Einzige, zumindest im Theater. Es war der Beginn einer Revolution. Dann kam Hagen Bert und hat dafür gesorgt, dass sie nicht mehr schlafen, nicht mehr essen und noch schlimmer, nicht mehr denken, und am allerschlimmsten: nicht mehr spielen konnte.
Vielleicht ist es das, denkt Olga, das Gefühl, dass alles möglich ist. Dass du es nicht eilig hast. Dass die Zeit für dich spielt. Die Zeit spielt für Olga, weil Olga die Einzige ist, die die Spielregeln kennt. Und sie ist die Einzige, die diese Regeln jederzeit ändern kann. Vorerst lauten die Regeln: Beschattung von Hagen Bert. Er hat sie nicht erkannt bei der kurzen Begegnung an der Drehtür, kein Wunder, sie sieht vollkommen anders aus als damals.
Ihr Gesicht ist anders, ihr Körper ist anders, ihre Haare sind anders, ihre Zukunft eine andere. Sogar ihre Vergangenheit ist eine andere als die vor dreißig Jahren. Sie kann Hagen Bert soviel beschatten, wie sie will, er wird sie nicht erkennen. Als erstes wird Olga herausfinden, wie sie ihm schaden kann. Und dann, wie sie ihm schaden wird.

Autor:in: Kathrin Schmitt

Herzliche Einladung zum 50jährigen Jubiläum des Europazentrum Lasslingen, seien Sie unsere Ehrengäste, steht in der Einladung. Sollen wir hingehen?, fragen sich Emmy und Erwin Schuster. Vor 50 Jahren haben sie als das erste Architektenpaar der Welt das Europazentrum in Lasslingen gebaut. Sie haben es gut gemeint. Der Kapitalismus hat die beiden reich gemacht, doch leider hat der Kapitalismus auch sich selbst reich gemacht. Emmy und Erwin Schuster diskutieren einen Tag lang und beschließen dann, der Einladung doch zu folgen. Obwohl etwas in ihnen sagt, geht da bloß nicht hin.
Der Oberbürgermeister hält eine Rede und auch die Kaufhausbesitzerin hält eine Rede, aber natürlich besitzt sie das Kaufhaus nicht, sie ist die Geschäftsführerin. Erwin soll ein paar Worte zur Architektur des Gebäudes sagen, doch er nutzt die Gelegenheit, eine feurige Rede gegen den Kapitalismus und für recyclingfähige Bauten aus nachwachsenden oder recycelten Rohstoffen zu halten. Dann ist Emmy dran, sie hält einen Impulsvortrag zum Thema Postwachstumsökonomie, nicht ohne kleine Seitenhiebe auf die Geschäftsführerin auszuteilen. Auch der Oberbürgermeister bekommt sein Fett weg. Doch wofür hat man ein dickes Fell? Der Oberbürgermeister ist der erste, der die beiden frenetisch für diese großartige Rede beklatscht. Sie sind so jung geblieben, die beiden, sagt der Oberbürgermeister zur Geschäftsführerin. Die Geschäftsführerin ist allerdings tief getroffen. Sie muss das noch lernen, mit Kritik umzugehen. Im Aufzug lässt sie sich sogar dazu hinreißen, Emmy Schuster zu ohrfeigen. Postwachstumsökonomie, zischt sie. Dass ich nicht lache.

Originaltext

2020
Jakub

Im Nachhinein kann Silvana gar nicht mehr sagen, seit wann Jakub fort ist. Ob sie da noch vor dem Einkaufszentrum am Zeisingplatz saß oder schon vor dem Museum. Nur, dass er schon verschwunden war, bevor sie in das ehemalige Museumswärterhäuschen gezogen ist, das weiß sie bestimmt. Eigentlich kann sie gar nicht sagen, ob er wirklich fort ist oder ob er es nur ist, weil es ihr aufgefallen ist. Ob sie schuld ist an Jakubs Fortbleiben. Ob es das Häkeln ist oder das Fernsehen oder das Museum. Oder dass sie jetzt sesshaft ist. Und was bedeutet es, dass er nicht mehr zum Zeisingplatz kommt und die Keksdose leert? Wenn sie Jakub nicht auf diese verrückte Art vermissen würde, wäre er wahrscheinlich noch da, denn dann wäre er irgendwo und nirgends, und irgendwo und nirgends ist auf jeden Fall etwas anderes als tot.
Silvana nimmt sich vor, das Gesicht von Jakub zu häkeln, aber nicht jetzt. Irgendwann vielleicht, wenn sie sein Gesicht aus der Erinnerung auswendig kann. Vielleicht kann er, wenn sie es schafft, sein Gesicht mit ihrer Erinnerung zu verschränken, seine eigene Zerstörung überleben.

Autor:in: Stephan

Was ist denn ein Kuaför?, fragt sie. Ein Kuchen mit Eierlikör, ein Dichtungsgummi für das Autofenster oder der Mann, der im Tierpark die Giraffen füttert?
Geh doch mal vorn um die Ecke, sagt Helga, da siehst du, was ein Kuaför ist. Sie geht nach vorn an die Ecke. Leute sitzen in einem großen Schaufenster und warten. Manche lesen. Andere trinken Kaffee. Hinten in der Ecke steht ein Mann und schnippelt einer Frau an den Haaren herum. Ach, eine Wartehalle, sagt sie. Ein Kuchen mit Eierlikör wäre mir lieber.

Originaltext


Moni hat ein Geheimnis, und sie kann sich nicht vorstellen, dass es irgendeinen Menschen auf der Welt gibt, der ein ähnliches oder sogar das gleiche Geheimnis hat, sie hätte sich selbst niemals vorstellen können, dass sie jemals ein solches Geheimnis haben würde. Es ist nichts Schlimmes oder Böses oder Peinliches, es ist einfach nur so, vielleicht ist intim das richtige Wort, aber Moni versteht unter intim etwas anderes, und schon weil sie nicht weiß, wie sie es nennen soll, kann sie es niemandem erzählen. Was gut ist, weil sie es sowieso niemandem erzählen möchte. Und das ist in gewisser Weise ein Schutz, denn über was man sprechen kann, über das spricht man normalerweise auch, irgendwann, obwohl das Gegenteil manchmal besser wäre. Es ist nämlich so: Das, was Moni mit der Welt verbindet, ist weniger als eins, aber mehr als null. Die Welt und ihr Körper befinden sich durchaus auf einer Ebene, aber sie berühren sich nicht. Ihre Körper ist der Kreis, die Welt sind die Ecken des Quadrats, die über den Kreis hinausgehen. Der Kreis ist Teil des Quadrats und das Quadrat ist Teil des Kreises, aber es ist nicht dasselbe und es wird nie dasselbe sein. So wie das Kind Teil der Mutter ist und die Mutter Teil des Kindes, aber dennoch sind die Mutter und das Kind grundverschieden. Es ist, als ob du vor deiner Haustür stehst, du holst den Schlüssel aus der Tasche, der Schlüssel passt, du drehst den Schlüssel, der Schlüssel dreht sich im Schloss, aber die Tür geht nicht auf. Der Schlüssel ist nur Teil des Schlosses, aber nicht Teil des Raumes. Ach, es ist zum Verrücktwerden. Moni seufzt, und das Geheimnis seufzt auch.

Autor:in: Judith spukt

„Downtown …“

Schon die Klavierakkorde zu Beginn hatten sie in einen paralysierten Zustand versetzt. Jetzt stand der Song in voller Blüte. Doch Ruth sang nicht mit.

„ … forget all your cares and go …“

Nein. Eben nicht. Downtown-Land war abgebrannt. Und die Ereignisse hatten sich überschlagen. Erst war Ruth von den Kolleginnen fast schon kränkend unspektakulär in den Ruhestand entlassen worden. Dann, kurz darauf, war Mutter gestorben. Und das große Haus in Borkem stand plötzlich leer.

Ein Fingerzeig des Himmels? War Rita nicht lange schon alles zu laut, zu schnell, zu eng geworden? Hatte sie nicht am schmalen Abgang zur U-Bahn-Haltestelle Wolkhof immer öfter das Gefühl gehabt, den Leuten auf der Treppe hinter ihr ging es nicht schnell genug? Zum Hindernis war sie geworden. Sie gehörte nicht mehr in die Großstadt. Schon gar nicht ins pulsierende Zentrum.

Also hatte sie sich nach Mutters Tod nicht mehr nur nach Ruhe und Langsamkeit, sondern zurück nach Landluft gesehnt. Nach Dung! Herüberwehend von Schmöcklers Ländereien und Bauernhof. Wo sie nachts mit Ansgar bei der Kuh gelegen hatte.

Und dann war Rita nach 44 Jahren schließlich zurück aufs Land gezogen. Das Wiederentdecken der Kindheit war schön. Doch schon bald hatten sich Leere, Einsamkeit und das „Gefühl der letzten Station“ auf sie gesenkt. Schmöcklers Hof war längst zu einem schicken Wohnhaus umgebaut. Und Ansgar ruhte seit fünf Jahren auf dem Borkemer Kirchhof.

„Downtown …“

Was hätte Ruth dafür gegeben, genau jetzt einfach los raus zum Shoppen oder ins Café gehen zu können. Ganz gleich, wie sie sich früher dafür geschämt haben mochte, dass die billige Zerstreuung ihr gut tat. Aber Downtown war jetzt weit weg wie Australien.

Originaltext


Es ist stickig und heiß im Bus, obwohl es draußen nur knapp über null Grad hat. Im Sommer dagegen waren die Klimaanlagen kaputt und liefen entweder gar nicht oder kühlten auf 14 Grad herunter, viele waren erkältet, auch Tahire, sechs Wochen lang. Im Herbst ist Tahire aufs Land gezogen, sechzig Kilometer weg von der Stadt, seitdem hat sie Sehnsucht. Einmal ist sie zum Bahnhof, hat sich ein Ticket gekauft und ist in die Stadt gefahren, wo sie den ganzen Tag herumgelaufen ist. Es fing an zu regnen, sie wollte in ein Café gehen, einen Tee trinken, sich aufwärmen. Aber sie hat sich nirgendwo hineingetraut. Wovor sie eigentlich Angst hat, weiß sie nicht genau. Irgendwie ist es ihr peinlich, in ein Café zu gehen, so zu tun, als sei es ganz normal, sich einen Tee zu bestellen. Alle schauen sie an, denkt sie, wenn sie die Tür öffnet und hineingeht. Man sieht ihr schließlich an, dass sie nicht von hier ist. Man sieht ihr auch an, dass sie keine Touristin ist. Also ist sie zum Einkaufszentrum gefahren und einfach nur durch die Geschäfte gegangen, hat in Tausende Gesichter geschaut, tausend Stimmen gehört – keine einzige war ihr vertraut. Die Stadt könnte überall und nirgendwo sein. Und dennoch hat sie Sehnsucht oder gerade deshalb. Sie denkt ständig an die Stadt, stürz dich in meine Arme, Tahire, ruft die Stadt in Tahires Träumen. Das ist komisch, denn noch nie hatte sie Sehnsucht nach einem Ort, sie hatte Sehnsucht nach ihrer Mutter, nach dem Großvater, nach den Freundinnen. Sie hatte Sehnsucht nach der Kuh der Nachbarn, die eine Kugel mitten in die Stirn traf, und Sehnsucht nach einem Jungen, den sie einmal kannte, eine Nacht lang und dann nicht wieder. Das ist lange her.

Autor:in: Anke

Und dann kam ihm die Idee, dass es ja im Museum auch so ähnlich sein kann wie nachts allein zuhause. So abgeschlossen. Wenn man sich ganz den Betrachtungen hingibt, ist es fast so, als wenn man träumt. Irgendwie ist es auch wie fotografieren, dachte er dann. Klick. Und schon ist eine Erinnerung fixiert. Geht nur schneller. Klick. Schnell ist eigentlich nicht das Museumsding. Hier ist alles langsam. Manchmal möchte er in einem Museum schlafen. Kennt ihr den Film? Nachts im Museum. Der ist eigentlich eine Hollywood-Klamotte. Er findet ihn nur so halb-lustig. Aber daran gedacht hat er auch schon mal. Nachts allein im Museum. Und dann die Kamera im Anschlag. Er kann ja dann tagsüber schlafen.

Originaltext


In Jaroslavs Wohnung riecht es in letzter Zeit nach Parfüm, wenn er nach Hause kommt, er selbst benutzt keins, es muss also woanders herkommen. Er muss aber zugeben, dass er das Parfüm sehr gerne riecht; am ersten Abend dachte er noch, es komme von der Nachbarin, die gegenüber wohnt, dass der Wind ihren Duft von Balkon zu Balkon und dann in seine Wohnung geweht hat, er sah förmlich den Weg, den das Parfüm genommen hatte, über die Geranien, die kleine Palme, den Tisch und dann durch die geöffnete Balkontür, da bin ich. Nur dass die Nachbarin, wie sich herausstellt, seit ein paar Tagen schon im Krankenhaus ist. Jaroslav schnuppert an seiner Kleidung, manchmal fängt die Kleidung ja auch fremde Gerüche ein und konserviert sie, eigentlich auch irgendwie schön, denkt er, aber ganz wohl ist ihm dabei nicht. Nach einer Woche aber, als er abends nach Hause kommt, strömt ihm der Geruch gleich entgegen wie ein kleiner Hund, der den ganzen Tag allein war. Es muss jemand in Jaroslavs Wohnung gewesen sein. Auf dem Sofa ist ein seltsamer Fleck, der gestern noch nicht da war. Jemand hat die Salami im Kühlschrank aufgegessen. Die Verpackung liegt noch auf dem Küchentisch. Jaroslav hört, wie der Wasserhahn im Bad tropft. Es ist das einzige Geräusch in der Wohnung.

Autor:in: Aram Reiem

Lesedi hat wieder einmal vom Fallen geträumt, sie fiel von diesem verdammten Apfelbaum, schon wieder, es hätte doch wenigstens einmal ein Aprikosenbaum sein können. Was diesmal anders war: Sie ist nicht ratschbumm auf den Boden geknallt, nein, kurz vor dem Aufprall vernahm sie ein Schwirren, ein Sausen, fühlte sich aufgefangen, wurde hochgetragen. Beim Erwachen versuchte sie sich an das Schwirrflüglige zu erinnern. Es musste ein riesiges Insekt gewesen sein, nur ein Insekt kann so geklungen haben. Eine Libelle. Eine richtig große Libelle, wie es sie zuletzt vor 300 Millionen Jahren im Oberkarbon gab. Meganeura.
Neura, hat ihre Kollegin im Café letzthin zu ihr gesagt. Du bist doch einfach mega neura. Du mit deinen Apfelbaumträumen immer.
Meganeura, denkt Lesedi und stapft durch die Museumssäle. Irgendwo da hinten muss das graue Fossil der Riesenlibelle hängen. Lesedi wird sich davor stellen und sich die unerhört bunten Farben der Flügel vorstellen, ihr Changieren und Schillern, solange, bis sie abhebt und hoch über den Köpfen der Museumsbesucherinnen davonschwebt.

Originaltext

13:12 Uhr
Truth und Beauty

Weil Susana gleich wieder zurück in die Redaktion muss, verzichten sie auf den Nachtisch. Susana hat ihre Serviette voll mit seltsamen Hieroglyphen gemalt und sagt, du Karlo, ich überlege zu kündigen und nochmal zu studieren, Kunst oder so. Wie findest du das? Karlo findet das gut. Kunst, warum nicht. Du bist schuld, sagt Susana und lächelt, wenn du nicht immer mit mir ins Museum gegangen wärst. Karlo wäre zwar lieber ins Naturkundemuseum gegangen oder ins Museum für Quantenphysik und hätte Susana erklärt, was ein Upquark und ein Downquark ist, was Anti-Farben sind oder die wahre Bedeutung von Truth und Beauty. Aber das sagt er nicht. Susana war damals zu klein und wollte lieber ein Eis. Sie hat ihm null zugehört, wenn er damit anfing. Nur bei den Antifarben horchte sie kurz auf. Vielleicht hat Karlo es auch nicht richtig erklärt. Truth und Beauty könnten schließlich auch Pferdenamen sein. Wie soll man etwas erklären, was man selbst nicht verstanden hat?

Autor:in: anonym

Linus läuft zum Einkaufszentrum. Der Wind weht eine Tüte über die Straße, direkt vor Linus Füße. Das ist die Idee. Er hebt sie auf und zieht sie über den Kopf. Nie wieder wird jemand seinen Mundgeruch riechen. Nach ein paar Metern schon, wird Linus kotzübel. Hat er etwas Schlechtes gegessen? Nein. Es ist die Tüte. Offenbar haben auch Tüten Mundgeruch. Linus ist mit seinem Problem nicht allein. Er nimmt sich fortan ein Beispiel an der Tüte, der das offenbar total egal ist. Nie wieder Angst vor Mundgeruch.

Originaltext

[x ≠ 1 ≠ 2]
Kordröcke

Silvana hat keine Erinnerung daran, ob sie jemals Beine hatte, ob sie jemals Unterschenkel hatte und Knie und Oberschenkel, die bis zum Knie gingen. Es gibt ein böses Gerücht, aber sie weiß nicht, ob das Gerücht an sich böse ist oder ob es böse gemeint ist. Die Oberschenkel glänzen in der Sonne. Silvana mag die Sonne, allerdings geben die Leute mehr, wenn es regnet. Sie geben mehr, dafür seltener. Da kommt die Frau mit den Kordröcken, sie wirft ihr jedes Mal eine Münze in die Keksdose; egal wie das Wetter ist, sie trägt nur Kordröcke, Kordröcke in allen Farben, blau, grün, lila, orange, sogar rosa. Silvana liebt diese Kordröcke, sie liebt überhaupt Röcke, weil Röcke nicht paarweise auftreten, Röcke sind ein Ding und nicht zwei Dinge. God bless you, sagt Silvana zu der Hand, die Hand ist oben dunkel und innen hell. Kaum hat sich der heute weinrote Kordrock entfernt, fallen erste Regentropfen und der Wind fegt eine Papiertüte über das Pflaster.

Autor:in: heidik

In dem Moment wird auch Anna aufmerksam. Sie war bis jetzt ganz in den Bildern der „Kleinen Hexe“ eingetaucht. Die Erwachsenen in dem Geschäft hat sie bisher nicht gesehen, weil ein Regal ihr die Sicht verstellt hatte. Und da alle so still waren, hat sie sich ganz alleine gewähnt, nur sie und die kleine Hexe. Dann, mit einem Mal, diese Bewegung, die Menschen in der Buchhandlung werfen sich alle auf den Boden, oder sie ducken sich hinter ein Regal. Das sieht nach einem großen Spaß aus.
Anna lässt die kleine Hexe liegen und tritt, die Hände in die Hüften gestemmt, aus der Kinderecke heraus: „Kann ich auch mitmachen in eurem Spiel?“. Da erst entdeckt sie die Frau, die am anderen Ende des Raumes steht, mit aufgerissenen Augen. Mit beiden Händen umklammert sie eine Pistole und hält sie direkt auf Anna gerichtet. Entrüstet stampfte Anna mit dem Fuß auf den Boden: „He du, gib her, das ist meine!“

Originaltext

14:37 Uhr
Lacky-X

Dit war aber keine Spielzeugpistole, ruft eine der Personen in der Buchhandlung, sie hat in einem Krimi geschmökert, den sie ihrer Freundin vielleicht zum Geburtstag schenken möchte. Mit Schusswaffen kennt sie sich aus, in ihrer Jugend war sie Schützenkönigin. Sie sagt es in Richtung eines gut aussehenden Mannes, eines Germanistikprofessors aus Aachen, der allerdings nicht zu denen gehört, die schnell in Panik geraten. Entsprechend
unschlüssig, um nicht zu sagen mäßig interessiert, reagiert er. In seiner Welt fallen keine Schüsse, weder in Büchern noch privat. Erst als die junge Frau, eine Studentin der Astrophysik mit einer riesengroßen schwarzen Tasche voller Bücher über der Schulter, so etwas wie In Deckung zischt und hinter die Sitzecke sprintet, tun die beiden anderen es ihr nach.

Autor:in: Susanne Siegmann

Die weltberühmte Opernsängerin Füsün aus Bursa sitzt in einem mondänen, eleganten Hotel in London allein an der Bar. Es ist Nachmittag, sie trägt einen ihrer unzähligen Kordröcke, diesmal einen in bordeauxroter Farbe, knöchellang, enganliegend und mit Pailletten verziert. Die Farbe harmoniert etwas fad mit ihrem dick aufgetragenen Lippenstift. Vor zwei Stunden ist sie gelandet. Ihr Privatchauffeur hat sie am Flughafen abgeholt. Am Abend soll ihr groß angesagter Konzertabend in der Royal Albert Hall stattfinden. Füsün ist nervös. Sie zieht immer hastiger an ihrer Zigarette, nur unterbrochen von gelegentlichen Hustenanfällen. Ganz London wird anwesend sein. Sie weiß, dass sie dringend aufhören sollte mit dem Rauchen, es tut ihrer glockenhellen Sopranstimme Ungutes an. Sie raucht trotzdem. Der wahre Grund ihres inneren Zitterns ist, dass sie ständig Dinge verliert. Einmal war es ihr teurer Diamantring, den sie auf der Toilette beim Hände waschen liegen ließ. Ein anderes Mal der Schlüsselbund, versehen mit Schlüsseln von all ihren Villen. Mehrmals ließ sie ihr unentbehrliches Beautycase im Flugzeug liegen. Jedoch heute … heute … ist alles anders. Etwas Schreckliches ist ihr passiert.

Originaltext

14:27 Uhr
Lacky-X

Die Buchhandlung ist fast leer. Im vorderen Teil liegen Zeitschriften, Ratgeber und Mangas aus, in der Mitte neben den Schulbüchern gibt es eine mit rotem Leder bezogene Sitzecke, in der man Hörbücher hören und ausgemusterte CDs für 2 Euro kaufen kann. Dort sitzt eine Kundin und liest ein Buch über Verschränkung, Zufall und Überlagerung. Bei den Klassikern halten sich zwei weitere Personen auf. Die Kundin auf der Sitzecke hebt plötzlich den Kopf und schaut irritiert. Als müsste sie sich versichern, in welcher Zeit sie sich befindet – in der innerhalb oder außerhalb ihres Gehirns. Keiner kann ihre Frage beantworten, die beiden anderen sind still versunken in ihre Bücher, von denen sie nicht wissen, ob sie sie kaufen werden. Die Bücher müssen eine Entscheidung treffen.

Autor:in: Iris

Edithe hat sich ins Füniküler geflüchtet und lässt sich den Berg hoch fahren. Welch eigentümliches Wort: Füniküler. Eingedeutscht, unaussprechlich, keine Sau kommt da drauf, was das wohl zu bedeuten hat. Hat das was mit einem Kühler zu tun? Egal, Edithe hat die Nase voll vom Gestank am Busbahnhof, heute will sie etwas erleben, sie hat sich einen Tag frei genommen und ist in die Berge gefahren. Geflüchtet aus dem Alltagstrott. Geflüchtet auch vor dem Typen, der sie auf dem Hinweg belästigt hat. Und was macht sie an ihrem freien Tag? Denkt über das Wort Füniküler nach. Das Wort begleitet sie den ganzen Tag und am Abend ist es ihr schon ganz vertraut.

Originaltext


Moni hat ein Geheimnis, und sie kann sich nicht vorstellen, dass es irgendeinen Menschen auf der Welt gibt, der ein ähnliches oder sogar das gleiche Geheimnis hat, sie hätte sich selbst niemals vorstellen können, dass sie jemals ein solches Geheimnis haben würde. Es ist nichts Schlimmes oder Böses oder Peinliches, es ist einfach nur so, vielleicht ist intim das richtige Wort, aber Moni versteht unter intim etwas anderes, und schon weil sie nicht weiß, wie sie es nennen soll, kann sie es niemandem erzählen. Was gut ist, weil sie es sowieso niemandem erzählen möchte. Und das ist in gewisser Weise ein Schutz, denn über was man sprechen kann, über das spricht man normalerweise auch, irgendwann, obwohl das Gegenteil manchmal besser wäre. Es ist nämlich so: Das, was Moni mit der Welt verbindet, ist weniger als eins, aber mehr als null. Die Welt und ihr Körper befinden sich durchaus auf einer Ebene, aber sie berühren sich nicht. Ihre Körper ist der Kreis, die Welt sind die Ecken des Quadrats, die über den Kreis hinausgehen. Der Kreis ist Teil des Quadrats und das Quadrat ist Teil des Kreises, aber es ist nicht dasselbe und es wird nie dasselbe sein. So wie das Kind Teil der Mutter ist und die Mutter Teil des Kindes, aber dennoch sind die Mutter und das Kind grundverschieden. Es ist, als ob du vor deiner Haustür stehst, du holst den Schlüssel aus der Tasche, der Schlüssel passt, du drehst den Schlüssel, der Schlüssel dreht sich im Schloss, aber die Tür geht nicht auf. Der Schlüssel ist nur Teil des Schlosses, aber nicht Teil des Raumes. Ach, es ist zum Verrücktwerden. Moni seufzt, und das Geheimnis seufzt auch.

Autor:in: Ruth Peyer

Yasmin ist geschafft. Die Schicht war wieder unendlich lang und als die Uhr doch das Ende anzeigte, musste sie natürlich noch dem wiederholten Klingeln aus Zimmer 15 Folge leisten. Vielleicht hätte sie sich doch besser taub gestellt, schließlich war die Ablösung bereits da. Aber die Patientin aus der 15 ist nie zufrieden, wollte sich auch diesmal nicht gedulden. Immer ist der Verband zu eng, die Luft zu stickig, der Tee zu kalt…

Endlich sitzt sie in ihrem Schrebergarten. Nach Hause zu Deniz möchte sie nicht. Darum hat sie nun das Schlechtegewissen. Das Schlechtegewissen – ihr treuester Begleiter. Viel treuer als Deniz. Wahrscheinlich hätte sie doch nach Hause gehen sollen. Oder ihn wenigstens anrufen. Nun hat er wieder einen aktuellen Grund, ihr vorzuwerfen, nie da zu sein. Sie möchte so gerne immer alles richtig machen. Richtig für Deniz, richtig für die Patienten, richtig für die Klinik! Heute hat sie sich für ‘richtig für den Schrebergarten’ entschieden. Richtig für den Schrebergarten wäre, dass die Beete endlich gejätet würden. Obwohl sie kürzlich erst im Stationszimmer mitgehört hat, dass diese gestylten Gemüsebeete alles andere als gut seien für die Artenvielfalt. Aber für irgendein Richtig musste sie sich doch entscheiden.

Originaltext


Mit dem Fahrrad in den Schrebergarten sind es nicht mehr als zwei Kilometer. Jeden Mittwochabend fährt Luis hin und und mäht die Wiese, es sei denn, es regnet oder es hat geregnet. Nasses Gras soll nicht gemäht werden, es entschärft die Messer, hat er einmal gelesen, das ist zwanzig Jahre her. Seine Frau hat immer die Fernsehzeitung Auf einen Blick gekauft, manchmal hat sie ihm daraus vorgelesen, wenn sie dachte, das Thema könne ihn interessieren. Autos, Rasen, Versicherungen. Solche Themen. Sie selbst hat immer den Abgeschlossenen Liebesroman, die Rubrik Sie fragen, Frau Irene antwortet sowie Die wahre Geschichte gelesen. Am liebsten wäre ihm aber gewesen, sie hätte ihm auch die wahren Liebesgeschichten vorgelesen. Sie hatte eine schöne Vorlesestimme, er fühlte sich immer ganz geborgen darin. Er hat sich aber nie getraut, sie darum zu bitten. Manchmal hat er diese Rubriken heimlich gelesen, doch hat er immer ein schlechtes Gewissen dabei gehabt, er weiß nicht, warum. Kann doch seiner Frau egal sein, was er liest! Ausgelacht hätte sie ihn sicher nicht, sie war keine Frau, die andere auslacht. Eines Abends hatte sie sich bereits hingelegt, er blätterte noch lange in der Fernsehzeitung. Das Glas Bier, das er jeden Abend trank, war schon seit einer Stunde leer. Er stand auf, trug das Glas in die Küche, wusch es mit klarem Wasser aus und stellte es zum Trocknen neben die Spüle. Er dachte über die Geschichte nach, die er in der Auf einen Blick gelesen hatte. Es ging um eine Frau und um einen Mann. Sie bauten einen Unfall. Sie hassten sich. Später waren sie Chefin und Bewerber. Da erkannten sie, dass sie sich doch nicht hass- ten. Er hätte gerne mit seiner Frau darüber gesprochen. Als er ins Schlafzimmer kam, lag sie auf dem Rücken. Sie starrte mit offenen Augen an die Decke. Judith, sagte er. Judith. Aber sie antwortete nicht. Sie wurde nur 54 Jahre alt. Manchmal glaubt er, er hätte sie retten können, wenn er an diesem Abend nicht so lange in der Fernsehzeitung gelesen hätte. Aber er weiß, dass das Unsinn ist. Aber, fragt er sich, wenn nicht das, was dann hätte sie retten können? Neulich hat die Nachbarin ihm erzählt, dass man sehr wohl nassen Rasen mähen kann. Das stand im Internet. Nur solle man einen Auffangkorb benutzen und das nasse Gras vorher nicht betreten. Seitdem hat er nie wieder die Auf einen Blick gelesen.

Autor:in: Ruth

Nun kann der kleine Hund nicht mehr nach Hause. Sein Platz in der Küche ist besetzt! Da sitzt seit ein paar Tagen jemand. An seinem Platz! Ganz alleine trabt er zum Wald. Auch da ist er gerne. Jedoch ganz alleine? Sorgenfalten! Denkt er nach?

Originaltext

14:29 Uhr
Bank

In der Mittagspause geht Mathilda gerne ins Einkaufszentrum, nur ausgerechnet heute hat sie ihren Geldbeutel in der anderen Tasche vergessen, in der schwarzen, während sie heute morgen Lust auf die weiße Tasche gehabt hat, die mit den Haiapplikationen, die hat sie sich letztes Jahr gekauft, das war noch das Geld vom Erbe. Es war im Grunde die letzte Investition, dann war alles futsch, naja was solls. Sie streicht über die Haifischapplikation und setzt sich auf eine Bank und schaut in den Himmel und findet, dass es heute sehr leise ist, als hätte irgendwer die Welt angehalten. Weder scheint die Sonne noch regnet es. Noch nicht einmal die Krähen sind zu hören. Und wenig Spaziergänger, eigentlich gar keine. Mathilda schaut sich um. Niemand. Nur auf der anderen Seite, kurz vor dem Waldstück, läuft ganz allein ein kleiner Hund, er sieht aus, als würde er über irgendetwas nachdenken.

Autor:in: Ibrahim Masood

Sie sind am Flughafen und Deniz kommt gerade aus der Toilette, als er sieht, wie Yasmin mit der Polizei redet. Was wollen die? Ihm fließt gleich der Angstschweiß den Nacken herunter, alles kommt wieder hoch. Bis heute schläft er schlecht, das Verbrechen von damals lässt ihn nicht los. Haben sie ihn endlich erwischt? Er wartet, bis die Polizei weg ist, was war denn, fragt er, das war die Dings, sagt Yasmin, eine alte Schulfreundin. Deniz ist beruhigt und besorgt gleichzeitig. Er fragt sich nur, wann er endlich damit abschließen kann.

Originaltext

14:38 Uhr
Flur D

Als Clara Kalkofen den Schuss hört, der sie zu Fall bringt, ist sie nicht überrascht. Später wird sie sich genau das am öftesten fragen: Warum sie nicht überrascht war. Sie liegt auf dem harten Terraplanboden in Flur D im ersten Stock zwischen Body Shop und dm und stützt sich mit den Armen auf, um aufzustehen. Ihre Beine verweigern die Mithilfe. Einfach so. Bitte, sagt Clara. Sie sagt es nicht wehleidig, eher streng. Doch die Beine reagieren nicht. Einen Moment lang fragt Clara Kalkofen sich, ob sie überhaupt Beine hat. Sie schaut an sich selbst entlang, ein Gedanke geht ihr durch den Kopf, den sie nicht festhalten kann. Er spaziert durch sie hindurch wie ein Gespenst. Sie versucht sich daran zu erinnern, wie es war, als sie noch eine Verbindung zu den Beinen hatte. Sie starrt auf ihre Schuhe, es sind dunkelgrüne Lederstiefeletten, die sie vor zwei Monaten bei Salamander gekauft hat. Die Schuhe haben 89,90 Euro gekostet, sie waren heruntergesetzt, weil Salamander umbauen und vorher möglichst viele Produkte verkaufen wollte. Die Verkäuferin hatte ihr erklärt, dass Lagerware für das Unternehmen teurer sei als heruntergesetzte Artikel. Clara Kalkofen denkt über das Wort Lagerware nach und spürt ihre Beine nicht und weiß nicht, ob sie ihre Beine je gespürt hat.

Autor:in: Barbara Utiger

Lesedi kontrolliert die Zeit auf ihrem Phone. Sie ist erst eine halbe Stunde zu spät. Das reicht noch aus für einen kleinen Umweg. Sie bauscht sich die Haare auf, leckt über ihre Lippen und tritt dann zu den beiden Angestellten. Die haben schon seit einer Weile Dienst. Man merkt’s am Müffeln ihrer Uniform. Müde und etwas ratlos sind sie auch. „Kann ich mich um den Mann kümmern? Ich kenne ihn.” „Geht nicht. Wir müssen erst die Personalien aufnehmen. Möglicherweise hat er einen unserer Mülleimer beschädigt.”
„Oder der Mülleimer ihn…”
Das sagt Lesedi zwar nur leise, aber es wirkt trotzdem.
„Von mir aus, wenn sie mit ihm bekannt sind?”
Lesedi lächelt und packt den Mann mit einer Hand am Arm. Er fühlt sich schlaff an. „Komm, ich bring dich nach Hause! Wenn Sie Fragen haben, dann wenden Sie sich ruhig an mich. Hier ist meine Karte.”
Die Angestellten starren dem ungleichen Paar hinterher, das sich leicht schwankend Richtung Stadtpark entfernt. Die Frau mit den rosa Haaren ist viel kleiner als ihr Begleiter und hat sichtlich Mühe, ihn zu lenken. Erst dann werfen sie einen Blick auf die Karte, die die Frau ihnen zugesteckt hat. Es steht nicht dasselbe drauf.

Originaltext

14:23 Uhr
Wurstbrot

Der Mann hat einen Arm um den Mülleimer geschlungen, als wolle er ihn umarmen wie einen alten Kumpel, er liegt reglos mit geschlossenen Augen, beziehungsweise er liegt gar nicht, sondern hängt vielmehr, weil der Abstand zwischen Mülleimer und Boden zu groß ist für die Proportionen dieses Mannes. Cornelia sieht, wie der Mann halb verrenkt in der Luft hängt, und denkt, das muss doch wehtun, der klemmt sich die Blutzufuhr ab, so wie der Arm da gequetscht wird, weil zwei entgegengesetzte Kräfte an ihm wirken, die Masse des Mülleimers zieht nach oben und das Gewicht des Mannes drückt nach unten; und auch an Cornelia wirkt jetzt eine Kraft, die bewirkt, dass sie sich für ihre nutzlose Neugierde schämt. Sie versucht, kein weiteres Mal hinzuschauen, denn das weiß Cornelia auch, dass sie dem Mann eigentlich helfen müsste, sich aus dieser unwürdigen Position zu befreien, aber sie weiß nicht, wie sie das anstellen soll. Auch die anderen Wartenden wissen es nicht, auch sie werfen verstohlene Blicke, auch sie fragen sich, weil sie nicht wissen, was sie sonst denken sollen, ob die Blutzirkulation nicht abgeschnitten wird, wenn man den Arm so verdreht um einen Mülleimer geschlungen hat, während der restliche Körper über dem Boden hängt. Cornelia sieht, wie eine Frau mit rosa Haaren den Mann mustert, deshalb wagt auch sie einen zweiten Blick. Der Stoff der Hose zwischen den Beinen des Mannes färbt sich dunkel, als würde man Tinte in ein Aquarium gießen.

Zwei Servicekräfte der Verkehrsbetriebe haben den Mann entdeckt und wecken ihn, der Mann schlägt die Augen auf und hat sofort die traurigsten Augen der Welt, alle Umstehenden sehen in diese Augen und möchten sofort weinen, aber sie weinen nicht. Dem Mann läuft etwas aus der Nase, es ist kein Blut, vielleicht lösen sich seine Gedanken auf, denkt Cornelia, vielleicht die Gedanken, die er bräuchte, um irgendwie aus dieser Situation herauszukommen. Oder die Gedanken verabschieden sich, weil es einfach keinen Weg mehr gibt. Eine Frau hat ihr Wurstbrot in den Mund gesteckt und vergisst, was sie damit machen wollte; mit dem Brot zwischen den Zähnen starrt sie den Mann an, der aufgestanden ist und in den nahenden Bus einsteigen möchte. Die Servicekräfte winken bedauernd ab, eine Fahrt in diesem Zustand ist nicht möglich, brauchen Sie Hilfe, sollen wir einen Arzt holen, aber der Mann weiß nicht, was Arzt ist, er deutet auf den Bus, er möchte mit diesem Bus fahren. Alle Fahrgäste steigen ein, der Mann nicht, er kann erstens sich kaum bewegen, weil er zu schwach auf den Beinen ist, zweitens halten ihn die Servicekräfte fest. Cornelia hat einen Moment lang gewartet, bis sie eingestiegen ist, sie wollte sich vergewissern, ob die Servicekräfte ok mit dem Mann umgehen, zumindest solange, bis der Bus kommt. Die Frau mit den rosa Haaren putzt sich die Nase.

Autor:in: Yvonne Macieczyk

Ziemlich genau vor vier Jahren. Da ging alles nicht mehr nach Plan. So gut hatte ich den Plan ausgedacht und nichts wurde realisiert. So habe ich eben das Konzept verloren. Genauer gesagt, ich habe es nicht verloren, es wurde mir gestohlen. Meine Berufung hatte sich aufgelöst.
Der Beruf trat in den Hintergrund. Drängte sich in den Hintergrund. Ich hatte keine Freude mehr. Und ohne Freude bin ich tot.
Tot. Alles zieht sich zurück, meine Lebensgeister, meine Ziele, meine Berufung bleiben stecken. Ich werde atemlos. Du meinst konzeptlos! Genau!

Originaltext

[a=10, b=28, c=8/3]
Keksdose

Beine, nichts als Beine, die aus Oberschenkeln und Unterschenkeln bestehen, mit Füßen dran, mit Schuhen und Stiefeln, und von den Beinen sieht Silvana vor allem die Hosenbeine und wenn das Wetter gut ist, wie heute, nackte Beine oder Beine in Strumpfhosen. Behaarte nackte Beine, unbehaarte Beine, Beine in Strumpfhosen. Alles paarweise. Überhaupt tritt das meiste, was man im Leben zu sehen bekommt, paarweise auf, das meiste würde ohne doppelt gar nicht existieren, gar nicht funktionieren oder nicht richtig funktionieren. Silvana fragt sich, warum das so ist, weiß aber keine Antwort. Jeden Tag fragt sie sich das und jeden Tag weiß sie keine Antwort, und als nächstes fragt sie sich, wie es wäre, selbst Beine zu haben, richtige Beine mit Knien und Unterschenkeln, und als drittes fragt sie sich, was sie ihren Beinen anziehen würde. Keine Jeans, Jeans hat jeder, Silvana mag Röcke und Pumps und nackte Beine und sie mag außerdem weite Hosen, die um die Beine schlenkern, und wenn der Wind etwas kräftiger weht, blähen sich die Hosenbeine um die Beine und es sieht aus wie ein Anfang, und wenn noch mehr Wind zwischen Beine und Hosenbeine blasen würde, würden sie den Körper leichter machen und die Körper würden aufsteigen und Silvana könnte die Sohlen der Schuhe und der Stiefel sehen. Ohne Beine kann man nicht fliegen, denkt Silvana und lächelt zwei graue Anzugsbeine an, die jeden Tag vorbeikommen und jeden Tag wirft eine zu den Beinen gehörige Hand mit blonden Haaren auf dem Knöchel ein 50-Cent-Stück in die Keksdose, die vor ihr steht, und sagt danke. Danke wofür?

Autor:in: Sibylle

Jemand hat sie ihr geliehen. Eine Hütte kann man genauso leihen wie ein Buch oder einen Pulli, wenn jemandem kalt ist. L. ist kalt, seit dem Amoklauf ist ihr ständig kalt, selbst jetzt, wo schon wieder ein Jahrhundertsommer das Land ausdörrt. Sie dachte, auf der Hütte findet sie sich wieder, findet die alte L. wieder, die sie eigentlich ganz gerne war. Die von vor dem Amoklauf. Sie würde wieder die Todesanzeigen im Anzeiger lesen und hin und wieder auf eine Beerdigung gehen. Sie liebt es, mit Fremden um jemanden zu weinen, den sie gar nicht kannte, es beruhigt sie. Irgendjemand wird auch um mich weinen, wenn es so weit ist, denkt sie. Doch seit dem Amoklauf haben auch Beerdigungen ihre beruhigende Wirkung verloren, wie alles. Nichts kann sie seitdem noch beruhigen, nun versucht sie es eben mit den Bergen. Wenn auch das nicht funktioniert, wird sie am letzten Tag auf einen der Gipfel steigen und springen.

Originaltext

14:44 Uhr
Intersport

Nico sieht das Popup mit der Schlagzeile Amoklauf im Europazentrum, er weiß nicht, was er machen soll, er zieht die Beine hoch, wie früher auf der Schultoilette, damit von außen niemand sehen kann, dass da einer sitzt. Er kauert auf der kleinen Bank in der Umkleide, jemand hat einen Socken vergessen, er hebt ihn auf und fällt fast von der Bank, er schreibt an Serkan, scheiße man, was soll ich machen, hier ist ein Scheißamoklauf. Krass, Mann. Wo bist du, Alter? Im Europa. Beim Intersport. Scheiße, Mann. Ruf die Bullen an. WTF, liest du keine Nachrichten? Er verlinkt die News und stellt das Handy auf lautlos. Er wartet auf Antwort. Nichts. Er hört das Surren der Klimaanlage, sonst nichts. Offenbar ist dieser Teil des Gebäudes schon evakuiert. Wieso hat er nichts mitbekommen?

Er lugt hinter dem Vorhang hervor, er könnte fliehen, andererseits: der Laden ist leer, die Attentäter werden nicht in einem leeren Laden rumballern. Er zieht den Vorhang so weit wie möglich auf, damit die Kabine von außen leer aussieht. Wenn er sich auf die Bank stellt und durch den Vorhang schaut, kann er sehen, wenn sich jemand nähert. Dann springt er dem Angreifer mit voller Wucht ins Gesicht. Er wird um sein Leben kämpfen.

Autor:in: Pauklas

09:45 Uhr. Nur noch eine viertel Stunde Zeit, dann sollte Linus im Fitnessstudio sein. Abweichungen im Zeitplan kommen für ihn nicht in Frage, denn jeden Mittwoch Punkt 10:00 Uhr steht er mit seiner professionellen Kamera, die er feinsäuberlich in seiner Sporttasche verstaut hat, an der Rezeption des Fitnessstudios. Nur gerade heute ist am Bahnhof Chaos. Auf der Anzeigetafel entdeckt Linus die 25Minuten Verspätungsanzeige. Wärme, nein, Hitze steigt rasend schnell in ihm auf. Er ballt seine Fäuste und wird starr vor Wut. Innerlich möchte er den ganzen Bahnhof zusammen schreien. Doch so schnell wie die Wut ihn überkam, verpufft sie im Bruchteil einer Sekunde. Denn Linus traut seinen Augen nicht, er schaut direkt gerade aus auf den Hinterkopf seiner großen Liebe. Wie lange ist es her? 10,11Jahre? Egal wie lange, sie sieht immer noch genau so schön aus wie damals. Linus versinkt in ihren Anblick, bis sie plötzlich das Gleis verlässt. Er zögert keine Sekunde und folgt ihr zielstrebig bis zur Bahnhofstoilette. Als sie die Tür öffnet, sieht er sie im Profil und bleibt schockiert stehen. Sie ist es nicht. Doch… das kann nicht sein. Er hat sie doch gerade erst nach so vielen Jahren wieder gefunden. 1000 Gedanken kreisen in rasender Schnelle durch Linus Kopf. Er kann sie jetzt nicht einfach so gehen lassen, was ist wenn sie es nicht doch ist. Mit jetzt noch schnelleren Schritt huscht er nur ein paar Sekunden nach ihr in die Damentoilette.Sie ist nicht zu sehen. Niemand ist zu sehen. Mit seiner großen Sporttasche schleicht er zu den alten unsauberen Klokabinen. Es sind 5 an der Zahl und nur die rechts außen ist besetzt. Leise quetscht er sich in die kleine Kabine direkt daneben. Linus fühlt die gleiche Aufregung wie er es sonst immer nur im Fitnessstudio fühlt. Er muss sie sehen! Allein der Gedanke erregt ihn sofort. Er sucht die Kabinenwand leise aber geübt nach kleinen Gucklöchern ab und tatsächlich erfühlt er mit seinem linken Zeigefinger eins. Zwar nicht so groß wie er es gewohnt ist, jedoch ist es keine Herausforderung für seine kleine Kamera. Schnell holt er sie aus der Tasche und steckt sie geschwind durch das kleine Loch. Mit freudiger Erwartung schaut Linus auf den separaten Bildschirm der Kamera. Er muss blinzeln und er zieht den Bildschirm ganz nah an sein Gesicht, sodass er ihn fast mit der Nasenspitze berührt. Was er dort sieht ist sogar für ihn zu obszön. Die Frau steht nackt und ausdruckslos in der Kabine, mit dem Gesicht zur Wand. In ihrer linken Hand hält sie ihre akkurat gefalteten Klamotten. In der linken Hand hält sie eine 9mm, die direkt in ihren Mund führt. Stille.PENG

Originaltext

15:11 Uhr
Kind regards

Im Radio läuft noch immer der Amoklauf. Olga hat sich etwas zu essen gemacht, eine Dosensuppe, die sie noch zuhause in Oldenburg in der Speisekammer gefunden hat, Ablaufdatum 2017, aber wird ja nicht schlecht. Sie hat ein paar Stellenangebote angekreuzt, alle im Einkaufszentrum, wo ja nicht jeden Tag ein Amoklauf stattfinden wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass an einem Ort zweimal ein Amoklauf stattfindet, ist auf jeden Fall
noch geringer als die Wahrscheinlichkeit, dass er irgendwo einmal stattfindet. Ist ja auch irgendwie logisch, oder? Die meisten Jobangebote sind Arbeitsplätze in Teilzeit oder Minijobs und richten sich an Menschen, die mit Du angesprochen werden und statt Aufzählungszeichen Hashtags benutzen. Olga ist von ihren Kindern mehrmals täglich im Nutzen von Hashtags unterrichtet worden, sie kennt sich entsprechend aus und wundert
sich nicht. Sie will allerdings kein Brand Ambassador werden, dennoch weckt ein Unternehmen, das Visuals of London heißt, ihr Interesse. Sie nimmt an, dass es sich um eine Kondommarke handelt, weil ihr erstens der Name irgendwie bekannt vorkommt und zweitens das Unternehmen Visuals of London nicht so recht zu erkennen gibt, um welche Produkte es sich handelt, die sie im Rahmen ihres Jobs als Brand Ambassador verkaufen soll. Wir betreiben bereits fünf City Stores und verwöhnen unsere Kunden mit den kleinen Freuden des Lebens. Das Mysteriöse an der Beschreibung gefällt Olga. Kleine Freuden des Lebens spielt sich irgendwo zwischen Schokoladenpralinen und Bondagesex ab. Sie schreibt einen halbseitigen Brief an das Unternehmen, in dem sie darauf hinweist, dass sie gerade umgezogen ist und aktuell noch über kein W-Lan verfügt, aber vorhat, ihre E-Mails regelmäßig abzurufen, sie duzt die Ansprechpartnerin und unterschreibt mit Kind regards, Olga.

Autor:in: Serkan Güntürk

Viel zu früh wieder, muss lieber schlafen gehen. Oder weiter arbeiten. Die letzte Aufgabe fehlt noch, den letzten Programmschnipsel einfach herleiten. wo ist das Problem ? Boah Alter, wie können diese Friseure eigentlich so motiviert sein ? Wir haben 10 Uhr morgens, wie können die wach sein ? Wird echt Zeit ins Bett zu gehen, das ist nichts für mich hier. Bin wohl ein Neuzeit-Vampir-Nerd.

Originaltext

[h = 0]
Babykänguru

Seit sie den Amoklauf überlebt hat, kann Carol endlich schlafen. Kaum liegt sie im Bett, zieht sie die Decke bis zum Kinn, zack, ist sie weg. Kein unruhiges Hin- und Herwälzen, keine gestörten REM-Phasen mehr. Keine Albträume mehr, in denen sie von Hochhäusern erschlagen wird, begleitet von infernalischem Sprechgesang. Sie schläft, als sei sie tot. Ausgerechnet sie, die nie schlafen konnte. Schon als Kind hatte sie beim Einschlafen Angst
vor dem Aufwachen, und schlief sie endlich, wachte sie auf und hatte Angst vor dem Einschlafen, Nacht für Nacht.

Es war die halbe Stunde in der Tiefkühltruhe, die alles verändert hat. Sie erzählt es niemandem, weil es ihr peinlich ist. Es ist ein Unding, dass sie ausgerechnet jetzt, wo sie allen Grund für Schlaflosigkeit hätte, schlafen kann wie ein Babykänguru. Sie wusste gar nicht, wie wunderbar schlafen ist. Nur dass jetzt alle auf sie einreden, eine Therapie solle sie machen, Traumatherapie, Gesprächstherapie, wenigstens zur Seelsorge könntest du gehen, hat Jim gesagt. Aber sie braucht keine Therapie, es geht ihr besser als je zuvor.

Autor:in: n.c.

Im Wartebereich des örtlichen Krankenhauses ist die Luft von der Hightech-Klimaanlage unerträglich und überflüssig heruntergekühlt, es ist viel zu kalt für einen 20-Grad Tag im Mai. Patricia wartet auch bestimmt schon einige Minuten oder Stunden, so genau kann sie das auch nicht mehr sagen. Hier drin vergeht die Zeit irgendwie langsamer als draußen. Sie niest und merkt, dass ihre Nase läuft. Sie hätte sich zuhause doch die Zeit nehmen sollen, ihre Haare zu föhnen, denkt sie und weiß schon, dass sie spätestens übermorgen wieder flachliegen wird.

Sie ist mittlerweile mit zwei anderen Damen die einzige im viel zu großen Wartezimmer und hofft, dass es jetzt schnell geht. Heute hat sie ihren zweiten Beratungstermin für ihre lang ersehnte Beinamputation und sie wünscht sich, dass die beiden Ärzte endlich eine Entscheidung getroffen haben. Warum sollten sie es noch länger vor sich hin schieben? Wie könnte man ihr diesen Wunsch abschlagen?

Patricias Blick wandert ihren Körper herab und bleibt wie so oft an ihrem viel zu dicken linken Bein hängen. Dieses Objekt abzugeben wäre für sie kein Verlust, es wäre eine Erleichterung. Im stillen Raum hört man jedes Geräusch. Patricias Magen knurrt und so beschließt sie, dem Snackautomaten einen Besuch abzustatten. Sie schlurft den Gang hinunter und als sie vor der Kiste steht, bemerkt sie in der zweitobersten Reihe die letzten beiden Dosen Ovomaltine. Ihr fährt ein eiskalter Schauer über den Rücken: Seit sie vor zwei Jahren aufgehört hat, in der Umschau zu arbeiten, hat sie dieses Getränk nicht mehr angerührt. Und obwohl sie weiß, dass sie das jetzt besser nicht tun sollte, wandert ihre Hand wie von allein zu ihrem Geldbeutel und schmeißt einen Euro und zwanzig Cent in den Automaten. Als die Dose in die Ausgabeschale kracht, muss Patricia lächeln. Sie weiß, dass das der Grund für ihr Beinproblem ist, ihr ist es egal. Denn das Problem wird ja jetzt gelöst.

Originaltext

11:09 Uhr
Parallelen

Um viertel nach elf öffnet die Kantine erneut, damit sich die, die nicht zu Mittag essen werden, mit Wurstbroten, Veggiesnacks und Süßigkeiten eindecken können. Es gibt sogar Ovomaltine, Patricia liebt Ovomaltine, denn es ist das einzige Getränk, das explizit für Menschen wie sie hergestellt wurde: für geistig und körperlich Erschöpfte. Überhaupt mag sie Instantpulver, überhaupt alles, was aus Pulver besteht, denn Pulver ist nichts als eine ins Unendliche tendierende Anzahl an Partikeln, und nichts anderes als ein Partikel aus einer ins Unendliche tendierenden Anzahl ebensolcher ist auch Patricia, und sie ist es gerne, sie hat kein Interesse daran, sich als Individuum zu behaupten. Je mehr Partikel, desto fauler kann jedes einzelne sein. Für den Job in der Umschau hat sie sich nur deshalb beworben, weil die Adresse Hilbertstraße lautete, und ein bisschen hatte sie beim Bewerbungsgespräch darauf gehofft, eine unendliche Anzahl an Bewerbern anzutreffen, aber dann war sie die Einzige. Und tatsächlich ist sie auch die Einzige, die in der Kantine Ovomaltine kauft, an manchen Tagen sogar zwei, und im Dezember, wo Patricias Zuckerbedarf höher als gewöhnlich ist, bis zu vier am Tag. Am Ende jeden Monats verkauft die Kantine an die 20 bis 30 Ovomaltinen, zu viel, um das Produkt endgültig aus dem Sortiment zu nehmen. Nur im Juli, wenn Patricia ihre Familie in Guadalupe besucht, kauft niemand Ovomaltine, und seit Patricia in der Hilbertstraße arbeitet, stolpert der Controller der Kantine jedes Jahr im Juli über die Null in der Tabelle der Abverkäufe von Ovomaltine und empfiehlt, das Produkt wegen des niedrigen Kaufniveaus auszusortieren.

Autor:in: anonym

Melissa besucht das große Bürogebäude in der Stadt. Sie ist auf der Suche nach einem neuen Job. Sie hatte einige Bewerbungen raus geschickt und endlich eine Rückmeldung bekommen. Heute hat sie ein Bewerbungsgespräch. Am Empfang trifft sie auf Frederic. Seine fröhliche Ausstrahlung ist ihr direkt aufgefallen. Sie warten zusammen auf den Aufzug. Während der Aufzug verschiedene Stockwerke anzeigt, aber immer kurz vor dem Erdgeschoß stoppt und wieder nach oben fährt, stellen sie einander vor. Melissa erzählt, dass sie auf der Suche nach einem neuen Job ist, weil sie mehr Geld benötigt. Sie muss morgen aus ihrer Wohnung raus, denn sie kann die Miete nicht mehr zahlen. Nach etwas Neuem hat sie auch nicht geschaut und weiß gar nicht wohin. “Ich war sehr zufrieden mit meiner Wohnung und ich habe mich mit meinen Nachbarn gut verstanden”, sagt sie. Unter anderem mit der 80-jährigen Brigitte. “Mit ihr habe ich gerne Tischtennis gespielt, sie war in Ihrer Jugend ein Profi”, erzählt Melissa. Der Aufzug kommt, Melissa muss in den 9. Stock. Sie plaudern weiter.

Originaltext

10:01 Uhr
Satelliten

Das Start-up läuft so gut, dass Frederic schon darüber nachdenkt, weitere Räume anzumieten, jeden Morgen dreht er seine Runde durch den vierten Stock und schaut in die Gänge und grüßt alle gut gelaunt, alle sollen so fröhlich sein wie er. Es muss kein großer Raum sein und er muss auch nicht direkt neben dem angemieteten 6-Zi-Büro liegen, wozu gibts das Internet und die Kantine und außerdem haben Menschen Beine, wenn sie von A nach B möchten, oder einen Rollstuhl, einen Scooter oder ein Rollerboard, auf denen Menschen sich wie Satelliten durch das Gebäude bewegen, Frederic liebt Satelliten, sie sind eigenständig und doch Teil des Ganzen, die Satelliten haben sein Start-Up groß gemacht und werden es noch größer machen, es war die beste Idee überhaupt, überhaupt hat Frederic die besten Ideen, gut dass er eine Förderung für sein Start-Up bekommen hat, die gute Idee allein reicht nämlich nicht aus. Man braucht auch Mittel, um sie umzusetzen. Und man muss expandieren, so früh wie möglich und so zukunftssicher wie möglich, das sagt ja schon der Name Start-up. Guten Morgen, sagt Frederic und schüttelt seine langen Haare, die ihm frisch gewaschen auf den Rücken fallen, guten Morgen allerseits, und die Satellitenkonferenz kann beginnen.

Autor:in: anonym

Heute Morgen beim Frühstück habe ich im neuen Prospekt von Edeka gesehen, was es diese Woche für super Angebote gibt. Leider ist der nächste Edeka in einem Einkaufszentrum in der Stadt, dabei mag ich es viel lieber, hier draußen einkaufen zu gehen. Was, wenn ich jemanden aus der Schulzeit über den Weg laufe oder ich von meiner Nachtschicht noch super müde aussehe? Ich weiß, ich wirke unsicher, aber so bin ich nun mal. Ich schreibe also alle Sachen auf, die Deniz und ich die kommende Woche gebrauchen könnten, wie zum Beispiel Joghurt, Möhren und Äpfel. Am besten springe ich vorher noch unter die Dusche, damit ich den Einkauf noch vor meiner nächsten Schicht im Krankenhaus erledigen kann.

Originaltext

1995
[Vorderseite]

1 Kilo Äpfel (Gala)
1 Salami
1 Säckchen Zwiebeln
4 Gurken
¼ Kilo Speck
3 Möhren
l Lauch
3 Flaschen Roten
2 Packungen Butter
7 Joghurt (Kirsch-Banane)
2 Packungen Klopapier
1 Pfund Rind

Autor:in: Theresa

Sandro arbeitet seit 20 Jahren als Kranführer in einem großen Hafen, zu dem er sehr früh morgens mit dem Zug pendelt. Er wurde bereits wegen kriminellen Machenschaften zu einer Freiheitsstrafe und einer Geldstrafe verhaftet, wird allerdings von einem Drogenclan erpresst. Aber für alles gibt es eine pragmatische Lösung. Sandro versetzt die Container am Hafen exakt so, dass der Zoll so gut wie keine Zeit hat, sie zu kontrollieren.

Originaltext

[a + 10 = Ü40 (+)]
Zigaretten

Frühschicht bedeutet, um halb fünf aufstehen, die Augen verklebt, in die Küche taumeln, ins Bad gehen, eine Zigarette am Küchenfenster rauchen, die Tasse Kaffee auf den Sims stellen. Nichts macht den Morgen trauriger und gleichzeitig erträglicher als Kaffee und Nikotin. Auch wenn Sandro tagsüber nicht raucht, weil er die Gesellschaft der anderen Raucher im Innenhof der Hilbertstraße nicht erträgt, diese eine Morgenzigarette muss sein. Er wird sie auch noch in zehn Jahren rauchen, wenn Zigaretten längst verboten sind. Die Krähen schlafen noch, eine getigerte Katze sitzt vor der Haustür gegenüber und schaut gelangweilt auf die leere Straße. Das Licht der Wandlampe im Flur flackert. Es ist noch nichts passiert in der Stadt, erst wenn der Desk der Onlineredaktion besetzt ist, erwacht die Welt zum Leben.

Autor:in: Gerhard Kern

Es kostet ihn Überwindung, sich durch den dichten Wald außerhalb der Wege voran zu kämpfen. Aber er muss. Seit seiner Kindheit verspürt Ramon eine unbezwingbare Abneigung gegen Bäume. Und gegen Natur überhaupt. Aber es ist seine letzte Chance. Treffpunkt Oaktown, hieß es. Sein Ziel ist das letzte unbewohnte Baumhaus im Hambacher Forst. Nach langem Suchen hat er endlich den Baum gefunden, der ihm mitgeteilt wurde. Hoffentlich liefert er diesmal eine Reportage ab, die Valentina, seiner Ressortleiterin gefällt.

Originaltext

g[V = ]
Kaktus

Heute vor zwei Jahren war die Beförderung. Nie hätte Valentina damit gerechnet. Mr. Mchay war in der Regel freundlich, aber uninteressiert an ihr. Da kann man mal sehen, sagte Rudi, ihr Mann, als Valentina ihn anrief. Vor Freude war sie heiser. Da kann man mal sehen. Er war noch verblüffter als Valentina selbst. Gleichzeitig weiß Valentina natürlich, dass sie durchaus damit gerechnet hat, im Grunde arbeitet sie seit Jahren darauf hin. Kann man da was werden bei der Zeitung?, hat Manfred, Rudis Vater, sie einmal gefragt. Ja klar, hat Valentina geantwortet, was denn, na zum Beispiel Ressortleiterin. Es klang wie ein Wort aus einer anderen Sprache, und der Schwiegervater fragte nicht weiter nach.
Ich weise aber daraufhin, dass es viel Verwaltungsarbeit ist, viel Verantwortung, die Sie auch für Ihre Kollegen übernehmen, hat Mr. Mchay gesagt, natürlich, hat Valentina gesagt. Er hat sie mit seinem klaren Augen kurz angesehen, es war mehr ein Streifen, Mr. Mchay sieht niemandem länger als eine Zehntel Sekunde direkt in die Augen, er schaut immer knapp an ihr vorbei, als wäre hinter ihr ein lustiger Affe oder ein Baum, der gerade umfällt und seine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Und tatsächlich steht hinter dem Besucherstuhl ein Kaktus, der nie gegossen wird; der nicht wächst, aber auch nicht eingeht. Mr. Mchay muss den Kaktus auswendig kennen, jede einzelne Nadel muss ihm vertraut sein, so oft, wie er ihn allein in den zwei Jahren angeschaut hat, in denen Valentina Ressortleiterin ist.

Autor:in: anonym

Nachdem ich meine Bahnen gegangen und im Büro angekommen bin, läuft alles nach einem festen Plan. Ich hänge mein Jackett auf, schalte die Kaffeemaschine an und starte meinen Computer. Solange die Programme hochfahren, schaue ich aus dem Fenster. Heute ist ein sonniger Tag, keine Wolke ist am Himmel zu sehen und ich beobachte eine Frau, die mit ihrem Hund über die Straße geht. Plötzlich wird meine Morgenroutine unterbrochen, denn ich beobachte, wie ein Lkw die Frau überfährt. Ich muss etwas tun. Ich muss helfen, doch mein Geist zwingt mich, der Routine zu folgen, und so setze ich mich in Bewegung, Richtung Kaffeemaschine.

Originaltext

14:28 Uhr
Glenfarclas 105

Frederic geht zum gefühlt hundertsten Mal am Kaschmirladen vorbei, er hat ausnahmsweise Lust, sich etwas zu kaufen, eine Krawatte zum Beispiel, aber er unterdrückt den Kaufwunsch, denn Krawatten wird es sowieso nicht mehr lange geben, es ist eine aussterbende Textilgattung, in seiner Masterarbeit hat Frederic genau das berechnet, den Lorentz-Attraktor von Krawatten, im Einzelnen wäre es zu schwierig, das zu kolportieren, aber die Krawatte stirbt aus, hat er heute noch zu seinen Mitarbeitern gesagt, er sagt das Wort kolportieren überhaupt sehr gerne, warum, weiß er nicht, es wärmt seinen Rücken wie ein Glenfarclas 105. Er geht durch das Einkaufszentrum, ohne etwas zu kaufen, er geht den Weg, den er immer geht, erst eine Schleife durch Flur A, C und D im Erdgeschoss, dann mit der Rolltreppe in den ersten Stock, von dort aus biegt er in Flur E und geht eine Schleife durch E, F und B, und diese Schleife verhält sich rechtwinklig zur ersten Schleife und am Ende geht er noch eine dritte Schleife, nämlich am Eiscafé Diana vorbei, durchs Parkhaus und von dort im Treppenhaus A wieder zurück in sein Büro. Er weiß, dass seine Mitarbeiter denken, er sei zwanghaft, aber auf diesen Gängen hat er immer die besten Ideen, warum sollte er etwas dagegen tun. Solange er seine Bahnen geht, ist er in Sicherheit.

Autor:in: Dalvin

Er hält die Einkaufsliste in seiner zierlichen Hand. Er liest sie durch, als wäre sie ein Brief. Ein Abschiedsbrief. Eine Liste mit den letzten Gegenständen, die seine Mutter zum Zeitpunkt ihres Unfalls dabei hatte. Sie ist nun verschwunden in der Welt der Toten. Nur die Gegenstände, die sie gekauft hat, sind noch da.

Der Doktor rüttelt an der Schulter des stummen Jungen. Dem Jungen fällt es nicht einfach, Emotionen auszudrücken – und seine Mutter war die einzige Person, bei der das konnte. Sie schaffte es immer, ihm ein Lächeln zu entlocken.

Der Doktor fragt den Jungen, ob er jemanden hat, bei dem er bleiben könnte.

Eine Träne fließt.

Originaltext

1995
[Vorderseite]

1 Kilo Äpfel (Gala)
1 Salami
1 Säckchen Zwiebeln
4 Gurken
¼ Kilo Speck
3 Möhren
l Lauch
3 Flaschen Roten
2 Packungen Butter
7 Joghurt (Kirsch-Banane)
2 Packungen Klopapier
1 Pfund Rind

Autor:in: lini

Patricia und ihre Freunde haben sich nach dem Treffen in der Bar dazu entschieden, die „Nacht der Museen“ zu besuchen, ein grässliches Event, das man nüchtern eigentlich nicht ertragen kann. Patricia hat schon so viel getrunken, dass es ihr gerade noch gut geht, seit einer halben Stunde schon torkelt sie entlang der „Mean Girl“-Grenze. Noch ein Bier und niemand kann sie stoppen.

Originaltext

09:06 Uhr
Asbest

Olga ist zurück. Mit ihrem großen blauen Koffer steht sie am Busbahnhof und schaut in ihrer App nach, welchen Bus sie nehmen muss. Es ist die Linie 22. Sie versucht sich an die Stadt zu erinnern, aber sie erinnert sich kaum. Eigentlich gar nicht. Nur die breite Straße, die die Innenstadt wie eine Achse in zwei Hälften schneidet, kommt ihr bekannt vor, denn breite Straßen, die eine Stadt wie eine Achse durchschneiden, gibt es überall. Olga steigt in den Niedrigflurbus ein, sie stemmt ihren Koffer hoch, er ist ganz schön schwer. Während der Fahrt zieht er Richtung Tür wie ein aufgeregter kleiner Hund. Als eine Fahrkartenkontrolleurin kommt, zeigt Olga ihre Fahrkarte in der App, die sie noch während der Zugfahrt installiert hat. Die Frau nickt ihr freundlich zu und geht weiter. Olga fühlt so etwas wie Stolz, als ob sie einen Test mit Bravour bestanden hätte. Eine Station nach dem Europazentrum steigt sie aus. Sie erinnert sich vage an das Einkaufszentrum, das damals, als sie die Stadt verließ, wegen Asbest geschlossen wurde. Da in der Nähe wohnt sie jetzt.

Autor:in: Eva

Sie schaut aus dem Fenster der Blockhütte. Die Sonne bahnt sich langsam ihren Weg durch die Wolken und die Sicht auf das Tal zwischen den monumentalen Bergen wird immer klarer.
Sie liebt Morgen wie diese, wo sie ungestört ihren Kaffee auf der Terrasse trinken kann und in einem Buch versinken, ohne dass eine Menschenseele sie stören könnte.
„Schlafen Sie etwa hier?“ Die Stimme reißt sie aus der Situation und sie findet sich völlig orientierungslos in einem Sitzsack einer Buchhandlung wieder. Ist sie schon wieder beim CD hören eingeschlafen? Wie peinlich …

Originaltext

14:27 Uhr
Lacky-X

Die Buchhandlung ist fast leer. Im vorderen Teil liegen Zeitschriften, Ratgeber und Mangas aus, in der Mitte neben den Schulbüchern gibt es eine mit rotem Leder bezogene Sitzecke, in der man Hörbücher hören und ausgemusterte CDs für 2 Euro kaufen kann. Dort sitzt eine Kundin und liest ein Buch über Verschränkung, Zufall und Überlagerung. Bei den Klassikern halten sich zwei weitere Personen auf. Die Kundin auf der Sitzecke hebt plötzlich den Kopf und schaut irritiert. Als müsste sie sich versichern, in welcher Zeit sie sich befindet – in der innerhalb oder außerhalb ihres Gehirns. Keiner kann ihre Frage beantworten, die beiden anderen sind still versunken in ihre Bücher, von denen sie nicht wissen, ob sie sie kaufen werden. Die Bücher müssen eine Entscheidung treffen.

Autor:in: Lemming

Der Neue sitzt am Küchentisch, die Hände auf eine Weise gefaltet, wie Walter es nur aus dem Gottesdienst kennt. Das Milchglas steht erwartungsvoll vor ihm. Er strengt sich an, nicht auf dem Stuhl herumzurutschen. Der Neue fixiert die Milch und schweigt. Als der Kuckuck aus der hölzernen Uhr schnellt und acht Mal ruft, zuckt Walter zusammen. Er muss los.

Originaltext

14:35 Uhr
Strategiepapier

Valentina hat mittlerweile dermaßen Hunger, aber die Kantine hat jetzt eh zu und sie muss sich auf die Mitarbeitergespräche vorbereiten, Mr. Mchay hat gefragt, wie ihre Strategie ist. Valentina hat keine Strategie, es war ihr nicht klar, dass sie eine benötigt, wozu auch? Sie war bis vor einer halben Stunde der Meinung, dass Ehrlichkeit die halbe Miete ist. Mr. Mchay ist anderer Meinung, er denkt in anderen Kategorien. Er möchte ein Strategiepapier. Valentina ist noch mitten am Formulieren, als das Telefon klingelt, Susana ist dran, komm mal rüber, Valentina. Was ist denn jetzt schon wieder, fragt Valentina, und Susana sagt: Amoklauf.

Autor:in: Tobia

Das Besuchszimmer ist von tristem Grau geprägt, ein Ort ohne Hoffnung. Melissa, eine junge Frau mit tieftraurigen Augen, sitzt auf einem der harten Stühle. Gegenüber, gefesselt mit Handschellen, sitzt ihr Bruder Michael, ein Mann mit düsterem Blick.

Melissa (mit zitternder Stimme)
Michael, wie konntest du nur so tief fallen? Es ist kaum zu fassen.

Michael (schuldbewusst)
Es tut mir leid, Melissa. Ich weiß, ich habe Fehler gemacht. Aber ich schwöre dir, ich bereue es zutiefst. Ich will mein Leben ändern.

Melissa senkt den Blick, kämpft mit ihren Emotionen. Plötzlich durchströmt ein eisiger Wind das Zimmer. Ein unheimliches Flüstern erfüllt die Luft. Verängstigt schaut Melissa auf und bemerkt eine geisterhafte Erscheinung in einer dunklen Ecke. Die Gestalt nimmt langsam eine menschliche Form an.

Melissa (ängstlich)
Wer… wer bist du?

Die Gestalt schwebt langsam näher, ihr Blick ruht auf Melissa.

Geisterhafte Erscheinung (sanft)
Melissa…

Melissa spürt eine unheimliche Verbindung zu der Gestalt, ihr Herz rast vor Aufregung.

Melissa (mit bebender Stimme)
Was… was willst du von mir?

Die Gestalt flüstert leise, aber dringend.

Geisterhafte Erscheinung
Höre mir gut zu, Melissa. Dein Bruder hat einen dunklen Pfad gewählt. Du musst stark sein und dich von ihm distanzieren. Sein Weg wird dich nur hinabziehen. Suche dein eigenes Glück, fernab von diesem Gefängnis.

Melissa ist verwirrt, doch die Worte der Erscheinung treffen sie tief.

Melissa (entschlossen)
Vielleicht hast du Recht. Es wird Zeit, mich von dir loszusagen, Michael. Ich kann nicht länger dein Gefangener sein. Ich werde meinen eigenen Weg gehen.

Die Geistergestalt verschwindet langsam, und die Kälte weicht einer neuen Energie. Melissa steht auf, ihre Schritte klingen fest und entschlossen, als sie das Besuchszimmer verlässt. Eine neue Hoffnung keimt in ihr auf, während sie den Blick nach vorne richtet.

Originaltext

[d = 50 – 12; x < ∞]
Kaffeekapselgeschäft

Die Struktur der Zeit nennt man deterministisches Chaos, denn man kann die Zeit zwar vorhersehen, also ihre Struktur, aber nicht, wie diese Struktur genau aussieht, also wie die Bahnen der Zeit genau verlaufen, sagt Frederic, und die Mitarbeiter nicken und schenken sich ein Glas Wasser ein oder einen Kaffee, nur dass der Kaffee nicht besonders schmeckt, es ist Kapselkaffee mit Whiskeygeschmack aus dem Kaffeekapselgeschäft im Einkaufszentrum. Frederic schaut aus dem Fenster, heute kann man leider nicht weiter schauen als bis zum Wäldchen, das Lasslingen vom Fluss trennt, Frederic findet diese Diesigkeit irgendwie anstrengend. Man kann aber sagen, fährt er fort, dass die Bahnen der Zeit in bestimmten Kurven verlaufen. Beispielsweise kann man sagen, ein Mensch hat eine bestimmte Lebenserwartung, denn er hat eine Disposition für bestimmte Krankheiten, so und so gesund gelebt und wohnt in einem wohlhabenden Viertel. Oder seine Wahrscheinlichkeit, ein Kind zu bekommen, ist aufgrund seiner biologischen, sexuellen und sozialen Disposition wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher, man kann sagen, es wird Sommer, Herbst, Frühling, Winter werden, aber wie kalt und wie viel Regen und Sturm und Tornados und wann und was sie verursachen, das kann man eben nicht genau sagen. Und wie viel Hochwasser, sagt Sahra, die an einer Wasserphobie leidet. Genau, sagt Frederic und riecht Sahras Parfüm, zumindest wird ihm der Geruch ihres Parfüms in diesem Augenblick bewusst. Wenn man zurückgehen würde, wie bei einer Zeitreise, könnte man ein einzelnes Ereignis punktuell verändern, aber man wüsste ja nicht, was das diesem veränderten Ereignis folgende Ereignis gewesen wäre, das man dann eigentlich auch hätte verändern müssen, um nicht nur ein Ereignis, sondern vielleicht eine ganze Reihe von Ereignissen zu verändern, und man wüsste nicht, was diesen veränderten Ereignissen nachfolgen würde, ob es nicht vielleicht noch schlimmer kommen würde. Sagen wir, sagt Frederic, jemand hätte Hitler umgebracht, das ist ja ein Gedankenspiel, das immer wieder gerne durchgespielt wird, wer weiß, ob danach der Nationalsozialismus wirklich zu Ende gewesen wäre oder nicht am Ende noch brutaler, noch grauenhafter geworden wäre, sagt Frederic und Sahra sieht jetzt noch unglücklicher aus. Wobei man sich das ja gar nicht vorzustellen vermag, weswegen das ein schlechtes Beispiel ist, fügt er schnell hinzu. Bei Sahra weiß man nie, er überlegt schon länger, ihr zu kündigen. Aber vielleicht kann man sich vorstellen, dass er nicht nur zwölf Jahre, sondern fünfzig Jahre gedauert hätte, sagt Frederic, und Wanja meldet sich wie in der Schule und sagt, Stephen Hawking hat nachgewiesen, dass Wurmlöcher instabil sind und dass ihr Zusammenbruch nur mit exotischer Materie zu verhindern ist, und Frederic weiß, dass Wanja das bei Wikipedia gelesen hat, weil er selbst es hineingeschrieben hat, und irgendwie ist er gerührt, auch wenn Wanja sich mal wieder nur einschleimen möchte.

Autor:in: anonym

Ich wollte gerade das letzte Buch von meinem Sortierwagen in das Regal stellen, als ich plötzlich einen lauten Knall hörte. Ich hörte ein oder zwei kleine Schreie von Studentinnen, die plötzlich aus ihrer Konzentration gerissen worden waren. Ich schob das Buch in das Regal und trat vom Treter herunter. Dann machte ich mich auf den Weg zur Service-Theke, um die Bibliothekarinnen zu fragen, was das für ein Knall gewesen sei. Während ich auf die Service-Theke zuging, knallte es ein zweites Mal, diesmal noch heftiger. Ich zuckte zusammen, ich konnte mich nicht mehr bewegen. Es hatte sich angehört wie ein Schuss. Auch die Bibliothekarinnen schienen sich geduckt zu haben. Ich schaute mich um, um die Reaktionen der anderen Studenten zu sehen, um mich zu vergewissern, ob es sich um eine ernste und gefährliche Situation handelt. Ich sah alle Studenten von ihrem Schreibtisch hochgucken, ebenfalls die Szene analysieren.

Die meisten Leute schienen nichts Schlimmes zu ahnen, es wäre auch peinlich, jetzt alleine in Panik zu geraten, wenn es eigentlich nur etwas Harmloses ist. Ich beruhigte mich und ging weiter auf die Service-Theke zu. Inzwischen saß die eine Bibliothekarin wieder auf ihrem Bürostuhl, während die andere nur ihren Kopf über die Theke hob. Sobald wir Augenkontakt hatten, rappelte sie sich schnell hoch und setzte sich rasch auf ihren Stuhl, der ihr fast nach hinten weggerollt wäre.

“Ist alles in Ordnung? Was war das für ein Knall?”, fragte ich. “Ich weiß nicht -”. Wir wurden von dem klingelnden Telefon unterbrochen. Neugierig lauschten die ängstliche Bibliothekarin und ich der anderen Bibliothekarin.
“Mhm, mhm. Das ist ja unglaublich unverschämt. Aber ja. Vielen Dank. Ja. Ihnen auch noch einen schönen Tag.”.
Sie legte auf und seufzte. “Irgendwelche Jugendliche haben sich einen Scherz erlaubt und haben China-Böller angezündet und sie auf das Dach der Bibliothek geworfen.”.

Originaltext

14:36 Uhr
Lacky-X

Sie sehen erst auf von ihren Büchern, als sie die Schüsse hören. Sie blicken sich um und sehen zwei andere, die sich ebenfalls umblicken.

Autor:in: Cayene Brunn

Ein kalter Ort. Nein, nicht die Temperatur, aber alles andere. Ein kleiner leerer Tisch, ein hässlicher Stuhl, ein schmales Bett. Sonst nichts. Ach ja, und am anderen Ende des Zimmers befinden sich noch eine Toilette und ein Waschbecken.
Wie bin ich nur hier gelandet!? Das alles war ein Riesenmissverständnis.
In meinem Kopf zähle ich noch einmal die Fakten auf: Ich sitze über Nacht im Gefängnis, ich bin arbeitslos, ich habe keine Wohnung mehr und Anastasia hat mich verlassen! Diese Bitch! All das nur wegen ihr. Das Schlimmste ist, dass ich genau weiß, wenn sich hier alles geklärt hat, muss ich wohl erstmal wieder für eine Weile zu meinen Eltern. Für mich gibt es fast nichts Schlimmeres, aber immer noch besser, als kein Dach über dem Kopf zu haben. Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie wieder in diese Loch zurück zu kehren, aber es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, nicht nach dieser Nacht.

Originaltext

09:06 Uhr
Asbest

Olga ist zurück. Mit ihrem großen blauen Koffer steht sie am Busbahnhof und schaut in ihrer App nach, welchen Bus sie nehmen muss. Es ist die Linie 22. Sie versucht sich an die Stadt zu erinnern, aber sie erinnert sich kaum. Eigentlich gar nicht. Nur die breite Straße, die die Innenstadt wie eine Achse in zwei Hälften schneidet, kommt ihr bekannt vor, denn breite Straßen, die eine Stadt wie eine Achse durchschneiden, gibt es überall. Olga steigt in den Niedrigflurbus ein, sie stemmt ihren Koffer hoch, er ist ganz schön schwer. Während der Fahrt zieht er Richtung Tür wie ein aufgeregter kleiner Hund. Als eine Fahrkartenkontrolleurin kommt, zeigt Olga ihre Fahrkarte in der App, die sie noch während der Zugfahrt installiert hat. Die Frau nickt ihr freundlich zu und geht weiter. Olga fühlt so etwas wie Stolz, als ob sie einen Test mit Bravour bestanden hätte. Eine Station nach dem Europazentrum steigt sie aus. Sie erinnert sich vage an das Einkaufszentrum, das damals, als sie die Stadt verließ, wegen Asbest geschlossen wurde. Da in der Nähe wohnt sie jetzt.

Autor:in: Carlos

Die Zeit scheint nicht zu vergehen. Louise überkommt langsam, aber sicher die Panik. Wo bin ich da wieder hineingeraten, denkt sie sich, während sie starr auf den Boden der Klokabine schaut und weiterhin darauf hofft, dass Leni doch noch aufkreuzt. Am liebsten würde Louise laut anfangen zu weinen. Aber sie muss sich jetzt zusammenreißen. Plötzlich öffnet sich die Tür zu den Bahnhofstoiletten. Louise beobachtet den Schatten unter der Klokabine genau. Eine Schweißperle tropft von ihrer Hand auf den mit Klopapier und Schmutz übersähten Boden. Es klopft an der Klokabine. Erst einmal zart. Dann nochmal zweimal etwas fester. Louise zögert. Was wenn Leni gelogen hat und es schon zu spät ist?

Originaltext

10:40 Uhr
Mulmig

Noch immer keine Whatsapp von Leni. Louise schaut zum siebten Mal innerhalb von zwei Minuten auf ihr Handy. Langsam wird ihr doch etwas mulmig zumute. Heute!, hat Leni geschrieben und dahinter ein Emoji gesetzt. Einen Kreis aus Mittelfinger und Daumen.

Autor:in: anonym

Linus meidet die fremde Person, die in seiner Küche sitzt, schon seit ein paar langen Tagen. Eigentlich wollte er die Situation ja längst ansprechen und der Person klarmachen, dass der Quark im Kühlschrank für ihn und niemand anderen bestimmt sei. Diese seltsame Person hat anscheinend kein Problem, sich frei an der Obstschale zu bedienen. Dabei wollte er doch die Banane und den Apfel in Kombination mit seinem Quark essen. Gestern hatte er sich Sushi bestellt. Aus irgendeinem Grund neigt die Person dazu, das Sushi vom Teller zu klauen, den Fisch und den Seetang abzukratzen und zu schlucken und für Linus nur den Reis übrig zu lassen. Bei einer 40-Euro-Sushi-Platte hatte er sich doch wirklich etwas anderes erhofft.

Originaltext

09:34 Uhr
Carrerabahn

In der Kantine gibt es heute frischen Apfel-Quark zum Frühstück. An der Kasse steht die neue Praktikantin, die mit der seltsamen Frisur. Die blonden Haare sind in streng geflochtenen Zöpfen um ihren Kopf gewunden und akribisch mit silbernen Haarnadeln festgeklammert. Irma muss an die Carrerabahn denken, die sie einmal zu Weihnachten bekommen hat. Was ist eigentlich aus der geworden?

Autor:in: Yussra

Am nächsten Tag betritt sie den Aufzug des Bürogebäude. Ihre Gedanken noch immer von den Sternen erfüllt, fragt sie sich, ob sie wie ein Stern für ihren Chef nicht mehr existieren kann, aber für andere Lebewesen schon, vielleicht irgendwo da, wo sie gut Urlaub machen kann. Naja, eine tiefe Verbindung zum Universum hat sie auf irgendeine Art und Weise schon. Das chaotische Universum spielt ihr hin und wieder einen Streich. Und versteckt ihre Dinge. “Der Schlüssel! Omg, der Schlüssel!”

Originaltext

2015
20 Prozent

Ahri Shiwon wacht auf von der Musik, sie liebt diese Melodie, diese süße Melodie, die ihr Herz froh und traurig zugleich macht. Es ist ihr Lieblingslied und der Morgen ist ihre Lieblingstageszeit und heute ist auch ihr Lieblingstag, weil sie nicht zur Arbeit muss. Ahri hat Glück, denn heute soll der heißeste Tag des Jahres werden, ohne Regen oder zumindest mit einer Wahrscheinlichkeit von nur 22 Prozent, weswegen sie nun ihr Bettzeug nimmt und sich auf den weichen Boden hinter das Haus legt. Ahri Shiwon liebt es, wenn die Sterne am Himmel langsam verblassen und die Sonne sich unter die Wolken schiebt. Viele der Sterne, die sie am Himmel sieht, sind längst erloschen. Sie existieren gar nicht mehr. Genau genommen existieren sie in ihrer eigenen Zeit nicht mehr und Ahri Shiwon fasziniert der Gedanke, dass auch sie selbst in ihrer eigenen Zeit nicht mehr existiert, aber noch sichtbar ist für andere Wesen, für Wesen, die in ihr einen Stern am Himmel sehen. Solange du ein Stern am Himmel bist, existierst du noch. Ahri Shiwon beschließt, diesen poetischen Satz gleich nach dem Frühstück aufzuschreiben, aber dann schläft sie wieder ein, und der Satz erlischt wie ein Stern am Himmel.

Autor:in: Finja

Lesedi krallt angsterfüllt beide Hände in ihren Bauch, als die ersten Schüsse ertönen. Eigentlich wollte sie nur das Einkaufszentrum durchqueren, um sich abzulenken, doch der Umweg wird sie nun vielleicht das Leben kosten. Sie versteckt sich hinter einer Säule und wartet hockend das weitere Geschehen ab. Durch ihren Bauch fährt ein ziehender Schmerz. Keuchend blickt Lesedi auf die kleine Lache, die sich unter ihr auf dem Boden bildet und die von ihrem gehäkelten Rock aufgesogen wird. Fluchend und wimmernd versucht sie in eine andere angenehmere Position zu wechseln, als sie plötzlich Schritte hinter ihr hört. In der Spiegelung des Schaufensters sieht sie eine bewaffnete Gestalt. In diesem Moment durchzuckt sie eine weitere Wehe und sie beißt sich vor Schmerz auf die Hand, unfähig, dabei ein Geräusch zu unterdrücken. Die Gestalt bleibt stehen und in der Spiegelung des Schaufensters scheinen sich die beiden eine Ewigkeit zu betrachten.
In die Lache aus dem einst auf Hochglanz polierten Boden des Kaufhauses mischt sich herabtröpfelndes Blut. Dann ein dumpfes Geräusch. Die bizarr aussehende Häkeltasche liegt einsam auf dem kalten Boden. Daneben eine Frau, die gerade noch einen Kampf gewonnen hat. Den Kampf gegen ihren eigenen Vater. Seine Hände auf ihrer Haut, so kalt wie der Boden unter ihrem angeschwollenen Gesicht. Das Messer in ihrer Tasche, eingewickelt in Frischhaltefolie. Das Kind in ihrem Bauch. Dann wird alles still.

Originaltext

15:05 Uhr
Einkaufszentrum

Lars scannt sein Gehirn nach brauchbarem Material über außereuropäische Insekten, der Sensor findet ein paar vage Andeutungen über japanische Buschmoskitos und Malariafliegen, er geht ein paar Schritte weiter, während er sich ans Ohr fasst und etwas Feuchtes spürt, und noch bevor er das Blut sieht, weiß er, dass es Blut ist. Heiner B. plaudert mit der Auszubildenden, sie hat lange Beine und hohe Wangenknochen, genau sein Typ, früher, da hätte er, aber heute ist er mit einem Gespräch über ausgefallene Kochrezepte voll und ganz zufrieden, er macht ihr Komplimente für ihre kreativen Ideen und ihre Beratungskompetenz und überlegt, wie er das Gespräch in die Länge ziehen könnte, bevor er, von mehreren Kugeln durchlöchert, sofort stirbt. Die Auszubildende überlebt wie durch ein Wunder unverletzt. Sie heißt Mahira. Keiner möchte allein sterben. Innerhalb weniger Sekunden ist die
Gefahr real geworden, als sei sie aus den Büchern gekrochen und hätte sich autogen materialisiert; selbst dem Germanistikprofessor aus Aachen ist jetzt angst und bang und er schwitzt zwischen den Augenbrauen. Dicht gedrängt kauern sie hinter dem Sofa und hören sich gegenseitig atmen, als sich leise Schritte nähern. Die Physikstudentin sagt später aus, die Schritte hätten sich so federleicht angehört, wie die eines Kindes, das nichts Böses im Schilde führe. Das sei auch der Grund gewesen, warum sie es gewagt habe, hinter der Sitzecke hervorzulugen. Der Germanistikprofessor fühlt sich an die schweren Schritte seines Vaters erinnert, der ihn morgens immer geweckt hat, bevor er zur Arbeit in die Fabrik fuhr. Nur die Schützenkönigin wird keine Aussagen zu den Schritten machen. Ihr Herz klopft wild, ihre Lage war noch nie so ernst, und ihre einzige Hoffnung ist, dass es schnell gehen
wird. Irgendetwas passiert mit Nicos Körpertemperatur, aber er könnte nicht sagen, was. Keine Ahnung, was ihm zuerst klar wird, als er sie auf die Kabine zugehen sieht: dass er sie kennt oder dass das die Attentäterin sein muss. Ganz lässig wirkt sie, als wolle sie nur ein bisschen shoppen gehen. Ein bisschen Spaß haben. Sie sieht weder wütend noch kalt noch irgendwie fanatisch aus. Nur dass sie über der Jeansjacke einen Gurt mit der Maschinenpistole trägt und dass das kein Scherz und keine Verkleidung ist und sein Herzschlag einen Moment lang aussetzt. Ihr Name fällt ihm nicht
ein. Er kennt sie aber, gut kennt er sie, ziemlich gut. Letztes Jahr, ungefähr zur selben Zeit. Er erinnert sich an eine Narbe. Über dem Bauchnabel. Er versucht sich daran zu erinnern, wie sich die Narbe anfühlte. Oder der Nabel. Aber da ist nichts, kein Gefühl, keine Erinnerung. Er steht hinter dem Vorhang auf der Bank, sie kann ihn nicht sehen. Unmöglich kann sie ihn sehen. Durch die engen Maschen des Vorhangs verfolgt er, wie sie geradewegs
auf die Kabine zugeht. Kurz bevor er losspringen will, checkt er, dass sie nicht ihn, sondern ihr Spiegelbild sieht. Sie bleibt stehen, er hört sie atmen. Ihr Atem ist ihm nicht unsympathisch. Maria Hann hat selbstverständlich eine Standortüberwachung vom Handy ihrer Tochter eingerichtet. Inger ist nur 58 Meter von ihr entfernt. In einem Laden, der Visuals of London heißt. Keine Ahnung, was das sein soll. Aber Maria Hann, die gerade noch das Signal zum Abbruch der Aktion geben wollte, weil es einfach zu gefährlich ist, ihre Leute da reinzuschicken, gibt den Befehl: Alles durchkämmen, alle rausholen, die noch drinnen sind! Absurd, denkt Gülsen, aber wenn sie schon sterben muss, dann lieber durch die Hand einer Frau, am liebsten würde sie gar nicht getötet werden, aber auf keinen Fall von einem Mann, es ist eine Frau, denkt Gülsen, eine Frau, die einen Grund hat, während der Schweiß ihr in Strömen über den Nacken und entlang der Achseln rinnt, während die Muskeln in ihren Oberschenkeln sich dem Moment widersetzen, in dem sie zusammenbricht und ihr Herz aufhört zu zittern. Als sie die Schüsse hören, wissen sie nicht wohin. Auf keinen Fall in den Aufzug, denken sie, denn bei
Feuer und Katastrophen sind Aufzüge tabu, das weiß jedes Kind. Sie lassen den Einkaufskorb Einkaufskorb sein und den Einkauf Einkauf und schließen sich der rennenden Masse an. Nur raus hier, raus! An der Rolltreppe liegen zwei Personen mit verdrehten Körpern und verdrehten Augen, oh Gott, denken sie, und dass jetzt nicht die Zeit sei, oh Gott zu denken. Man darf sich jetzt nicht aufhalten lassen. Sie denken, während ihr Atem heiß in der Brust brennt, so sehen also Tote aus, ich habe einen gesehen, nein, zwei, immer ist irgendwann das erste Mal und das ist mein erstes Mal und hoffentlich nicht mein letztes. Irgendwas muss man ja denken, während man vor einem Unglück wegrennt, zum Glück wissen sie zunächst gar nicht, was genau das Unglück ist. Wichtig ist jetzt erst einmal nur, in Sicherheit zu sein, oft ist drinnen mehr Sicherheit als draußen, aber heute nicht, im Gegenteil! Sie hat auf ihn geschossen. Einfach so. Wenn sie ihn getroffen hätte, wäre er jetzt tot. Sie hat ihn nicht getroffen, sie hat nicht einmal
nachgesehen, ob sie ihn getroffen hat. Er hat sich auf den Boden geworfen und gewartet, ob sie zurückkommt, er ist aufgestanden und in die Richtung gelaufen, aus der er gekommen ist, er weiß nicht mehr, wo der Ausgang ist, er muss im Kreis gelaufen sein, denn er kommt zweimal an einem alten Mann vorbei, der auf dem Boden liegt und ihn aus bösen Augen ansieht, er hebt die Hand, als wolle er winken. Wanja widersteht der Versuchung,
dem Mann die Hand zu reichen, er ist sich sicher, dass dieser Mann nichts anderes als eine Fata Morgana ist, weil er, Wanja, irgendwie unter Schock stehen muss, er kommt zum zweiten Mal an einer Fensterscheibe vorbei, die ein Loch hat, um das Loch herum Spinnweben aus Glas, er läuft eine Rolltreppe hinunter, die außer Betrieb ist, er sieht das Schild Ausgang, darunter das Schild Toiletten, er hört Stimmen, die er nicht zuordnen kann,
er hört Geräusche, die er ebenfalls nicht zuordnen kann, er läuft Richtung Ausgang, er ist jetzt fest konzentriert auf das Schild Ausgang, er läuft auf den Ausgang zu, er weiß nicht, ob er es schaffen wird, aber am Ende ist es ganz einfach und als ihm jemand eine Decke umlegt, fängt er an zu weinen und er weiß nicht, wann er damit aufhören kann.

Autor:in: Finja

Hagen B. fischt einen Umschlag aus dem Müllberg, der sich vor seinen Füßen erstreckt. Das ist wenigstens zur Hälfte Altpapier und geöffnet ist er auch nicht, grummelt er und fischt seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche. Er befestigt ihn an einem großen Karabiner, über die Jahre sind sogar schon einige Generalschlüssel in seinen Besitz gelangt.
Hagen B. ist schon fast stolz auf seine kleine Sammlung und er öffnet den Brief mit dem Kellerschlüssel von Beate S., einer kleinen alten Dame, die immer ihren Schlüssel unter dem Blumentopf auf ihrer Terrasse versteckte. Dieser Schlüssel ist eines seiner schwierigsten Eroberungen, denn Beate S. runzligem Blick entging in der ruhigen Grothestraße nichts. Lediglich ihr braun gefleckter Köter, der so alt ist, dass er keinen Alarm mehr schlägt, musste ausgeführt werden, und da schlug Hagen B. zu. Leider ist mittlerweile das Schloss von Beate S. kleinem grünen Haus ausgetauscht worden, denn die alte Dame ist kurz darauf gestorben. Hagen B. hat natürlich nichts dem Zufall überlassen und überprüft, ob der Tod wirklich ein natürlicher gewesen ist. Schließlich war Beate S. trotz ihres hohen Alters erstaunlich schnell ihre Runden mit dem zotteligen Dackel gelaufen.
Einmal wäre er fast erwischt worden, denn die Tochter von Beate S. hatte nach dem Rechten gesehen. Seit der Beerdigung sieht sie wieder recht wohlgenährt aus, findet er. Die Beerdigung hat er sich aus der Nähe angeschaut. Er beobachtet gerne die Reaktionen der Angehörigen, das hilft ihm, sich auf seine Ermittlungen zu konzentrieren. Hagen B. ist sich nämlich sicher, dass etwas nicht stimmt. Seit einem Jahr wird er von einer verdächtigen Gestalt verfolgt. Seit er das Buch von Mark-Uwe K. gelesen hat, das Beate S. von ihrer Tochter zu Weihnachten geschenkt bekommen hat und dass nun in seiner Schreibtischschublade liegt, ist er sich sicher, hier auf einer neuen Spur zu sein.

Originaltext

[√N . √N = N]
Treffpunkt

Noch nie hat sich jemand unter dem grünen Schild getroffen, auf dem vier weiße Männchen abgebildet sind und vier weiße Pfeile, die auf die Männchen zeigen. Zumindest hat Mathilda dort noch nie jemanden warten gesehen. Auch der Gutschein-Automat daneben wird nie genutzt. Schenken Sie Freude, kaufen Sie einen Gutschein, steht in goldenen Buchstaben auf dem Automaten. Doch nie will jemand Freude schenken und einen Gutschein kaufen.
Außer Mathilda, die, immer wenn sie daran vorbeigeht, Lust bekommt, Freude zu schenken, nur muss der Gutschein dann ja eingelöst werden und das ist kompliziert. Außerdem weiß sie nicht, wem sie die Freude schenken möchte. Ihrer Mutter sicher nicht und der Opa ist tot und ihre Freundinnen würden denken, sie sei nicht ganz dicht. Sie müsste sich selbst etwas kaufen, und zwar etwas, das genau so viel kostet, wie der Gutschein wert ist.
Doch die wenigsten Sachen, die man im Einkaufszentrum kaufen kann, sind genau 20 oder 50 Euro wert. Eigentlich nichts. Mathilda hat keine Lust, ein Minusgeschäft zu machen. Mit Geld spielt man nicht – außer am Spielautomaten, an denen der Opa immer gespielt hat, als Mathilda noch ein Kind war. Manchmal fuhr sie mit ihrer Mutter ins Einkaufszentrum, um den Opa vom Automaten wegzuholen. Der Automat klingelte in hellen und fröhlichen Tönen, und helle und fröhliche Farben blinkten überall auf dem Automaten, dennoch wirkte er irgendwie bedrohlich. Als spräche er eine Geheimsprache, die nur er und der Opa verstanden. Da war eine ungreifbare Verbindung zwischen den
beiden, die anderen verschlossen blieb, auch Mathilda und ihrer Mutter. Im Auto weinte der Opa, und Mathildas Mutter weinte auch. Mathilda verstand nichts und doch sehr viel.
Und eines Tages wurden sämtliche Spielautomaten im Einkaufszentrum abgebaut, denn es war ein neues Gesetz in Kraft getreten. Endlich, sagte Mathildas Mutter. Zwei Monate nach dem Gesetz starb Mathildas Großvater und Mathilda musste ein schwarzes Kleid auf der Beerdigung tragen und eine Strumpfhose, die kratzte, und weil es regnete, wurde die Strumpfhose nass. Nie wird Mathilda dieses Gefühl von Trostlosigkeit auf ihrer Haut vergessen.

Autor:in: Anne

Hauptfigur

Jennifer-Melanie-oderwieauchimmersieheißenwird (ich hab mir noch keine Gedanken dazu gemacht, es gibt aktuell genug andere Figuren, die ich in die Biege bekommen muss) sitzt an meinem Küchentisch und trinkt meine letzte Flasche Chardonnay vom Aldi leer . “Ich bin’s satt.”, sagt Jennifer-Melanie. “Hm”, sage ich. Sie schmollt: “So geht das nicht. Ich will Hauptfigur sein.” “Ähm, in dem Buch gibt’s gar keine Hauptfigur. Sorry.” “Außerdem will ich lieber jemand sein, der mittendrin ist. Nicht die PR-Tussi von der Polizei. Vielleicht Kommissarin, so tatortmäßig, einsamer Wolf, traumatisiert, zurückgezogen, aber Topscorer, irgendwas Cooles halt.” “Ah”, ich reibe mit mit dem Zeigefinger die Nasenwurzel entlang. Sie hebt die Flasche hoch “Trinkst Du eigentlich noch ein Glas mit? Gleich is leer…” “Nein, danke, aber nett, dass Du fragst.” “Irgendwie klingst Du gereizt.” “Ich?” “Ist noch irgendwer anderes hier?” Nein, denke ich, normalerweise ist hier tatsächlich niemand außer mir, dem Chardonnay und den Geldsorgen. Jedenfalls keine subversiven Romanfiguren, die meinen letzten Wein saufen. “Ich hab noch was vergessen”, sie schaut mich herausfordernd an. “Den Abwasch?”, frage ich, während mein Blick durch die Küche schweift. “Die Namen, die Namen ey, Melanie… geht’s noch. Heute heißen sie Zoe, oder Anouk oder Sibel.” Sie hat etwas Wein verkleckert und ich male damit Schlangenlinien auf die Tischplatte, “Also meine Mutter hat mich vor der Geburt auch nicht gefragt wie ich heißen will.” “Ja, siehst Du. Das kommt dann dabei raus.” “Es gibt keine Hauptfigur in dem Buch, jedenfalls.” “Wie soll es dann bitte Bestseller werden?” “Mir würde eine Veröffentlichung ehrlich gesagt voll und ganz ausreichen. Und vielleicht noch shortlisted für den Deutschen Buchpreis, aber das muss nicht zwingend.” Sie schaut mich stirnrunzelnd an, ich schüttel’ den Kopf, “Das war ein Witz, ok?”

Originaltext

10:24 Uhr
Ohrläppchen

Auch Susana denkt an ihre Mutter, während sie mit der PR-Beauftragten der Polizei über die Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg spricht. Wie sie da sitzt und mit der Polizei telefoniert und über Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg spricht, wenn ihre Mutter sie so sehen könnte. Susana nimmt ihr rechtes Ohrläppchen zwischen Zeigefinger und Daumen. Mit der linken hält sie den Telefonhörer, sie ist Linkshänderin. Ihre Mutter war ebenfalls Linkshänderin. Sie war eine so wundervolle Mutter und ein wundervoller Mensch und gleichzeitig war sie wie eine Schwester, und bis heute hat Susana nicht begreifen können, dass es nicht alle Menschen so gut mit anderen meinen wie ihre Mutter und auch sie selbst mit anderen; und das stimmt wirklich, es gibt diese Menschen, die es gut meinen mit anderen, und wenn alle so wären, dann würden es alle gut miteinander meinen und die Welt wäre eine andere. Dann würde kein Mensch Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg brauchen. Die PR-Beauftragte der Polizei sagt, sobald wir mehr über die Hintermänner wissen, rufe ich dich an, Susana. Jedes Mal wenn Susana mit ihr telefoniert, nimmt sie sich vor, endlich nachzuschauen, wie die PR-Beauftragte mit Vornamen heißt. Nadine? Oder Melanie? Oder vielleicht doch Jennifer? Aber kaum hat sie aufgelegt, vergisst sie es wieder.

Autor:in: Finja

16:00 Uhr
Bäckerei

Susanna schaut nervös auf die Uhr und wippt von einem Fuß auf den anderen. Ständig schaut sie nervös zur Tür, wenn ein neuer Kunde die Bäckerei betritt. Niemand soll denken, sie stehe nicht an, denn das tut sie und das sogar schon sehr lange. Ganze drei Minuten starrt sie jetzt schon auf den karg behaarten Kopf des Mannes vor ihr.

Manchmal wünscht sie sich, sie würde mit dem Alter auch ihre Haare verlieren. Oder ein Bein. Vielleicht würde sie dann ihr Leben mehr schätzen oder wenigstens würde niemand auf ihren Mundgeruch achten. Sie zerkleinert ihr Pfefferminzbonbon akribisch mit den Backenzähnen und fischt nach einem neuen. In der Bewegung hält sie inne und schaut auf die Inhaltsstoffe des Döschens. Vielleicht sollte sie lieber noch einmal die Zähne putzen.

Der Hunger auf ihr Brot ist vergessen und Susanna tippt eine Nummer auf dem Display ihres Handys ein. Es klingelt lange und als niemand abhebt, erklingt die Stimme ihrer Mutter am Apparat. Ihre Stimmaufnahme fragt, ob sie eine Nachricht hinterlassen möchte, aber Susanna möchte nur zuhören. Seit letztem Dezember möchte sie einfach nur zuhören. Der Tod ihrer Mutter ist nun bald ein Jahr her, aber Susannas kahlköpfiger Chef fragt nicht mehr danach. Er sagt nur, dass Trauer nicht automatisch Mundgeruch bedeutet, und Susanna fragt sich, ob es für ein verlorenes Bein genauso ein Ablaufdatum gibt wie für Trauer. Probeweise verlagert sie ihr Gewicht von einem Bein aufs andere. Das linke Bein würde sie wahrscheinlich weniger brauchen, es hat schließlich mehr Cellulite. Außerdem hat sie das Gefühl, dass sie auf dem linken Bein mehr Muttermale hat, also würde das die Wahrscheinlichkeit, an Hautkrebs zu erkranken, auch noch verringern.

Die Verkäuferin ruft nach dem nächsten Kunden und Susanna hält sich die Hand schützend vor den Mund, als sie zwei Brote bestellt. Schließlich hatte ihre Mutter nach der Arbeit auch noch nicht gegessen.

Originaltext

11:13 Uhr
Sam’s Kiosk

Olgas neue Wohnung ist klein, auch der Balkon ist klein. Das stört sie ein bisschen, andererseits muss sie sich ja weder Wohnung noch Balkon mit irgendjemandem teilen. Dennoch, als sie an Oldenburg denkt, an ihre große Sonnenterrasse mit der Kakteensammlung, kommen ihr die Tränen. Ich suche mir besser einen Job, ich muss jetzt mein eigenes Leben leben. Sie geht nochmal runter zu Sam’s Kiosk, den sie auf dem Weg zur neuen Wohnung gesehen hat, und kauft sich eine Zeitung. Der Internetanschluss funktioniert noch nicht und vom Lesen auf dem Handy tun ihr die Augen weh. Sie schaltet das Radio ein.

Autor:in: Merle

Unbesorgt schlendert Luis über den Bürgersteig, die Sonne prallt von oben auf ihn herab, aber das stört ihn nicht, denn heute war der letzte Schultag und die Sommerferien haben begonnen. Als er das Eiscafé an der schattigen Straßenecke entdeckt, macht sich Freude in ihm breit. Hoffnungsvoll sucht er in seinen kleinen Jeanstaschen nach ein paar Münzen und tatsächlich findet er genug für eine Kugel Eis. Luis liebt Eis. Fröhlich rennt er über den heißen Beton auf die andere Straßenseite, drückt die schwere Glastüre auf und betritt den Eissalon. Noch ist nicht viel los, nur ein paar alte Damen und eine Mutter mit zwei Kindern. Luis drückt sich auf die Zehenspitzen, um über die Theke zu spähen.

„Hallo, ich hätte gerne eine Kugel Schoko Eis“, sagt er freundlich und schüttet, vorausschauend wie er ist, schon einmal sein Kleingeld auf den Tresen. „Kommt sofort!“, antwortet die Eisverkäuferin gut gelaunt. Er hört, wie hinter ihm die Tür aufgeschoben wird, und Luis weiß, dass etwas nicht stimmt, er kann es in den erstarrten Augen der Frau hinter der Theke erkennen, und weiß, dass in den nächsten Minuten etwas Schreckliches passieren wird.

Originaltext

14:51 Uhr
Eiscafé Diana

So, denkt Gülsen, während sie sich unter der Spüle im Eiscafé Diana krümmt. So. Sie weiß, dass sie das nicht lange durchhalten kann, so gekrümmt zu stehen, aber sie traut sich nicht, eine andere Position einzunehmen. Sie hat eine Frau gesehen mit einem Gewehr in der Hand und einem kalten Blick, Gülsen ist sich nicht sicher, ob dieser Blick sie, Gülsen, wahrgenommen hat, wie sie sich bückt und unter die Spüle schiebt, oder ob die Frau mit dem Gewehr nur noch das große Ganze sieht.

In Gülsens Ohren rauscht es, als würde Wasser von der Spüle in den Abfluss fließen, ein schmutziger Schwall an Geräuschen, die in Gülsen nichts auslösen. Und dazwischen dieses So, das ist das Schlimmste. Das So macht es unmöglich herauszufiltern, ob da noch andere Geräusche sind, im Eiscafé oder im Gang, etwas, das auf die Anwesenheit der Frau schließen lässt. Das Eiscafé ist ganz aus Glas, Gülsens Knie wackeln, ihre Rücken schmerzt, etwas drückt in ihr Fleisch, oberhalb der rechten Niere.

Autor:in: Jennifer Theisen

Hagen Bert sammelt Hautschuppen und Haare von anderen Menschen. Normalerweise. Heute aber kocht er das ultimative Lauch-Salat-Rezept aus dem Originaltext.

Die Zutaten:
- 1 Kilo Äpfel (Gala)
- 1 Salami (am besten von einem fleißigen Schwein 😉)
- 1 Säckchen Zwiebeln (für Tränen beim Zerkleinern)
- 4 Gurken (für den erfrischenden Geschmack)
- 1\/4 Kilo Speck (für den “Umami”-Geschmack)
- 3 Möhren (für die Farbe)
- 1 Lauch (für den intensiven Geschmack)
- 3 Flaschen Rotwein (zum Marinieren des Fleisches und für den Koch 😉)
- 2 Packungen Butter (für den Geschmack und als Dressing-Grundlage)
- 7 Joghurt Kirsch-Banane (für die Süße)
- 2 Packungen Klopapier (für unerwartete Zwischenfälle 😉)
- 1 Pfund Rind (für den Protein-Kick)

Die Zubereitung:

1. Äpfel, Salami, Zwiebeln, Gurken, Speck, Möhren und Lauch klein schneiden und in eine große Schüssel geben.

2. Fleisch in kleine Würfel schneiden und mit einer Flasche Rotwein marinieren.

3. Inzwischen eine Soße aus Butter und Joghurt Kirsch-Banane herstellen, dazu die restlichen Flaschen Rotwein öffnen und genießen.

4. In einer Pfanne das marinierte Fleisch braten, bis es durch ist.

5. Fleisch zu den restlichen Zutaten in der Schüssel geben und mit der Joghurt-Soße vermengen.

6. Währenddessen eine Tischdecke aus dem Klopapier basteln und den Salat servieren.

Guten Appetit und viel Spaß beim Kochen! 😄

Originaltext

1995
[Vorderseite]

1 Kilo Äpfel (Gala)
1 Salami
1 Säckchen Zwiebeln
4 Gurken
¼ Kilo Speck
3 Möhren
l Lauch
3 Flaschen Roten
2 Packungen Butter
7 Joghurt (Kirsch-Banane)
2 Packungen Klopapier
1 Pfund Rind

Autor:in: anonym

Aber der Name spielt auch eigentlich keine Rolle. Wer allerdings eine wichtige Rolle in diesem albtraumhaften Theater spielt, sind die Hintermänner.

Wieder nehmen Susanas Finger ihre geschäftige Arbeit am Ohrläppchen auf, wo sich ein kleiner vernarbter Knubbel gebildet hat. Genau an der Stelle, an der bis vor kurzem noch der Ohrring ihrer Mutter gesteckt hat, bevor er ihr während einer Zugfahrt entwendet worden ist. Nie hätte Susana gedacht, dass sie so tief schlafen würde. Sie hatte absolut nichts bemerkt; erst kurz vor der Grenze war ihr aufgefallen, dass er weg war. Auch der Ohrring war ein Überbleibsel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, und Susana schätzt, dass jemand, der ein Faible für Waffen aus dieser Zeit hat, wohl auch an anderen Objekten der Epoche interessiert sein könnte. Vielleicht hatten die Personen in dem Ohrring eine Art Trophäe gesehen.

Originaltext

10:24 Uhr
Ohrläppchen

Auch Susana denkt an ihre Mutter, während sie mit der PR-Beauftragten der Polizei über die Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg spricht. Wie sie da sitzt und mit der Polizei telefoniert und über Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg spricht, wenn ihre Mutter sie so sehen könnte. Susana nimmt ihr rechtes Ohrläppchen zwischen Zeigefinger und Daumen. Mit der linken hält sie den Telefonhörer, sie ist Linkshänderin. Ihre Mutter war ebenfalls Linkshänderin. Sie war eine so wundervolle Mutter und ein wundervoller Mensch und gleichzeitig war sie wie eine Schwester, und bis heute hat Susana nicht begreifen können, dass es nicht alle Menschen so gut mit anderen meinen wie ihre Mutter und auch sie selbst mit anderen; und das stimmt wirklich, es gibt diese Menschen, die es gut meinen mit anderen, und wenn alle so wären, dann würden es alle gut miteinander meinen und die Welt wäre eine andere. Dann würde kein Mensch Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg brauchen. Die PR-Beauftragte der Polizei sagt, sobald wir mehr über die Hintermänner wissen, rufe ich dich an, Susana. Jedes Mal wenn Susana mit ihr telefoniert, nimmt sie sich vor, endlich nachzuschauen, wie die PR-Beauftragte mit Vornamen heißt. Nadine? Oder Melanie? Oder vielleicht doch Jennifer? Aber kaum hat sie aufgelegt, vergisst sie es wieder.

Autor:in: anonym

“Parafina!!” schreit Sarah ihre neugeborenes Kind an. Es hört einfach nicht auf zu weinen und Sarah hat dafür gerade echt keine Zeit. Gleich kommt Georg vorbei und die beiden haben ohnehin nicht viel Zeit zusammen, bis Flynn von der Arbeit beim Bäcker wieder kommt. “Warum schläft das Miststück nicht endlich?” . Es klingelt und Georg kommt herein, grüßt sie kurz und sie gehen zusammen ins Schlafzimmer. Parafina weint leise im Hintergrund und Sarah denkt daran, dass Flynn bestimmt auch Affären hat, während sie gelangweilt unter Georg liegt.

Originaltext

2011
Bäckereikette

Aislinn und Flynn arbeiten oft zusammen. Sie stehen hinter der Theke und verkaufen Brötchen, Croissants, Puddingteilchen, Eiweißbrot und Kaffee to go. Die Kunden sind nett, man beißt nicht in die Hand, die einen füttert. Aislinn schaut Flynn oft von der Seite an, wenn er Brötchen in die Tüte zählt und die Kunden anlächelt. Er sieht so professionell und sympathisch aus. Wie seine Frau ihn wohl ansieht, fragt sie sich. Die beiden haben gerade ein Baby bekommen, das einen komischen Namen hat. Wie eine Seife. War bestimmt ihre Idee, denkt Aislinn. Flynn weiß, wie seine Frau ihn ansieht, und er weiß auch, wie Aislinn ihn ansieht. Beiden schaut er gerne auf den Hintern.

Autor:in: anonym

Marius kommt von der Arbeit zurück, stellt seine Tasche ab und hängt den Mantel in die Garderobe. Die Wohnung riecht nach Kaffee und er erinnert sich an die Warmhaltekanne, die er morgens gefüllt hat. Er geht in die Küche und sieht seine Mutter auf der Luftmatratze schlafen. Sie rührt sich nicht und sagt auch nicht hallo. Während Marius sich einen Kaffee einschüttet, denkt er an den Tag vor 23 Jahren, als seine Mutter in die Wohnung kam. Sie hatte eine Luftmatratze dabei und überredete ihn, sie in seiner Küche schlafen zu lassen. Doch je länger er darüber nachdenkt. desto unsicherer ist er sich seiner Erinnerung. Er denkt an die vergangenen 23 Jahre, seine Mutter schläft, wenn er aufsteht, seine Mutter schläft, wenn er von der Arbeit kommt, seine Mutter schläft, wenn er ins Bett geht, da wird ihm bewusst, dass er seine Mutter noch nie wach erlebt hat.

Originaltext

10:38 Uhr
Frenchpress

Zum Glück kann Marius heute früher Schluss machen, er hat einen halben Tag Urlaub genommen, weil seine Mutter zu Besuch ist. Obwohl seine Mutter nichts Unvernünftiges anstellt, ist er irgendwie misstrauisch ihr gegenüber. Er kann gar nicht sagen, was es ist, aber sie wirkt auf ihn irgendwie unberechenbar, das war schon immer so. Seine Mutter ist nicht wie andere Mütter, und Marius hat sich daran gewöhnt, er hatte 23 Jahre lang Zeit, sich daran zu gewöhnen. Sie übernachtet auf einer Luftmatratze in seiner Küche, die Luftmatratze hat sie selbst mitgebracht. Am Morgen hat sie noch geschlafen, Marius hat eine Kanne Kaffee in der Frenchpress zubereitet, nach dem Duschen hat er sich eine Tasse eingeschenkt und ist wieder in sein Schlafzimmer gegangen. Seine Mutter ist nicht wach geworden, das kommt ihm noch immer etwas komisch vor. Sie hätte zumindest kurz die Augen öffnen und guten Morgen, ich bin noch müde, sagen können. Aber nichts. Sie tat einfach so, als schliefe sie. Oder sie schlief wirklich. Bevor er ging, hat Marius den restlichen Kaffee in eine Warmhaltekanne gefüllt, die er extra für ihren Besuch gekauft hat.

Autor:in: nika

Die Raststätte, auf der Linus seine wohlverdiente Pause nach sechs Stunden Autofahrt auf der rechten Spur einlegt, ist von der Spätsommersonne beinahe am Glühen. Als Linus seinen VW-Bus verlässt, um sich an der Tanke ein überteuertes, kaltes Wasser zu holen, läuft ihm der Schweiß die Schläfen hinunter. Sein Ziel liegt nur noch wenige Stunden vor ihm, er fährt nach Gaeta, trifft dort einen alten Bekannten, der ihm die eindrucksvollen Fotospots über den Dächern der kleinen Küstenstadt zeigen soll.

Linus kehrt zu seinem Bus zurück, das Wasser in der Hand. Auf circa zehn Meter Entfernung sieht er, dass eine Tür offen steht, und er wundert sich. Hat er etwa nicht abgeschlossen? Als er näher kommt, realisiert er eine Bewegung im Innenraum des Autos. Wer oder was könnte das sein? Je näher er kommt, desto mehr kann er erkennen. Es muss eine Frau sein, kleiner und schmaler als er. Er öffnet die Fahrertür, er sieht die Frau von hinten, sie hat ihm den Rücken zugekehrt, sie scheint gerade etwas in ihrer Tasche zu suchen, die sie vor sich abgestellt hat. Sie ist für das Wetter zu warm angezogen. Ihre Haare sind schweißnass. Hat sie das Auto verwechselt?

Gerade will Linus etwas sagen, die Frau hat ihn noch nicht bemerkt, sie wühlt und flucht, da stockt ihm der Atem. Er erkennt sie auf einmal.

“Susana?”

Langsam dreht die Frau ihren Kopf so, dass sie Linus genau in die Augen schauen kann. Sie kommt auf ihn zu. “Oh, Wasser!” ruft sie, entreißt ihm die Flasche und trinkt einen großen Schluck. Dabei lässt sie ihn nicht aus den Augen.
“Wie lange bist du schon hier drin?”, fragt er mit zittriger Stimme.
“Lange genug, aber ich hab geschlafen. Du fährst so langsam, ich hab gar nicht gemerkt, dass wir losgefahren sind.”
“Wie lange bist du schon in meinem Bus? Du weißt, dass wir uns nicht sehen sollen.”
Linus bekommt keine Antwort von seiner Schwester. Stattdessen legt sie sich wieder auf die Schlafbank und bedeutet ihm mit einer Handbewegung weiterzufahren. Linus konnte noch nie gut widersprechen, also setzt er sich zurück ans Steuer und startet den Wagen. Ausfragen kann er sie immer noch, wenn sie da sind.

Originaltext

12:32 Uhr
Kreislauf der Liebe

Susana trifft sich mit Karlo zum Essen, wie immer treffen sie sich in der kleinen Spaghetteria im Einkaufszentrum gegenüber, sie kann sich nicht vorstellen, mit Karlo woanders zu essen, und auch Karlo kann es sich nicht vorstellen. Ihre Mutter und Karlo haben sich getrennt, als Susana noch ganz klein war, sie hat ihn immer Karlo genannt, nie Papa, nur anderen gegenüber hat sie ihn Mein Papa genannt.

Sie liebt Karlo, wie sie Mama liebt, und Karlo liebt sie, wie ihre Mutter sie liebt, nur Mama und Karlo lieben sich nicht mehr. Doch der Kreislauf der Liebe hat eigene Wege gefunden und wie bei einem verstopften Gefäß selbstständig eine Umleitung hergestellt. Immer hat Karlo sich zuverlässig um Susana gekümmert, hat sie vom Kindergarten und von der Schule abgeholt, an den Wochenenden sind sie in den Zoo, ins Kindertheater, ins Schwimmbad und später ins Museum gegangen, weil Susana sich schon immer gerne Bilder angeschaut hat, und Karlo ist mitgegangen und hat gelernt, wie man sich Bilder im Museum anschaut; er hat sogar an Workshops teilgenommen, in denen Kunst vermittelt wurde, um Susana mit Rat zur Seite stehen zu können. Warum ist das Haus schief, warum wächst der Frau ein Bügeleisen aus der Schulter, warum ist das Pferd blau, warum steht alles auf dem Kopf. Karlo weiß so etwas auch nicht, aber er hat sich immer Mühe gegeben, sich dieses Wissen anzueignen, auch wenn Susana seine Antworten oft etwas unzureichend fand. Aber er war nunmal ihr Vater, also fand sie sich damit ab. Mittlerweile geht sie lieber allein ins Museum, und Karlo atmet auf – was er allerdings nie zugeben würde. Lass uns mal wieder ins Museum gehen, sagt Karlo, nachdem sie beide ihre Lieblingsspaghetti bestellt haben, nämlich Spaghetti Diavolo, und Susana sagt, ja gerne, und schaut ihn irgendwie streng an, aber Karlo weiß nicht, ob er sich das nicht nur einbildet. Auch Susanas Mutter hat ihn manchmal eingeschüchtert.

Autor:in: julia Kleist

Als Marius von der Arbeit zurück kommt, liegt seine Mutter immer noch auf der Luftmatratze, diesmal wach. „Wo warst du denn?“ fährt sie ihn schroff an. Marius verdreht innerlich die Augen, das erinnert ihn an die Zeit, als er noch bei den Eltern wohnte. Seine Mutter war immer das intensive Elternteil gewesen. Sein Vater war ganz anders. Wenn Mutter wieder ihren Frust an ihm ausließ, setzte sich Vater für ihn ein und lockerte die Situation mit einem Augenzwinkern. Die Erinnerungen machen Marius nostalgisch, aber auch wütend. Gerade will er seiner Mutter Beleidigungen an den Kopf werfen, als ihm klar wird, sie ist ohne seinen Vater zu Besuch gekommen. Woran liegt das?

Originaltext

2011
Bäckereikette

Aislinn und Flynn arbeiten oft zusammen. Sie stehen hinter der Theke und verkaufen Brötchen, Croissants, Puddingteilchen, Eiweißbrot und Kaffee to go. Die Kunden sind nett, man beißt nicht in die Hand, die einen füttert. Aislinn schaut Flynn oft von der Seite an, wenn er Brötchen in die Tüte zählt und die Kunden anlächelt. Er sieht so professionell und sympathisch aus. Wie seine Frau ihn wohl ansieht, fragt sie sich. Die beiden haben gerade ein Baby bekommen, das einen komischen Namen hat. Wie eine Seife. War bestimmt ihre Idee, denkt Aislinn. Flynn weiß, wie seine Frau ihn ansieht, und er weiß auch, wie Aislinn ihn ansieht. Beiden schaut er gerne auf den Hintern.

Autor:in: Natalka

Linus hat zwar unendliche Angst vor dem Tageslicht, doch weiß er, dass die Lichtgötter die Einzigen sind, die ihm die Kraft schenken können, aus seiner dunklen Zeit wie ein Phönix aus der Asche zu treten. Seine Kamera ist dabei: sein Goldener Schlüssel. Er wird ein Selfie von sich schießen, wie er zurückkommt ins Licht. Er muss nur den richtigen Moment finden.

Originaltext

14:36 Uhr
Flur D

Clara Kalkofen wird angeschossen, wie Soldaten in einem Krieg angeschossen werden, in den sie geschickt wurden, ohne vorher gefragt worden zu sein.

Autor:in: Barbara

Ihr ist kalt. Sie hat noch nie soviel Angst gehabt, aber jetzt, wo das Geräusch verklungen ist, weiß sie nicht einmal mehr, ob sie jemals Angst in dieser Form gespürt hat. Vielleicht war es gar keine Angst, sondern etwas anderes. Dann hört sie die Schritte, die Gestalt einer Frau taucht im Türrahmen des Ladenlokals auf.

Originaltext

14:45 Uhr
Einkaufszentrum

Jemand von euch muss rüber ins Einkaufszentrum, sagt Valentina in der Sonderkonfi, die Spätschicht ist noch nicht da, so lange können wir nicht warten. Susana macht den Ticker. Wo ist denn Marius? Hat sich doch freigenommen, wegen seiner Mutter, sagt Sandro, ach ja, sagt Valentina, ausgerechnet heute!

Im Raum ist es noch stickiger als am Vormittag. Wahrscheinlich ist es eh ein Fehlalarm, sagt Sandro. Alle schauen ihn an, er registriert das sehr wohl, versteht aber nicht, ob das gut ist oder eher nicht so gut.

Irma, was ist mit dir, fragt Valentina, einer plötzlichen Eingebung folgend, und Irma erschrickt dermaßen, dass sie niesen muss. Vor dem Fenster steht die Birke und Birken sind Irmas Lieblingsbäume, eigentlich, wenn nur die blöde, denkt Irma, Allergie nicht wäre. Der Platz vor dem Einkaufszentrum ist leer. Er war noch nie leer. Es gab noch nie, sagt Sandro, einen Amoklauf, der an einem so heißen Tag stattgefunden hätte, ich hab das mal eben recherchiert, ich habe hier, sagt Sandro, sämtliche Amokläufe der letzten Jahre und Jahrzehnte, ein einziger fand im August statt, das war in Hungerford, Großbritannien, 1987, und zwei in den USA, der in Austin 1966, das war der Typ mit dem Hirntumor, und noch ein anderer, an einem 12. Juli 1970 in Kalifornien, aber da ist nicht viel passiert, nur ein Toter, und das war eh der Vater vom Täter. Irma hat ihre Nase geputzt, wenn ich, denkt Irma, mich jetzt trauen würde, ich mach es zu sagen und es einfach zu machen, aber da hebt Louise ihre Hand, ja, Louise, sagt Valentina, ich würde es machen, sagt Louise, äh, sagt Valentina und überlegt, wie sie es verhindern kann. Kommt nicht in Frage, sagt Valentina, doch, bitte, sagt Louise, was ist denn dabei, es ist für mich genauso gefährlich wie für jeden anderen. Außerdem sichert die Polizei doch eh alles ab. Das erste Mal, seit sie Sandro kennt, hofft Valentina, dass er recht behält.

Autor:in: Annika

Wenn mich jemand fragt, wer oder was mein größter Feind im Leben ist, werde ich nicht mich selbst nennen, sondern den Apfelbaum. Nicht irgendeinen Apfelbaum, sondern der Apfelbaum, der mich Nacht für Nacht um meinen Schlaf bringt. Andere Menschen träumen, dass sie verletzt werden und ihnen Leid zugefügt wird – ich träume, von einem Apfelbaum zu fallen. Es klingt lächerlich, das laut auszusprechen, denn niemand kann wirklich nachempfinden, was ich in dem Moment fühle. Dieser Zustand, schlafend und doch bei vollem Verstand, beunruhigt mich. Beim Fallen wache ich auf und bin doch noch im Schlaf. Ich kann meine Gedanken nicht kontrollieren und sie in keine Richtung lenken, die mir gefällt. Ich bin gefangen im Fallen.

Originaltext

1985
Epagomene

Von den sieben Büchern, die Siri nach dem Ende ihrer Schullaufbahn der Bibliothek des Marie-Curie-Gymnasiums schenkt, handeln sechs von Weltrekorden und eins von Sonnensystemen, Lichtgeschwindigkeiten und warum die Zeit nur in eine einzige Richtung vergehen kann. Solche Sachen. Das Buch ist kindgerecht geschrieben, wird aber dennoch nur zweimal ausgeliehen, einmal von einer Schülerin der 10b namens Gülsen und einmal von Wanja aus der 9c, dessen Lieblingsfach Erdkunde ist. Beide lesen das Buch in einer astronomischen Geschwindigkeit durch und werden erst spät, etwa im Alter von Mitte 30, lernen, dass die überwiegende Mehrheit ihrer Mitmenschen keine Ahnung von astrophysikalischen Zusammenhängen hat. Weder Gülsen noch Wanja werden jemals den Wunsch verspüren, die Ahnungslosen aufzuklären. Sie brauchen doch nur das Buch zu lesen, denken
sie, unabhängig voneinander, denn die beiden haben sich zwar jahrelang auf dem Schulhof gesehen, aber keinerlei Berührungspunkte.
Gülsens Lieblingskapitel ist das über die Epagomene, und die Tatsache, dass bereits die Ägypter mit Schalttagen operierten, bestärkt sie in der Überzeugung, dass sicherlich jeder Mensch schon darüber nachgedacht hat, wie man das Problem Zeit mit dem Problem Nacht in Einklang bringt. Wanjas Lieblingskapitel ist das über die schwarzen Löcher, in denen die Zeit verschwindet. Einmal versucht er seinem Banknachbar Jens den Unterschied zwischen einem Wurmloch und einem Schwarzen Loch zu erklären; das Gespräch endet damit, dass Wanja Jens’ Federmäppchen aus dem Fenster wirft. Danach sind sie keine Freunde mehr. Weil das Buch so selten ausgeliehen wird, sortiert
es der Schulbibliothekar aus und spendet es der Bibliothek einer Jugendpsychiatrie.

Autor:in: Cansu Arslan

Das erste Mal sah er sie an einer Raststätte. Es war früh am Morgen, Nebel lag auf den Wiesen. Es überkam ihn so plötzlich, er musste sie fotografieren. Ein Bild nach dem anderen schoss er, doch keines war perfekt. Keines war das eine. Ihr braunes welliges Haar, ihre müden Augen, die Augenringe, ein Geldbeutel und Schlüssel in der Hand. Ihr schwarzer Fiat. Was zog ihn bloß so an? Sie stieg ins Auto und er startete zeitgleich den Motor. Über die Autobahn und dann rechts raus, in seinem Wahn wusste er nicht einmal, wo er war, so fixiert war er auf sie. Sie hielt in einer Wohnsiedlung, knapp schaffte er es, die Tür aufzuhalten, die ihr aufgemacht wurde, und setzte den Schnapper rein. Er wartete in seinem Auto bis in die späten Abendstunden. Dann ging er rein. In der Wohnung angekommen, fand er sie auf einer Matratze in der Küche. Noch bevor sie schreien konnte, war seine Hand an ihrer Kehle. Das perfekte Foto. Im Fernsehen lief Tatort.

Originaltext

10:38 Uhr
Frenchpress

Zum Glück kann Marius heute früher Schluss machen, er hat einen halben Tag Urlaub genommen, weil seine Mutter zu Besuch ist. Obwohl seine Mutter nichts Unvernünftiges anstellt, ist er irgendwie misstrauisch ihr gegenüber. Er kann gar nicht sagen, was es ist, aber sie wirkt auf ihn irgendwie unberechenbar, das war schon immer so. Seine Mutter ist nicht wie andere Mütter, und Marius hat sich daran gewöhnt, er hatte 23 Jahre lang Zeit, sich daran zu gewöhnen. Sie übernachtet auf einer Luftmatratze in seiner Küche, die Luftmatratze hat sie selbst mitgebracht. Am Morgen hat sie noch geschlafen, Marius hat eine Kanne Kaffee in der Frenchpress zubereitet, nach dem Duschen hat er sich eine Tasse eingeschenkt und ist wieder in sein Schlafzimmer gegangen. Seine Mutter ist nicht wach geworden, das kommt ihm noch immer etwas komisch vor. Sie hätte zumindest kurz die Augen öffnen und guten Morgen, ich bin noch müde, sagen können. Aber nichts. Sie tat einfach so, als schliefe sie. Oder sie schlief wirklich. Bevor er ging, hat Marius den restlichen Kaffee in eine Warmhaltekanne gefüllt, die er extra für ihren Besuch gekauft hat.

Autor:in: anonym

Flashback

Karlo erzählt etwas zu dem Modell des Doppelspalts, aber ich höre ihm gar nicht richtig zu. Viel mehr interessieren mich die Farben, die sie an die Wand werfen. Das ist auch eine Art von Kunst. Während Karlo die physikalischen Aspekte sieht, sehe ich die künstlerischen. Die Farben, die Formen, das Material.
Wir gehen weiter, dieses Modell ist bunt, um die verschiedenen Schichten zu zeigen. Ich hätte die Farben anders gewählt. Wenn ich Kunst studiere, können Karlo und ich zusammen arbeiten. Er macht das Wissenschaftliche und ich sorge dafür, dass es gut aussieht.

Originaltext

13:12 Uhr
Truth und Beauty

Weil Susana gleich wieder zurück in die Redaktion muss, verzichten sie auf den Nachtisch. Susana hat ihre Serviette voll mit seltsamen Hieroglyphen gemalt und sagt, du Karlo, ich überlege zu kündigen und nochmal zu studieren, Kunst oder so. Wie findest du das? Karlo findet das gut. Kunst, warum nicht. Du bist schuld, sagt Susana und lächelt, wenn du nicht immer mit mir ins Museum gegangen wärst. Karlo wäre zwar lieber ins Naturkundemuseum gegangen oder ins Museum für Quantenphysik und hätte Susana erklärt, was ein Upquark und ein Downquark ist, was Anti-Farben sind oder die wahre Bedeutung von Truth und Beauty. Aber das sagt er nicht. Susana war damals zu klein und wollte lieber ein Eis. Sie hat ihm null zugehört, wenn er damit anfing. Nur bei den Antifarben horchte sie kurz auf. Vielleicht hat Karlo es auch nicht richtig erklärt. Truth und Beauty könnten schließlich auch Pferdenamen sein. Wie soll man etwas erklären, was man selbst nicht verstanden hat?

Autor:in: Ronny aus Halle

Ronny hat die Geschichte schon so oft erzählt, wie er an der Autobahnraststätte Rodaborn körbeweise Champignons an westdeutsche Transitreisende verkauft hat. Dafür wäre er fast in den Knast gekommen. Aber interessiert ja heute niemanden mehr. Er hat es damals nur gut gemeint, denn er brauchte Devisen, alle brauchten Devisen, also D-Mark. Wo kommt eigentlich das Wort Devisen her? Es ist ein Scheißwort. Aber was soll man machen, wenn es Matchbox-Autos nur in den Intershops gibt und die Intershops wollen keine Ostmark. Und die Kinder zuhause wollen Matchbox-Autos und keinen Trabant 601 mit Rückzugmotor.

Am nächsten Tag steht die Stasi vor der Tür. Verkaufen von Champignons an Ausländer verboten, sagt die Stasi. Die Matchbox-Autos aus dem Intershop kassieren sie ein. Sein Leben lang wird Ronny diese Demütigung nicht vergessen. Die Beziehung zu den Kindern ist schlecht seitdem. Von den alten Geschichten möchten sie heute nichts mehr hören. Sie sind verheiratet, haben Karriere gemacht und fahren mit dem Rad zur Arbeit. Ihre Kinder spielen mit Stoffpuppen und Holzloks. Oder sie hängen am Handy und retten Eisbärbabys. Neulich hat Ronny auf Ebay gesehen, dass der Trabant 601 von Anker für 92 Euro das Stück angeboten wird.

Originaltext

14:51 Uhr
Eiscafé Diana

So, denkt Gülsen, während sie sich unter der Spüle im Eiscafé Diana krümmt. So. Sie weiß, dass sie das nicht lange durchhalten kann, so gekrümmt zu stehen, aber sie traut sich nicht, eine andere Position einzunehmen. Sie hat eine Frau gesehen mit einem Gewehr in der Hand und einem kalten Blick, Gülsen ist sich nicht sicher, ob dieser Blick sie, Gülsen, wahrgenommen hat, wie sie sich bückt und unter die Spüle schiebt, oder ob die Frau mit dem Gewehr nur noch das große Ganze sieht.

In Gülsens Ohren rauscht es, als würde Wasser von der Spüle in den Abfluss fließen, ein schmutziger Schwall an Geräuschen, die in Gülsen nichts auslösen. Und dazwischen dieses So, das ist das Schlimmste. Das So macht es unmöglich herauszufiltern, ob da noch andere Geräusche sind, im Eiscafé oder im Gang, etwas, das auf die Anwesenheit der Frau schließen lässt. Das Eiscafé ist ganz aus Glas, Gülsens Knie wackeln, ihre Rücken schmerzt, etwas drückt in ihr Fleisch, oberhalb der rechten Niere.

Autor:in: Zugbekanntschaft Buchmesse

Es ist ein sehr angeregtes Gespräch. Sie diskutieren, ob Mango oder Ananas dem Curry eine fruchtige Note geben müssen und wie scharf es sein sollte. In der Delikatessenabteilung ist um diese Uhrzeit nicht viel los. Madeline, die Auszubildende, ist dankbar für das Gespräch mit Heiner B. So vergeht die Zeit schneller und sie kann sich davor drücken, die Glasvitrinen mit dem abgehangenen Rindfleisch auf Hochglanz zu polieren. Viel lieber tauscht sich Madeline dann noch mit Heiner B. über lustige Missgeschicke in der Küche aus.
In ihr Lachen mischt sich anderes Gelächter. Fröhlich turtelnd und lachend. betritt Melissa den Laden, Händchen haltend mit Roger, Heiners Sohn. Das war also der Grund, warum sie wortlos ging. Sie konnte ihm nicht sagen, dass Roger ihr den Kopf verdreht hat. Heiner B. wird das schlagartig bewusst. Plötzlich sackt er vor der Theke zusammen. Herzinfarkt. Roger versucht ihn mit Herzdruckmassage zu reanimieren. Melissa übernimmt die Beatmung, während Madeline den Notarzt ruft. Es geht alles sehr schnell, so schnell, dass Melissa nicht bedacht hat, dass sie vor Betreten des Ladens Nüsse gegessen hat. Heiner B., der eine schwere Nussallergie hat, schwillt schlagartig der Hals zu. Der Notarzt kann ihn nicht mehr retten.
Heiner B. hatte in seinen letzten Minuten nicht mehr die Zeit, an sein Ende zu denken.

Originaltext

14:20 Uhr
Deli

Schon immer hat Heiner B. gerne nach den letzten Dingen gefragt, in letzter Zeit ist es zu einer Art Manie geworden, aber zu einer Manie, die ihn belustigt. Sie gibt ihm das Gefühl, ein wenig über den Dingen zu stehen. Als er jung war, dachte er oft über die ersten Male nach: Wow, zum ersten Mal geknutscht, eine Pizza gegessen, einen Audi TT gefahren. Irgendwie schön war das. Wenn man jung ist, möchte man die Zeit spüren. Er weiß nicht, wann sich das geändert hat. Ob es ein bestimmter Tag in seinem Leben war, an dem die Zeit eine andere Richtung genommen hat. Wer weiß, ob dies nicht die letzte Zigarette in meinem ganzen Leben ist, hat Heiner B. zum Beispiel oft gedacht, lange bevor er wirklich mit dem Rauchen aufgehört hat. Oder im Deutschen Theater in Berlin: ob dieser Hamlet der letzte Theaterbesuch in meinem Leben ist. Immerhin, es war der letzte zusammen mit seiner Mutter. Nach den letzten Dingen zu fragen, ist zu einer Art Denksport für Heiner B. geworden oder vielmehr Fantasiesport, wie seine letzte Freundin Melissa angemerkt hat. Das Wort Fantasiesport hat ihm gefallen, erstens die Idee, dass Fantasie etwas ist, was man trainieren muss, zweitens Melissa selbst, eine wunderschöne Blondine mit durchtrainierten Waden und leichtem Bauchansatz, Mitte 40, die er in einem Aufzug kennengelernt hat. Sie wird wohl seine letzte Geliebte gewesen sein, was ihm an einem der vielen Abende bewusst geworden ist, an denen er auf sie gewartet hat. Nun ja, es gibt Schlimmeres, als mit einer Flasche neapolitanischem Limoncello am warmen Kamin zu sitzen und auf eine reizende Frau zu warten. Damit hat er sich getröstet. Er hat es nicht gewagt, nach dem Grund ihres ständigen Zuspätkommens zu fragen, er wollte sie und sich selbst nicht in Verlegenheit bringen. Die Erkenntnis über den letzten Sex in seinem Leben hätte er ihr gerne mitgeteilt, aber sie verschwand ohne ein Wort des Abschieds und er akzeptierte ihren Entschluss.

Als Heiner B. das Einkaufszentrum betritt, genauer gesagt die Deli-Abteilung im Untergeschoss, weiß er nicht, dass seine letzten zehn Minuten angebrochen sind; er verbringt sie in ein Gespräch mit der Auszubildenden vertieft über die Zubereitung des perfekten Currys.

Autor:in: Birgit Praters

Die blondbehaarte Hand gehört Andreas. Früher hätte er Silvana nicht beachtet. Sie, die nach dem Unfall ihre Beine verloren hat, war kein Teil der Gesellschaft. Heute beneidet er sie, um ihr offenes freundliches Lächeln, ihren Mut, sich der Öffentlichkeit zu stellen, ihre warmen herzlichen Blicke. Seine Arbeit und die Angst vor Gefühlen haben ihn kalt gemacht… nur hier bei Silvana wird sein Herz weich. Sie fasziniert ihn und ihr gibt er sehr gerne ein Geldstück.
Sie ist doch der einzige Mensch, der Wärme in sein Herz bringt, ein paar Sekunden am Tag. Sie fasziniert ihn. Er würde sich nie trauen, ein Gespräch mit ihr zu beginnen. Ihr Blick beschert ihm das einzige kleine Glück, dass ihm sein Erfolg nicht geben kann und das er von seiner Familie nicht zu empfangen bereit ist. Sie darf er nicht aus Dankbarkeit mit Geld überschütten, dann würde sie vielleicht ihre Natürlichkeit verlieren. Er hat sehr lange darüber nachgedacht und er ist sich sicher, dass er mit dieser Strategie richtig liegt. So ein zauberhaftes Lächeln, das Sonne in sein Herz bringt. Für nur 50 Cent. Es wird mehr und mehr zu seinem Lebenselexir. Auch sein „Danke” fühlt sich fabelhaft an und löst in ihm keinesfalls das Gefühl von Erniedrigung aus, wie sonst, wenn er sich für irgendetwas bedanken muss.

Originaltext

[a=10, b=28, c=8/3]
Keksdose

Beine, nichts als Beine, die aus Oberschenkeln und Unterschenkeln bestehen, mit Füßen dran, mit Schuhen und Stiefeln, und von den Beinen sieht Silvana vor allem die Hosenbeine und wenn das Wetter gut ist, wie heute, nackte Beine oder Beine in Strumpfhosen. Behaarte nackte Beine, unbehaarte Beine, Beine in Strumpfhosen. Alles paarweise. Überhaupt tritt das meiste, was man im Leben zu sehen bekommt, paarweise auf, das meiste würde ohne doppelt gar nicht existieren, gar nicht funktionieren oder nicht richtig funktionieren. Silvana fragt sich, warum das so ist, weiß aber keine Antwort. Jeden Tag fragt sie sich das und jeden Tag weiß sie keine Antwort, und als nächstes fragt sie sich, wie es wäre, selbst Beine zu haben, richtige Beine mit Knien und Unterschenkeln, und als drittes fragt sie sich, was sie ihren Beinen anziehen würde. Keine Jeans, Jeans hat jeder, Silvana mag Röcke und Pumps und nackte Beine und sie mag außerdem weite Hosen, die um die Beine schlenkern, und wenn der Wind etwas kräftiger weht, blähen sich die Hosenbeine um die Beine und es sieht aus wie ein Anfang, und wenn noch mehr Wind zwischen Beine und Hosenbeine blasen würde, würden sie den Körper leichter machen und die Körper würden aufsteigen und Silvana könnte die Sohlen der Schuhe und der Stiefel sehen. Ohne Beine kann man nicht fliegen, denkt Silvana und lächelt zwei graue Anzugsbeine an, die jeden Tag vorbeikommen und jeden Tag wirft eine zu den Beinen gehörige Hand mit blonden Haaren auf dem Knöchel ein 50-Cent-Stück in die Keksdose, die vor ihr steht, und sagt danke. Danke wofür?

Autor:in: Betty Bienenstich

Sandro wandert gerne durch das Viertel frühmorgens, wenn die Sonne aufgeht. Bevor er loszieht, blickt er lange aus dem Fenster. Die Bäume entlang der Allee scheinen sich für den Tagestanz vorzubereiten und fächeln leise im Wind. Eine Katze verschwindet hinter einem Müllcontainer. Etwas Blaues kommt langsam die Allee entlang gewandert. Sandro reibt sich die Augen. Jetzt habe ich schon Visionen, murmelt er.
Ein orangefarbener Müllwagen fährt an – Sandro packt seine Jacke und läuft die Treppe hinunter. Er will sehen, wer da wie in Trance durch diese verschlafene und nüchterne Straße schleicht. Als der Müllwagen abfährt, nimmt Sandro den modrigen Geruch wahr und ein eigenartiges helles Klingeln zieht seinen Blick auf sich. Ganz am Ende der Allee breitet die blaue Gestalt die Arme aus und beginnt sich zu drehen.

Originaltext

[a + 10 = Ü40 (+)]
Zigaretten

Frühschicht bedeutet, um halb fünf aufstehen, die Augen verklebt, in die Küche taumeln, ins Bad gehen, eine Zigarette am Küchenfenster rauchen, die Tasse Kaffee auf den Sims stellen. Nichts macht den Morgen trauriger und gleichzeitig erträglicher als Kaffee und Nikotin. Auch wenn Sandro tagsüber nicht raucht, weil er die Gesellschaft der anderen Raucher im Innenhof der Hilbertstraße nicht erträgt, diese eine Morgenzigarette muss sein. Er wird sie auch noch in zehn Jahren rauchen, wenn Zigaretten längst verboten sind. Die Krähen schlafen noch, eine getigerte Katze sitzt vor der Haustür gegenüber und schaut gelangweilt auf die leere Straße. Das Licht der Wandlampe im Flur flackert. Es ist noch nichts passiert in der Stadt, erst wenn der Desk der Onlineredaktion besetzt ist, erwacht die Welt zum Leben.

Autor:in: anonym

Merve geht jeden Dienstag zum Kuaför. Der Kuaför heisst Elias und Elias hat eine Eigenschaft, er ist nämlich gut zu Dingen. Merve weiß das, weil sie die Gegenstände sprechen hören kann. Der Fön zum Beispiel ist gutmütig und schätzt die Sanftheit, mit der Elias ihn ein- und nach einer gewissen Zeit wieder ausschaltet. Der Wasserhahn dagegen, niemand kann es ihm recht machen. Selbst Elias nicht. Heute ist das Wasser maximal lauwarm, aber Merve beschwert sich nicht, sie weiß ja, es liegt an der miesen Laune des Wasserhahns.

Originaltext

09:34 Uhr
Carrerabahn

In der Kantine gibt es heute frischen Apfel-Quark zum Frühstück. An der Kasse steht die neue Praktikantin, die mit der seltsamen Frisur. Die blonden Haare sind in streng geflochtenen Zöpfen um ihren Kopf gewunden und akribisch mit silbernen Haarnadeln festgeklammert. Irma muss an die Carrerabahn denken, die sie einmal zu Weihnachten bekommen hat. Was ist eigentlich aus der geworden?

Autor:in: Romy Bleier

Edithe läuft die Straße entlang, während die Bäume sich vor ihr verbeugen, als ob sie die Königin wäre. Am Straßenrand liegen alle möglichen Gegenstände, 1 Autoreifen von Continental, eine leere Dose Katzenfutter, ein Schlüsselanhänger, ein weißer Turnschuh mit grünen Streifen, noch ein Turnschuh, Scherben einer Bierflasche, ein pinkfarbenes Springseil, ein Socken. Seit sie denken kann, kann Edithe Gegenstände sprechen hören. Edithe hat Verständnis dafür, dass nicht jeder weiß, dass Gegenstände mit uns kommunizieren, ist halt so. Aber ehrlich gesagt verliebt sich Edithe eher in Gegenstände als in Menschen. Ist nämlich total interessant, was die so sagen. Die Scherben der Bierflasche zum Beispiel haben gerade „Guten Tag, Majestät“ geflüstert. Edithe verneigt sich – für den Fall, dass sie selbst gemeint war. Die Königin der Scherben, wäre doch ein schöner Titel, findet sie. Der Socken und das pinke Springseil finden das auch.

Originaltext

14:51 Uhr
Eiscafé Diana

So, denkt Gülsen, während sie sich unter der Spüle im Eiscafé Diana krümmt. So. Sie weiß, dass sie das nicht lange durchhalten kann, so gekrümmt zu stehen, aber sie traut sich nicht, eine andere Position einzunehmen. Sie hat eine Frau gesehen mit einem Gewehr in der Hand und einem kalten Blick, Gülsen ist sich nicht sicher, ob dieser Blick sie, Gülsen, wahrgenommen hat, wie sie sich bückt und unter die Spüle schiebt, oder ob die Frau mit dem Gewehr nur noch das große Ganze sieht.

In Gülsens Ohren rauscht es, als würde Wasser von der Spüle in den Abfluss fließen, ein schmutziger Schwall an Geräuschen, die in Gülsen nichts auslösen. Und dazwischen dieses So, das ist das Schlimmste. Das So macht es unmöglich herauszufiltern, ob da noch andere Geräusche sind, im Eiscafé oder im Gang, etwas, das auf die Anwesenheit der Frau schließen lässt. Das Eiscafé ist ganz aus Glas, Gülsens Knie wackeln, ihre Rücken schmerzt, etwas drückt in ihr Fleisch, oberhalb der rechten Niere.

Autor:in: hirsch

Das Weihwasserbecken in Heilig-Kreuz ist eines Tages leer, ohne erkennbaren Grund. Und dann passierte nichts mehr.

Originaltext

14:29 Uhr
Flur C

Sie haben sich neue Schuhe gekauft, zum Joggen, Basketball, Fußball, sogar zum Volleyball, seit sie in der Schulmannschaft sind und Profischuhe brauchen, nicht den Quatsch vom Lidl. Sie waren bei Rossmann, um ihren Vorrat an Zahnpasta, Reisezahnpasta, Haargummis, Toilettenpapier, Make-Up-Entferner, Enthaarungsmittel und Babytücher aufzufüllen, sie waren beim Kaufhof, wo sie nichts kauften, sie wollten nur mal schauen, weil es Kaufhof vielleicht nicht mehr lange gibt. Tatsächlich sind sie nicht sicher, ob es Kaufhof überhaupt noch gibt, heißt der Laden jetzt eigentlich anders, seit dieser Fusion, Karhof vielleicht oder Kaufstadt? Kaufstadt gefällt ihnen am besten, es ist wie eine richtige Stadt, in der die Waren wohnen und die Menschen nur zu Besuch sind, komisch, dass ihnen das nicht früher aufgefallen ist. Es ist sogar eine Stadt mit einer eigenen Historie, wie Dubrovnik oder Fürth. Sie denken daran, wie es war, als Kaufhof noch Horten hieß oder Hertie und sie als Jugendliche manchmal stundenlang Aufzug gefahren sind, weil das der einzige Ort war, der sich bewegte, zumindest kam es ihnen so vor. Im ersten Stock stiegen die Frauen aus, im zweiten die Männer, im dritten die Eltern mit Kindern. Im vierten die Omis und Opis, um im Selbstbedienungsrestaurant essen zu gehen. Dort saßen sie dann, neben sich ihre Handtaschen und Herrentaschen und die Tüten aus den verschiedenen Stockwerken und dann der Blick über die Stadt vom vierten Stock aus: wunderschön!

Autor:in: Amaryllis04

Und dann kommt der Tag, da liegt die Katze nicht mehr vor ihrer Tür. Erst einen Tag, dann zwei Tage, dann immer länger bleibt der Platz auf der Fußmatte frei.
Ob sie ein besseres Zuhause gefunden hat, fragt sich Pelin, und ganz ehrlich, sie ist sogar erleichtert. Tief in sich spürt sie, dass es noch ein anderes Gefühl gibt. Es lag die ganze Zeit verborgen hinter ihren Herzen. So verborgen, dass sie es nicht spüren konnte. Es ist, als habe die Straßenkatze Pelins Herz woanders hingeschoben, und da kam dieses alte Gefühl zum Vorschein.

Originaltext

[√ 2 + 2]
Sokak kızı

Noch bevor sie die Tür ihres Ladens aufschließt, streichelt Pelin die getigerte Katze, die es sich dort gemütlich gemacht hat. Sie streichelt sie ausgiebig, sie lassen sich Zeit, die beiden. Aber, ehrlich gesagt, mag Pelin überhaupt keine Katzen, und schon gar nicht die Streunerinnen, die es immer wieder mal ins Einkaufszentrum schaffen und in den Fluren herumschleichen. Bis vor ein paar Monaten hat Pelin sie ohne Umstände verscheucht. Sie hatte keine Lust auf Katzenhaare, die sich in ihrem Laden ausbreiten und sich in den feinen Nasenhärchen allergischer Kundinnen verfangen, die dann woanders einkaufen.

Seit dem Amoklauf hat sich manches verändert. Die Freundschaft mit der Katze ist das einzig Positive. Als Pelin sich endlich wieder ins Einkaufszentrum traut, wobei traut das falsche Wort ist, eigentlich wäre sie lieber zuhause geblieben, eigentlich wäre sie am liebsten für immer zuhause geblieben, liegt da die Katze, direkt vor der Ladentüre. Sie kennt Pelins Abneigung gegen Katzen offenbar nicht, denn sie öffnet nur kurz die Augen, verändert die Position ihrer Pfoten und schläft weiter. Alles in Ordnung, Pelin, sagt die Katze. Keine Gefahr weit und breit. Pelin bückt sich zu ihr hinunter, und noch bevor ihre Hand das Fell berührt hat, fängt die Katze an zu schnurren. Seitdem sind sie Freundinnen. Pelin nennt sie sokak kızı, Straßenmädchen. Sokak kızı liegt jeden Morgen vor Elit Damenmoden und wenn sie Pelins Schritte hört, dreht sie sich auf den Rücken und wirft den Motor an.

Autor:in: C. Kracht

In einem Restaurant nahe des Hafens bestellt Ulrike ein Fischbrötchen. Während sie wartet, klingelt das Telefon. Sie telefoniert und wartet auf das Fischbrötchen und da fällt ihr plötzlich ein: die Fähre. Sie läuft los, sie sieht aus den Augenwinkeln den Kellner mit dem Fischbrötchen, er läuft ihr hinterher. Der Kellner meint es gut, aber es ist zu spät. Beim Fährterminal angelangt, geht Ulrike zunächst durch den falschen Durchgang und steigt beinahe in die falsche Fähre ein. Da bemerkt sie ihren Fehler im letzten Moment und kann noch auf die richtige Seite wechseln, und schon geht es los mit der Fahrt zum gegenüberliegenden Ufer. Ulrike geht hungrig, aber erleichtert an Deck. Was ist schon ein Fischbrötchen gegen den frischen Wind und die Aussicht! Auf einem der Sitze liegt eine Tüte, und auf der Tüte ihr Name mit rotem Filzstift geschrieben. Sie öffnet die Brottüte und beginnt, ihr Fischbrötchen zu essen.

Originaltext

15:11 Uhr
Kind regards

Im Radio läuft noch immer der Amoklauf. Olga hat sich etwas zu essen gemacht, eine Dosensuppe, die sie noch zuhause in Oldenburg in der Speisekammer gefunden hat, Ablaufdatum 2017, aber wird ja nicht schlecht. Sie hat ein paar Stellenangebote angekreuzt, alle im Einkaufszentrum, wo ja nicht jeden Tag ein Amoklauf stattfinden wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass an einem Ort zweimal ein Amoklauf stattfindet, ist auf jeden Fall
noch geringer als die Wahrscheinlichkeit, dass er irgendwo einmal stattfindet. Ist ja auch irgendwie logisch, oder? Die meisten Jobangebote sind Arbeitsplätze in Teilzeit oder Minijobs und richten sich an Menschen, die mit Du angesprochen werden und statt Aufzählungszeichen Hashtags benutzen. Olga ist von ihren Kindern mehrmals täglich im Nutzen von Hashtags unterrichtet worden, sie kennt sich entsprechend aus und wundert
sich nicht. Sie will allerdings kein Brand Ambassador werden, dennoch weckt ein Unternehmen, das Visuals of London heißt, ihr Interesse. Sie nimmt an, dass es sich um eine Kondommarke handelt, weil ihr erstens der Name irgendwie bekannt vorkommt und zweitens das Unternehmen Visuals of London nicht so recht zu erkennen gibt, um welche Produkte es sich handelt, die sie im Rahmen ihres Jobs als Brand Ambassador verkaufen soll. Wir betreiben bereits fünf City Stores und verwöhnen unsere Kunden mit den kleinen Freuden des Lebens. Das Mysteriöse an der Beschreibung gefällt Olga. Kleine Freuden des Lebens spielt sich irgendwo zwischen Schokoladenpralinen und Bondagesex ab. Sie schreibt einen halbseitigen Brief an das Unternehmen, in dem sie darauf hinweist, dass sie gerade umgezogen ist und aktuell noch über kein W-Lan verfügt, aber vorhat, ihre E-Mails regelmäßig abzurufen, sie duzt die Ansprechpartnerin und unterschreibt mit Kind regards, Olga.

Autor:in: anonym

Marius Mutter ist immer die erste gewesen, die morgens das Haus verlassen hat und die letzte, die abends heimkehrte. Nie hat sie gemosert, wenn abends wieder die Wäsche nicht aufgehängt und die Spülmaschine nicht ausgeräumt war. Mit geschickten Handgriffen räumte sie die Einkäufe in den Kühlschrank, sammelte benutzte Kaffeetassen aus allen Zimmern, entsorgte vertrocknete Apfelsinenschalen, klaubte Chipsreste aus Sofaritzen und verteilte frische duftende Sträuße in zierliche Vasen, Kornblumen waren ihr am liebsten, wilde Kamille, oder was immer die Kundschaft an diesem Tag übrig gelassen hatte. Erst jetzt, als er sie hier in seiner ersten eigenen Wohnung auf der Luftmatratze liegen sah, zerbrechlich im goldenen Licht der Nachmittagssonne, wurde Marius bewusst, dass sie es gewesen war, die all die Jahre die Familie zusammen gehalten hatte.

Originaltext

14:15 Uhr
Blumen

Marius’ Mutter liegt noch immer auf der selbstmitgebrachten Luftmatratze in der Küche. Sie öffnet die Augen und lächelt. Auf dem Schreibtisch steht ein Weizenglas, in dem ein Strauß Kornblumen steckt. Die Kaffeekanne steht umgedreht auf der Spüle. Na, fragt Marius, was hast du gemacht? Gelesen, sagt die Mutter. Auf dem Teppich ist ein großer heller Fleck und als Marius genauer hinsieht, ist es nur die Sonne.

Autor:in: Quirx

Mani ist aus Maine und spielt gerne Tischtennis gegen die Nachbarin. Die Achtzigjährige schlägt ihn jedes Mal. Dabei kann sie nur Rückhand. Nur stoßen, aber hundert Prozent treffsicher. Dafür versteht sie ihn nie, wenn er etwas sagt, nicht einmal , wenn er laut schreit, was ihm beim Tischtennis immer wieder passiert.

Originaltext

14:20 Uhr
Deli

Schon immer hat Heiner B. gerne nach den letzten Dingen gefragt, in letzter Zeit ist es zu einer Art Manie geworden, aber zu einer Manie, die ihn belustigt. Sie gibt ihm das Gefühl, ein wenig über den Dingen zu stehen. Als er jung war, dachte er oft über die ersten Male nach: Wow, zum ersten Mal geknutscht, eine Pizza gegessen, einen Audi TT gefahren. Irgendwie schön war das. Wenn man jung ist, möchte man die Zeit spüren. Er weiß nicht, wann sich das geändert hat. Ob es ein bestimmter Tag in seinem Leben war, an dem die Zeit eine andere Richtung genommen hat. Wer weiß, ob dies nicht die letzte Zigarette in meinem ganzen Leben ist, hat Heiner B. zum Beispiel oft gedacht, lange bevor er wirklich mit dem Rauchen aufgehört hat. Oder im Deutschen Theater in Berlin: ob dieser Hamlet der letzte Theaterbesuch in meinem Leben ist. Immerhin, es war der letzte zusammen mit seiner Mutter. Nach den letzten Dingen zu fragen, ist zu einer Art Denksport für Heiner B. geworden oder vielmehr Fantasiesport, wie seine letzte Freundin Melissa angemerkt hat. Das Wort Fantasiesport hat ihm gefallen, erstens die Idee, dass Fantasie etwas ist, was man trainieren muss, zweitens Melissa selbst, eine wunderschöne Blondine mit durchtrainierten Waden und leichtem Bauchansatz, Mitte 40, die er in einem Aufzug kennengelernt hat. Sie wird wohl seine letzte Geliebte gewesen sein, was ihm an einem der vielen Abende bewusst geworden ist, an denen er auf sie gewartet hat. Nun ja, es gibt Schlimmeres, als mit einer Flasche neapolitanischem Limoncello am warmen Kamin zu sitzen und auf eine reizende Frau zu warten. Damit hat er sich getröstet. Er hat es nicht gewagt, nach dem Grund ihres ständigen Zuspätkommens zu fragen, er wollte sie und sich selbst nicht in Verlegenheit bringen. Die Erkenntnis über den letzten Sex in seinem Leben hätte er ihr gerne mitgeteilt, aber sie verschwand ohne ein Wort des Abschieds und er akzeptierte ihren Entschluss.

Als Heiner B. das Einkaufszentrum betritt, genauer gesagt die Deli-Abteilung im Untergeschoss, weiß er nicht, dass seine letzten zehn Minuten angebrochen sind; er verbringt sie in ein Gespräch mit der Auszubildenden vertieft über die Zubereitung des perfekten Currys.

Autor:in: Kristina

Die Fußgängerzone ist sein natürliches Territorium. Hier fühlt er sich wohl, hier kann er eintauchen zwischen den Pflastersteinen, hier verschmilzt er mit dem Asphalt, er kann einfach nur sein. Bäume gibt es auf diesem Stadtplatz nicht, und das ist auch gut so, Bäume sind ihm zuwider mit ihrem Grün und ihrem ständigen Wandel und Rauschen. Und auch das Känguru kommt nicht auf den Stadtplatz, hierhin folgt es ihm nicht. Ihm fehlt die Hüpffreiheit zwischen den Menschen, die kreuz und quer ohne Ordnung den Platz überqueren. Am liebsten sitzt Hagen auf der Treppe vor dem Alten Rathaus, er fühlt sich irgendwie hingezogen zu dieser Treppe. Wenn er um die Sparkasse biegt und er den Stadtplatz überblicken kann, sieht er als erstes hinter sich, ob ihm das Känguru bis hierhin gefolgt ist, dann zur Treppe hinüber. Ist sie schon besetzt, ist er ein kleines bisschen enttäuscht, dann muss er auf einem der unbequemen Stühle vor dem Brunnen Platz nehmen. Oder noch schlimmer, auf der Bank im Buswartehäuschen. Die Stadtbusse dürfen nämlich fahren, über den Stadtplatz, Autos aber nicht. Höchstens die Polizei oder ein Krankenwagen oder frühmorgens ein Lieferwagen. Wenn Hagen aber endlich zum Sitzen kommt, egal wo, dann kann er seiner Beschäftigung nachgehen. Er beobachtet. Ungestört von Bäumen, die den Blick versperren könnten. Besonders spannend wird es zwischen halb acht und zwanzig vor acht, um diese Zeit überquert sie den Stadtplatz auf dem Weg ins Einkaufszentrum. Und dann nochmal nach 12 Uhr, wenn sie Mittagspause hat, sie setzt sich dann selbst vor den Brunnen, entweder sie hat eine Plastikbox mit mitgebrachtem Essen dabei oder sie kauft sich etwas beim Bäcker, eher selten aber, sie achtet wohl auf ihre Figur. Manchmal geht sie auch in eins der Geschäfte, in das Dekogeschäft oder das Schuhgeschäft.

Originaltext

2019
Regeln

Olga weiß jetzt, wo Hagen Bert arbeitet. Das ist schon mal gut. Allein es zu wissen, macht sie so, sie weiß nicht wie, es erinnert sie vage an ein Gefühl, vor langer Zeit, als sie jung war und auf dem Weg, eine gute Schauspielerin zu werden. Karriere zu machen. Olga war nämlich die Erste in Deutschland, die das Blumenmächen Kot Pun gespielt hat. Und bis heute die Einzige, zumindest im Theater. Es war der Beginn einer Revolution. Dann kam Hagen Bert und hat dafür gesorgt, dass sie nicht mehr schlafen, nicht mehr essen und noch schlimmer, nicht mehr denken, und am allerschlimmsten: nicht mehr spielen konnte.
Vielleicht ist es das, denkt Olga, das Gefühl, dass alles möglich ist. Dass du es nicht eilig hast. Dass die Zeit für dich spielt. Die Zeit spielt für Olga, weil Olga die Einzige ist, die die Spielregeln kennt. Und sie ist die Einzige, die diese Regeln jederzeit ändern kann. Vorerst lauten die Regeln: Beschattung von Hagen Bert. Er hat sie nicht erkannt bei der kurzen Begegnung an der Drehtür, kein Wunder, sie sieht vollkommen anders aus als damals.
Ihr Gesicht ist anders, ihr Körper ist anders, ihre Haare sind anders, ihre Zukunft eine andere. Sogar ihre Vergangenheit ist eine andere als die vor dreißig Jahren. Sie kann Hagen Bert soviel beschatten, wie sie will, er wird sie nicht erkennen. Als erstes wird Olga herausfinden, wie sie ihm schaden kann. Und dann, wie sie ihm schaden wird.

Autor:in: anonym

Valentina geht in Istanbul in die Hagia Sophia und findet ihre Schuhe nicht mehr. Vor Peinlichkeit wagt sie es nicht, etwas zu sagen, und geht einfach strümpfig los.

Originaltext

13:11 Uhr
Sekunden

Der Mann, der am Busbahnhof zusammengebrochen ist, hat seinen Absturz schon lange hinter sich. Seitdem lebt er von einer Minute zur anderen, von einer Sekunde zur anderen. Jede Sekunde, die er sich selbst nicht spürt, ist eine gute Sekunde.

Autor:in: Greta von der Donau

Auf der Fähre über den Bosporus sieht Merve ihr Leben so klar wie nie. Was, wenn ein Erdbeben kommt und die ganze Stadt in Schutt und Asche legt? Nur sie und alle, die auf dem Wasser sind, überleben. Sie muss ihr Leben ändern. sie wird alles anders machen. Gleich, wenn sie in Kadiköy angekommen ist. Aber erst einmal kauft sie sich einen Sesamkringel. Schon wieder teurer geworden, denkt Merve. In Kadiköy schenkt sie einem bettelnden Kind den angebissenen Sesamkringel, und das Kind läuft hüpfend davon, wie nur Kinder hüpfend davonlaufen können. Merve stellt sich vor, dass das Leben dieses Kind wegen dem geschenkten Sesamkringel eine entscheidende Wende nimmt. Allerdings, das Kind wollte gar keinen Sesamkringel. Aber woher soll Merve das wissen.

Originaltext

14:32 Uhr
Intersport

Nicos erste Erinnerung an das Einkaufszentrum ist, dass er an der Hand seiner Mutter über den Flur A geht, dass alles gleich aussieht, aber nur auf den ersten Blick. In einem Geschäft gibt es Fleisch, im anderen Kleidung, es gibt Läden mit Büchern, mit Süßigkeiten, mit Lampen, mit Fahrrädern, mit Plüschtieren, es gibt Autos und Lokomotiven, in die man sich hineinsetzen kann, einen Elefanten, auf dem er gerne reiten würde, aber es kostet etwas, das geht nicht. Die Hand seiner Mutter hält ihn fest, er staunt, er empfindet Ehrfurcht, er ist dankbar, er weiß nicht genau, wofür. Außer Fleisch und ein Paar billigen Schuhen bei Intersport kaufen sie nichts, noch nicht einmal ein Eis bekommt er. Als er älter ist, kauft seine Mutter ihm Geodreiecke, Turnsachen und neue Jeans. Er geht jetzt nicht mehr an ihrer Hand, sondern trottet neben ihr her. Seine Mutter hat einen erstaunlich schnellen Gang, er würde lieber langsamer gehen. Nur ein einziges Mal hat sie ihm teure Adidas gekauft, das war im Sommer bevor er in die Realschule kam. Wenn er am Grab seiner Mutter steht, fühlt er nichts, nur wenn er an dem Sportgeschäft vorbeigeht, spürt er wieder ihre schweigsame Hand.

Meistens waren sie zuhause.

Gerade hat er sich mit seinem Vater im Eiscafé Diana getroffen, der Vater ist alt geworden, seine Haare sind schlohweiß, er schimpft auf die Jugend, auf die Ausländer und auf die Ärzte, er schlurft seinen Kaffee aus, dann geht er wieder, ohne ein einziges Mal gefragt zu haben, wie es Nico geht. Da Nico es nicht anders kennt, fällt ihm das nicht weiter auf. Er bleibt noch ein bisschen sitzen, dann steht er auf, geht zu Intersport und schaut sich verschiedene Sporttrikots an, Nike, Puma, Saucony, Adidas. Er nimmt zehn Trikots mit in die Kabine, obwohl nur drei erlaubt sind. Aber noch nie hat ihn jemand daran gehindert oder auch nur darauf angesprochen. Nach dem vierten Trikot schaut er auf sein Handy, das gepiepst hat.

Autor:in: SUSI

Der Mann schlägt den Hund und dann weinen beide und ein anderer Mann kommt und geht mit dem Hund weg. Der Hund heißt Frederic, auch der andere Mann heißt Frederic. Wie ist alles gekommen? Frederic verkauft Telefone, aber es reicht nicht, er verkauft zu wenig, er hat drei Kinder, eins davon mag er nicht, er versucht, gerecht zu sein, aber wenn er ehrlich ist, bekommt das ungeliebte Kind immer zu wenig. Zu wenig Brot, zu wenig aufs Brot, er geht mit diesem Kind auch seltener zum Friseur. Seine Hausaufgaben interessieren ihn nicht, obwohl das Kind sehr fleißig ist. Die anderen beiden Kinder sind nicht so fleißig. Er versteht alles, der Mann, der Frederic heißt, aber er kann es nicht ändern. Das ist das Schlimmste. Als er den Mann sieht, der den Hund, schlägt, verjagt er den Mann und nimmt den Hund mit nach Hause. Der Hund wedelt mit dem Schwanz, alle Kinder sind glücklich. Er nennt den Hund Frederic, weil ihm nichts besser einfällt. Am nächsten Tag beißt Frederic das fleißige Kind und Frederic verkauft noch weniger Telefone.

Originaltext

10:37 Uhr
Unkraut

Manchmal würde Valentina am liebsten alles hinschmeißen und nur noch kochen, exotisches Zeug, aber auch ganz einfache Sachen, mit Wildkräutern, Kohl und Unkraut zum Beispiel. Sie träumt sogar vom eigenen Restaurant, wo sie einen Geschäftsführer für den ganzen Verwaltungskram einstellen würde, und sie müsste sich nur noch um die Küche kümmern. Kochen und kochen. Und einkaufen, einkaufen ist auch wichtig. Aber dafür müsste sie ihren Job aufgeben und ins kalte Wasser springen. Und das weiß sie auch, dass einen gut bezahlten Job zu haben besser ist als pleite zu gehen und keinen Job zu haben, weil der Geschäftsführer Mist gebaut hat, zum Beispiel, oder den Gästen das Unkraut nicht schmeckt. Und dann ein Minderwertigkeitsgefühl zu entwickeln, Valentina hatte noch nie keinen Job und noch nie eine Pleite und will auch gar nicht wissen, wie das ist.

Autor:in: anonym

Von allen Zwängen und Phobien, die Irma sich im Laufe ihrer 34 Lebensjahre zugezogen hat, ist die Konfi-Angst eine der harmloseren. Wenn sie auch bei Themenkonferenzen selten die Kraft zu einem konstruktiven Redebeitrag aufbringt, schafft Irma es meistens, nicht weiter aufzufallen und wenigstens passiv teilzunehmen. Nur manchmal entschlüpft ihr ein Gähnen oder Stöhnen, aber was soll sie machen, die Lüftung im Konferenzraum ist hundsmiserabel und die Fenster lassen sich im 16. Stock nicht öffnen. Ohnehin hat sie das Schlimmste heute schon geschafft, das hofft sie jedenfalls inständig. Am Morgen hat sie der Versuchung, mit der Linie 18 bis zur Endstation zu fahren, nicht widerstehen können, weshalb sie spät dran war und notgedrungen den Aufzug nahm. Im letzten Moment, die Aufzugtür war gerade dabei sich zu schließen, hatte der Hausmeister sich schnaufend durch den Spalt gequetscht, wobei sein Hemd hochgerutscht und … sein behaarter, praller Bauch zum Vorschein gekommen war. Irma, die nachweislich an einer ausgeprägten Gymnogasterphobie leidet, das ist eine wirklich unpraktische Angst vor nackten Bäuchen, war ohne Umschweife schwarz vor Augen geworden. Es war ihr unmöglich gewesen, den Notknopf zu betätigen. Aber vielleicht ganz gut so, im Nachhinein betrachtet. Der Hausmeister kann ja auch nichts dafür. Wobei, für sein Hemd ist jeder selbst verantwortlich. Nach gefühlten Stunden, in denen Irma tausend Tode gestorben war, hatte sich die Aufzugtür wieder geöffnet und sie per Zufall genau dorthin entlassen, wo sie am liebsten hinwollte: in die ewigen Jagdgründe der Tiefgarage, in der es kühl war und niemand sah, wie sehr sie litt.

Originaltext

10:19 Uhr
Kleines Tier

Immer ist Irma mit ihren Gedanken irgendwo, aber nicht bei der Arbeit. Das nervt. Valentina macht das aggressiv. Valentina hasst es, aggressiv zu sein. So kann sie nicht arbeiten, sie verdirbt sich ja den ganzen Tag. Love it, leave it or change it. Kann sie gleich mit change it anfangen. Sie überlegt, was sie an Irma so aggressiv macht. Und wieso Irma so zerstreut ist. Valentina muss ehrlich zugeben, dass sie in Irmas Situation wahrscheinlich auch zerstreut wäre, geboren und aufgewachsen in irgendeiner Kleinstadt, deren Name Valentina absolut nichts sagt (noch nicht einmal ob Süden, Norden, Osten oder Westen), Vater unbekannt, eine Schwester. Abitur, Studium und alles, normal. Freie Mitarbeiterin als Honorarkraft, auch normal. Valentina muss sich jedoch eingestehen, dass sie selbst es sehr viel besser getroffen hat als Irma und sie deshalb ruhig ein bisschen verständnisvoller sein könnte. Valentina hat: Urlaubsanspruch, Krankengeldanspruch, Arbeitslosengeldanspruch. Außerdem Aufstiegschancen und Gewinnbeteiligung. Auch die Rente ist soweit gesichert. Eigentlich der beste Job der Welt, sagt Valentina halblaut vor sich hin. Sie atmet tief ein und tief aus und fühlt, wie das Mindsetting seine Wirkung tut. Und dann ist da plötzlich noch etwas anderes, denn kaum hat sie den Satz gesagt, trippelt er durch ihren Körper wie ein kleines Tier. Er löst etwas aus. So ein seltsames Gefühl, als ob sie gleich weinen müsste, aber sie wüsste gar nicht, warum. Und dann passiert es, plötzlich stimmt der Satz, auch wenn er kurz vorher nicht gestimmt hat. Ihre Aggressionen sind wie weggeblasen. Hammer.

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